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, dass Nordheim seinen Reiseplan geändert hatte.

Als er mich stark genug fand, um wieder an die Zukunft denken zu können, bat er mich um meine Hand.

Ich bebte zurück vor dem Glanz eines unaussprechlichen Glücks; es war eine hohe Erscheinung, die ich nicht zu umfassen wagte; sie kam zu unerwartet, und eine dunkle Ahndung hielt meine Seele gebunden, dass mein Schicksal mir solch ein Glück nicht gewähre. Nur Mässigung und Dulden hielt die rächenden Göttinnen von mir entfernt; ich ahndete, dass die labenden Früchte des Genusses vor meinen Lippen verschwinden würden.

Ich willigte gleichwohl in alles, was Nordheim wünschte. Sein Betragen blieb sich gleich. Er war der gefälligste zärtlichste Freund, aber einsam fühlte ich mich neben ihm in der Glut meines Herzens.

Der Besitz verändert jeden Gegenstand. Ich fing an zu fürchten, zu zweifeln, und eine rächende stimme in meinem Innren rufte mir unaufhörlich zu: ich sei eines solchen Glücks nicht wert.

Jetzt dachte ich mir Nordheims edle hohe Gestalt, als meinen Gemahl, im Angesicht des Mannes für den ich schwach gewesen war; – der entscheidende Augenblick war gekommen, ich fühlte es, ich musste der geliebten Hand entsagen.

Ich war unruhig bis ich meinen Entschluss Nordheim entdeckt hatte, und meiner Freundin, die mein ganzes Herz kannte, kündigte ich ihn zuerst an. Sie fand mein Benehmen grillenhaft, sie kannte mein vergangnes Leben nicht ganz. Als wir einmal im Gespräch auf Nordheims so schnell aufgegebenen Reiseplan kamen, sagte sie:

Ach es war in jener fürchterlichen Zeit, wo du mit dem tod rangest! Sein edles Herz vermochte dein Leiden nicht zu ertragen.

Meine Freundin kannte das Gewicht dieser Worte nicht. Nach und nach lockte ich ihr die ganze geschichte ab.

Alle meine Fieberfantasien waren voll von einer unglücklichen hofnungslosen Liebe. Nordheim hatte dieses oft aufmerksam und höchst bewegt vernommen.

An einem Abende, nachdem ich mit einem schmerzlichen Schrei aus dem Schlaf erwachte, hatte ich ausgerufen: Der Reisewagen fährt vor! – o ich werde wahnsinnig werden! aber still, dass er nicht erfährt warum; es würde ihn betrüben!

Als ich dann mein Haupt lautweinend ins Kopfkissen verborgen, sei Nordheim vor meinem Bette niedergekniet, habe meine hände mit tausend Tränen benetzt und ausgerufen: Teures, unglückliches Wesen, wenn ich dich retten kann, so nimm mein ganzes Dasein!

Hierauf habe er zu meiner Freundin gesagt: Diese Scene bleibe ewig ein geheimnis für unsre Freundin! und sich in der grössten Bewegung entfernt.

Ich dankte meinem Genius, dass mein Entschluss dieser Entdeckung zuvorgegangen war. Zum erstenmahl in meinem Leben hatte ich ein Gefühl meiner selbst vor Nordheim, als ich ihn mit der Eröfnung meiner Gesinnung überraschte. Er gab mir tausend Beweise, dass sein Antrag das volle Gefühl seines Herzens war, dass mein Glück in gewisser Art unzertrennlich von dem seinen sei. Als er aber meinen Entschluss unwiderruflich fand, gestand er mir frei, ich hätte das edelste erwählt.

Unsre Gemüter begegneten sich nun in himmlischer Freiheit. Unaussprechlich ist das verhältnis zarter Seelen, die auf ihre gegenseitige Stärke zu rechnen wagen. Er sagte mir frei, dass er mich nie in dem Sinn geliebt hätte, wie es vielleicht meine volle Glückseligkeit erforderte, dass er das Vermögen zu einer tiefern höhern Empfindung in sich trüge, die als Ideal des höchsten Glückes vor ihm schwebe, und sich noch nie auf e i n e n Gegenstand gesammlet habe.

Welches Glück fand ich darinne, die hohe Seele meines Freundes im holden Vertrauen aufzufassen! welche Erhebung meines eignen Wesens! Mein Zustand war ein Wechsel von Genuss und Leiden. Meine geistigen Kräfte blieben in rascher Übung, ich hatte mein Gefühl immerwährend zu bekämpfen. Nordheim blieb mein zärtlicher Freund; Gewohnheit und Gewissheit des Besitzes, so hoffte er, würden die Dornen der Liebe aus meinem Gemüte reissen.

Ich genoss seines Umgangs in langen Zeiträumen ungestört. Wenn die Welt unser verhältnis falsch auslegte, so zeigte sie ihren gewöhnlichen Kurzsinn; gerade seine Reinheit bürgte mir für seine Dauer. Nordheim und ich hatten uns vielleicht zu sehr gewöhnt mit dem Beifall unsers Herzens zufrieden zu sein. Es mochte wohl mit unter auch ein guter Mensch an uns irre werden, aber wer uns genau kennen lernte, kam von seinem Irrtum zurück.

So vergingen die Jahre. Je mehr ich in die Welt, in die mannichfachen Lebensweisen der Menschen blickte, je mehr lernte ich die reinen, ersten Naturverhältnisse der Ehe und der elterlichen Liebe ehren. Es schmerzte mich, dass mein Freund sie entbehren sollte; wie ich dir sagte, liebstes Kind, mein bessres Wesen wünschte sein reines Glück, und besiegte die Schwachheiten des Herzens.

Ich darf es hoffen, sie blieben sogar den Augen meines Freundes unbemerkbar, aber keine Gestalt hatte ihn gefesselt, obwohl er nicht immer ungerührt blieb.

Endlich fand er dich, und ich fühlte sein Herz getroffen, seine Seele voll Verlangen, und voll neuer Bilder des Lebens.

Deine sonderbare hülflose Lage, der Gedanke, dein Schicksal in jedem Fall verbessern zu können, stimmte in seinen Plan. Er wollte das Herz, dem er die Ruhe seines Lebens vertraute, ganz kennen, in seiner Kraft des Empfindens, in der Gewalt seiner Neigungen, in dem Vermögen einzig durch Liebe beglückt zu werden. Er eröfnete sich gegen deinen Vater in Hohenfels, der dich uns anvertraute.

Bald entstand ein gespanntes verhältnis zwischen uns beiden, und jedes verlor an innrer klarheit und freiem blick.

Nordheims unaussprechliche Bescheidenheit und Zarteit war mit