den zunehmenden Jahren beinah zur Krankheit geworden, die seinen sonst so scharfen blick umdämmerte.
Er wollte ein einziges reines Glück dem Herzen, das er liebte, gewähren, und schwankte zwischen Verlangen und Furcht.
Bald bemerkte er Julius Neigung, und war entschlossen, jeden Anspruch aufzuopfern, um dein Glück zu machen. Deine sonderbare verwickelte Lage kam dazu, ich selbst fing an irre zu werden. – Ach nur in einem ganz klaren Gemüt fasst das Misstrauen nie Wurzel!
Nordheim empfand die ganze Gewalt der leidenschaft, und wollte alle ihre Schwachheiten bekämpfen; ein schweres Unternehmen, dem seine Riesenkraft selbst zuweilen unterlag.
Daher sein ungleiches Betragen, sein heftiges Ergreifen und schnelles Verlassen, das dich gute Seele quälte.
Als ein Genius wachte er über deinem Glück, und die zärtlichste sorge eines liebenden Vaters beherrschte selbst sein Hoffen und Begehren nach dir.
Ich war entschlossen dich kalt zu prüfen. – Ach du fühlst was das in meiner Lage hiess, und welche Schwachheiten ich zu besiegen hatte!
Die Tage nach deinem Verschwinden waren unruhig und angstvoll; Nordheim sagte mir sein völliges Einverständniss mit dir, sein reines Glück in deiner Liebe; – ich teilte sein Empfinden – ja gewiss – aber gleichwohl fühlte ich meinen Busen gepresst bis zum Zerspringen.
Nordheims Weib, war eine Gestalt die mir undenkbar war, und die mich gleichwohl ängstigte, wie ein Gespenst, mit dem man unsre Kindheit schreckte, uns noch jetzt ängstigen kann, wenn wir uns in einem halbwachenden Zustand befinden.
In dieser Stimmung war ich, als ich in deinem Zimmer jenes Kästchen von Madam Barcino fand. Es war eine kleine Reisechatouille, die ich meinem Gemahl geschenkt hatte, ein sonderbares Kunststück von Schreinerarbeit.
Ich zog an einem verborgenen Fach, um mich ganz zu überzeugen, und sogleich fiel mir ein Blatt von der Handschrift meines Gemahls in die Augen.
Es war eine alte Rechnung, die von ungefähr in das Fach gekommen zu sein schien; aber wie verwundert war ich, als ich das Datum am Ende der Schrift besah. Es war vom zweiten Jahre nach dem tod meines Mannes, und aus Batavia.
Kaum konnte ich meinen Sinnen trauen. Meine Ungeduld kannte keine Schranken, ich erbrach das Kästchen, und fand dass mein Gemahl noch am Leben ist, und dass der edle Grund seiner Entfernung, meine innigste Dankbarkeit, mein ganzes Herz, mein ganzes Leben fordert.
Ich umarmte Amalien unter herzlichen Tränen.
Die rührende Wahrheit, mit der sie mir ihr Gemüt darlegte, der düstre Sinn ihres Schicksals, ein Dasein, das in der Knospe schon zernichtet wurde; – alles dieses senkte eine unaussprechliche Wehmut in mein Herz. Ihre schöne anspruchlose Liebe warf ein himmlisches Licht um ihre ganze Gestalt, und mein Wesen wallte in seinen zärtesten Regungen gegen sie.
Ich eile jetzt, einen Freund meines Gemahls, der in der Schweiz lebt, aufzusuchen, sagte die Gräfin. Nach den Nachrichten, die ich von diesem empfangen werde, folge ich meinem Gemahl vielleicht in einen andern Weltteil, vielleicht dass ich ihn zur Rückkehr nach Europa bewegen kann.
Vergebens bat ich sie, dieses Unternehmen aufzugeben, und die Rückkehr des Grafen im Schooss ihrer Freunde zu erwarten.
Nein, rief sie schmerzlich, auf den stürmischen Wogen des Meeres wird mein Herz ruhiger schlagen. Nur einem schuldlos Leidenden wird jede Stunde stiller Trauer zum Segen! Aber wenn eine düstere Vergangenheit in unserm eignen Herzen, und nicht allein in dem Gewebe unsers Schicksals hängt, wenn wir unser eigenes Wesen nicht rein aus den entflohenen begebenheiten zu scheiden vermögen, dann sind die rächenden Göttinnen des Schicksals nur durch Taten, Mühe und Leiden zu versöhnen.
Lesen Sie die Briefe des Unglücklichen, den die Kraft eines stärkern Herzens, als das meine war, vielleicht in dem Sonnenschein des Glücks erhalten hätte.
Sie gab mir folgenden Brief:
An Emilie Barcino.
Das Glück, gute Emilie, scheint vor dem törichten Leichtsinnigen zu fliehen, der es einmal mutwillig von sich gestossen.
Bis jetzt zeigte sich mir noch keine gelegenheit zu einer vorteilhaften Unternehmung, die mir hoffnung machen könnte, unser aller Schicksal zu verbessern.
Wahrscheinlich werde ich in dieser entfernten Weltgegend mein Grab finden, ehe ich meine Glücksumstände wieder hergestellt habe.
Ich kenne Nordheims Grossmut, und bin gewiss, dass du versorgt bist, und meine Kinder gut erzogen werden. Gleichwohl quält mich der Gedanke, dass die armen Geschöpfe nur Wohltaten empfangen, keine Rechte besitzen sollen. Sollen selbst meine Kinder das Andenken ihres Vaters nicht segnen? Soll es ganz ungesegnet verlöschen?
Ich rechnete auf einen früheren Lohn meiner Arbeit, als ich nach Indien ging, und es tat meinem Herzen wohl, meiner Gemahlin meinen guten Willen zu zeigen. Die wenigen Güter die ich noch zurückliess, schienen mir eine geringe Entschädigung für den Verlust ihres schöneren Lebens, ihres ansehnlichen Vermögens, dass sie an meiner Seite verlor.
Meine schwankende Gesundheit, die von diesem Klima bald ganz zerstöhrt werden wird, und der unvorgesehene langsame gang meiner Unternehmungen, beunruhigen mich über das Schicksal meiner Kinder.
Ich sende dir hier durch einen sichern Freund, der eben nach Europa zurückgeht, einen Brief an meine Gemahlin, aber mit dem ausdrücklichen Befehl, ihn erst dann zu übergeben, wenn du die Nachricht meines Todes durch eben diesen Freund empfangen hast.
Lebe wohl, gute Seele! Ach, meine Kinder haben ihren Vater schon beweint! Glückliches Alter, wo der Tod und ein unersetzlicher Verlust sinnlose Worte sind!
Lebe wohl!
An Amalie von Wildenfels.
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