Ihnen, dass ein Unglücklicher noch einige Jahre durch litt, wo Sie ihn schon in der Ruhe des Grabes wähnten.
Mein Leben war ein Gewebe leichtsinniger Schwachheiten; nur wenigen Glücklichen vergönnt das. Schicksal, die Folgen ihrer Torheiten auszulöschen.
Ich wünschte aus einer Welt zu verschwinden, wo ich nur Verwirrung anrichtete und empfand.
Zweimahl riss mich mein edler Freund Nordheim vom Abgrund des Verderbens, rettete meine Existenz, meine Ehre. Heisse Gelübde folgten dem Gefühl dringender Not, aber ein Charakter, ein Leben, dem einmal die Folge gebricht, findet sie nur durch die hülfe eines bessern Genius wieder. Aufs neue hingerissen, fiel ich aufs neue in dringende Schulden. Sollte ich noch einmal beladen mit unverzeihlicher Schwachheit und Schuld vor meinem edlen Freund stehen? Je gewisser ich seiner hülfe war, jemehr scheute ich die Hoheit und Güte dieses Wesens.
Ich will seine achtung gewinnen, oder nie wieder vor ihm erscheinen, beschloss ich, als ich meine Reise nach Indien unternahm.
Ihnen, teure Amalie, wollte ich eine Freiheit wiedergeben, die Sie zu Ihrem Unglück zu früh an mich verloren; an einen Mann, der Sie nicht zu schätzen, Ihre Jugend nicht zu leiten verstand. Die gesetz unsrer Kirche erlauben Ihnen keine Heurat, so lange ich am Leben bin, und warum sollen Sie Fesseln tragen, die das Glück Ihres Lebens vergiften? Mein gänzliches Verschwinden allein lösete die Verworrenheit, die ich verursachte.
So fühlte ich, als ich Madame Barcino mit der Nachricht meines Todes zu Nordheim schickte. Ich hatte das arme geschöpf von der notwendigkeit meines Verschwindens vom Schauplatz überzeugt, und ein heiliges Gelübde ihrer Verschwiegenheit empfangen.
Ich hoffte bald durch Arbeit und Anstrengung ein kleines Vermögen zu erwerben, mit dem ich meine Kinder versorgen könnte, aber das Schicksal spielte mit meinen Entwürfen.
Wahrscheinlich unterliegt meine geschwächte Gesundheit in kurzem der Gewalt dieses feindseligen Klima's. Von Ihrem guten Herzen wage ich etwas zu bitten, und bin der Erhörung gewiss.
Geniessen Sie die Einkünfte des geringen Vermögens, welches ich Ihnen zurücklassen konnte, so lange Sie leben, ungeteilt; aber nach Ihrem tod gehe es nicht in fremde hände über, sondern werde ein Besitztum für meine Kinder. Erst jetzt, da ich das Bittere der Armut und harten Arbeit unter einem fremden Himmel empfinde, fühle ich den Stachel der sorge für die Zukunft dieser armen Geschöpfe.
Sollten sie sich als v e r l a s s e n von ihrem Vater ansehen?
Mein Andenken bleibe von Ihnen nicht ungesegnet. Mein Wille war nie, Sie unglücklich zu machen, aber was ist der Wille einer kraftlosen Brust?
Jetzt, da mich die Einsamkeit des Geistes und Herzens in mich selbst zurückführt, jetzt labt mich oft nach anstrengender Arbeit ein Traum von Ihnen, von allem was wir hätten für einander werden können; aber die Schlange der Reue liegt unter diesen blühenden Träumen. Alles ist vorbei, ich bin schon für Sie nicht mehr. Auch der Nachhall meines Daseins, das Schattenleben das ich hier führe, wird bald verlöschen. Ein Wunsch für Ihr Glück wird die letzte Regung meines Herzens sein. Danken Sie Nordheim für seine Treue an meinen Kindern. – Das Herz entgeht mir im Andenken dieses edlen Freundes, und die Züge meiner Hand verlöschen in Tränen. Leben Sie wohl auf ewig! Nach diesen Briefen hatte ich allen Mut verloren, Amaliens Entschluss für jetzt zu bekämpfen. Nachdem ich des Unglücklichen Schicksal mit ihr beweint hatte, fuhr sie fort:
Ich eilte sogleich zu Madame Barcino, nachdem ich diese Briefe gelesen. Aus wenigen Äusserungen meines lebhaft bewegten Herzens fühlte sie, dass ich ihr geheimnis wusste. O Gott! rief sie aus: Sie wissen, dass Ihr Gemahl noch lebt, wissen es, ohne dass ich meinen Eid verletzte! Welches Wunder deines Erbarmens! sagte sie, und sank vor einem Marienbild in stillem Gebet nieder.
Ich erfuhr von ihr, dass sie seit diesen Briefen noch einige von meinem Gemahl erhalten. Alle waren traurig, in demselben Sinn niedergeschlagener Hofnungen wie der erste, und entielten nur fragen nach den Kindern. Der Freund, durch welchen der Briefwechsel geführt wurde, und der über meines Mannes Schicksal näher als sie selbst unterrichtet schien, lebte in der Schweiz.
Das arme Weib war ein Raub der schmerzlichsten Gefühle, die ihr Gemüt bis zum Wahnsinn verspannt hatten. Sie hörte von einer Heurat Nordheims mit mir, von der sich das Gerücht oft verbreitete.
Da sie von dem Leben meines Mannes überzeugt war, trieb sie ihr Gewissen an, solch eine Entweihung des Sakraments zu verhindern. Ihr abgelegter Eid, das geheimnis von meines Mannes Leben nie zu entdekken, die sorge um das Schicksal ihrer Kinder, dieses alles erregte einen fürchterlichen Sturm in der Armen Gemüt, das endlich den friedebringenden Traum als ein Rettungsmittel ergriff. Sie beschwor mich jetzt, da sie mein Gelübde für ihre Kinder zu sorgen empfangen, ihr einen Zufluchtsort in einem Kloster zu verschaffen.
Ich werde mit Nordheim darüber sprechen, und glaube beinah selbst, ihre Fantasie, die von solchem Wahn nur befangen und erkrankt ist, wird auch am besten durch Wahn geheilt werden. Die Gräfin verliess uns den folgenden Tag, versprach mir aber noch einen Besuch vor ihrer Reise nach der Schweiz.
Die alte holde Vertraulichkeit unsers Cirkels umfing mich so sanft in dem stillen häuslichen Leben meiner Freunde! Das Stillschweigen, welches ich über meine Verhältnisse beobachtete, stöhrten ihren Anteil an mir nicht. Es schien ihnen bekannt, dass mein Schicksal in einer