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entscheidenden Crise lag. Die feine Sitte bürgte mir vor jeder indiskreten Frage; aber mehr als das, ich fühlte auch den stillen Sinn meiner Freunde, der mich dem ungestöhrten Genusse des ahndungsvollen, sanftoffenden Zustandes meiner Seele überliess. Julius schien sehr beschäftigt, und suchte nicht mich allein zu finden.

Ich schrieb an meinen Vater. Mit welch innigem Anteil rief ich mir jeden kleinen Umstand unsrer ersten Bekanntschaft zurück! Jedes bedeutende Wort, welches ich von ihm vernommen, die geheimnissvolle Kraft seiner Reden entüllte sich mir jetzt; der Sinn des Vaters hatte meine ahndende Seele getroffen.

Auch dem Prediger von Hohenfels schrieb ich, beruhigte ihn über die sonderbare Begebenheit, deren Entzifferung ich ihm mündlich versprach. Mein Glück, in dem völligen Einverständniss mit Nordheim, legte ich an sein teilnehmendes Herz. Nordheim hatte ihm schon früher geschrieben.

Von Nordheim empfing ich jeden Tag liebevolle Zeilen, die mich mit der hoffnung trösteten, dass unser Glück keine Opfer kosten würde.

Als die Gräfin nach D. zurückging, sollte Bettina sie begleiten, sie bat dringend bei mir bleiben zu dürfen. Auf die Anspannung, in der sie ihre sorge um mich erhalten hatte, folgte eine Art von kranker Ermattung. Sie weinte an meinem Busen über mein Glück in Nordheims Verbindung, und es blieb mir und ihrem eignen unschuldvollen Herzen unentschieden, ob der Krampf des Schmerzens oder der Freude diese Tränen hervorpresste.

Sie war verändert, und schien einen Rückblick auf sich selbst zu bekommen, den ihre grosse Lebhaftigkeit, und die Ungebundenheit ihres Wesens in allen seinen Empfindungen, bis jetzt immer gestöhrt hatte. Ihre Weiblichkeit erwachte, und suchte natürlich nach den Gesetzen des Anstandes, der der inneren Sittsamkeit auch einen äussern Ausdruck zu geben strebt.

Julius und Nordheim lebten in der innigsten Verbindung, und wechselten beinah täglich Briefe. Julius sann nur auf unser Glück, und wenn ich ein Wort des Dankes gegen ihn aussprechen wollte, hiess er mich zärtlich schweigen, und sagte sanft: Wer sollte nicht sein Dasein in dem Glück zweier solchen Menschen finden können!

Nach einer Entfernung von wenigen Tagen kam Julius des Morgens auf mein Zimmer. Er gab mir einen Brief von Nordheim, der mich auf eine neue Wendung unsrer Lage, die ich von Julius vernehmen sollte, vorbereitete, und der sich mit den Worten schloss:

"Meine Agnes allein wird meinen Entschluss bestimmen. Seit das beste Herz an dem meinen schlug, ist sein Glück die erste nächste Bestimmung meines Daseins geworden, und ich fürchte nur zu sehr in diesem Fall seine Stärke, die ich schon erfuhr."

Julius sagte mir jetzt, dass eine Veränderung in den Constellationen der politischen Welt es für den Fürsten und das ganze Land äusserst wichtig mache, eine Negotiation, die Nordheim auf seiner letzten Reise an einem nordischen hof angeknüpft habe, weiter zu verfolgen. Der entscheidende Moment sei nun gekommen, und von Nordheims persönlichen Eigenschaften und Lokalkenntnissen könne man sich einzig den glücklichsten Erfolg versprechen.

Der Minister fühle das, er selbst habe dem Fürsten die notwendigkeit, Nordheim wieder zu gewinnen, vorgestellt.

Über das verhältnis mit mir zeige er jedoch eine unbegreifliche Unbiegsamkeit. Der Prinz und die Prinzessin glaubten beide, dass das Gemüt ihres alten kränklichen Vaters so sehr von Furcht und Zweifeln über diese Heurat umstrickt sei, dass es dem Minister jetzt unmöglich falle, die selbst geschlungenen Knoten wieder aufzulösen. Das verhältnis sei für Nordheims Edelmut zart, und schwierig zu behandeln. Er verschmähe es, meine Hand, als den Preis eines zu leistenden Dienstes zu fordern. Da er gegen den Minister nicht zeigen dürfe, dass er von den Verhältnissen der Prinzessin unterrichtet sei, so könne er dem Fürsten gar keine Gewalt über Agnes zugestehen. Bei dem Fürsten sei die Sache noch schwerer, und leide beinah gar keine Berührung. Der Prinz und die Prinzessin scheuen es, in den alten Mann zu dringen; ruhige Vorstellungen anzuhören sei er unfähig, und jede Aufwallung des Zorns drohe die schwache natur zum Kampfe des Todes aufzureizen.

Über Hohenfels hingegen habe Nordheim höchst mutig und bestimmt mit dem Fürsten und Minister gesprochen, und beiden deutlich gesagt: er könne keinem Herrn dienen, der mit einer Ungerechtigkeit beladen sei. Auch habe er das Wort des Fürsten empfangen, Hohenfels solle in einem monat befreit werden.

In jedem Fall werde Nordheim in Gemeinschaft mit Julius Massregeln für Hohenfels Sicherheit nehmen.

O warum, meine teure Agnes, sagte Julius, indem er meine Hand fasste: warum ist Ihrem schönen Herzen nicht der volle Genuss seines Glücks gegönnt! Nordheims Abwesenheit kann wenigstens ein halbes Jahr dauern, denn mancher Berg ist zu übersteigen oder zu untergraben; die verschiedendsten Interessen sind zu vereinigen, und auf die verschiedensten Gemüter ist zu wirken: welcher Verlust wäre diese Trennung für die Liebe!

Nordheim drang bei Ihrer Mutter darauf, mit Ihnen vor seiner Abreise getraut zu werden, damit er Sie bitten dürfte, ihm nach Hohenfels Befreiung, an den Ort seiner Bestimmung zu folgen. Die Prinzessin fand den Plan zu gewagt, und fürchtete, der Fürst möchte davon unterrichtet werden.

Nordheim wollte sodann den Auftrag ganz ablehnen. Der Prinz und die Prinzessin bestürmten ihn mit Bitten, ersterer aus Staatsinteresse, und die gute milde Seele in der hoffnung, dass nach vollbrachtem Geschäft, die Heurat mit der Einwilligung des Fürsten geschehen würde. Nordheim musste endlich beiden in so weit nachgeben, dass die ganze Lage der Sache Ihnen dargelegt werden sollte, und versprach sich nach Ihrer Entscheidung zu betragen.

Mein erstes Gefühl war ungeteilt für die Reise,