Reise nach S., von den vornehmen Familien, mit denen sie dort Bekanntschaft zu machen dächten, und von ihrer Verwandschaft mit ihnen. Sie sprachen von diesem allen mit ungewöhnlich lauter stimme, aber da alle Versuche, die Aufmerksamkeit des Fremden auf sich zu ziehen, fehlschlugen, flüsterten sie wieder heimlich zusammen: es sei schwerlich ein Mann von stand, da er keine der guten Familien dieser Gegend zu kennen schiene.
Das Geflüster, welches sich die jungen Damen oft bis zu einer beleidigenden Art über einen dritten erlaubten, den sie für unbedeutend hielten, war mir unerträglich; ich schlug ein Spiel vor. Die fräulein, die nun einmal die hoffnung aufgegeben hatten, durch ihre glänzende Unterhaltung die Aufmerksamkeit unsers Gastes zu fesseln, überliessen sich nunmehr auch ganz ihrer ungebundensten Laune, und wählten die blinde Kuh. Das nächste Zimmer wurde geöfnet, und der junge Salm musste sich die Augen verbinden. Er tat es nur nach wiederhohlten Neckereien seiner Schwestern, da er noch immer eine hohe Meinung von dem Fremden hegte, und noch hofte, seine Gelehrsamkeit in einer Lücke des Gesprächs einzuschieben. Endlich kam das Spiel in gang, und ob ich gleich immer mit der halben Seele bei meinem Vater und dem Fremden war, so konnte ich doch nur abgetrennte Worte vornehmen. Ich hörte meinen Nahmen wiederhohlt nennen, sie sprachen eifrig, die Augen des Fremden suchten mich oft, und leuchteten mir wie ein Blitz in die Seele; bei jedem Stillstand des Gesprächs nahte er sich unserm Spiel immer mehr, und schien es mit Anteil anzusehen. Die fräulein blieben mit ihren hohen Absätzen und langen Schleppen überall hängen, und liefen so ungeschickt, dass sie oft hinfielen, während ich in meinem leichten Hausanzuge und platten Schuhen leicht fortüpfte. Es freute mich nicht wenig, zu fühlen, dass die Augen unsers Gastes nur mir folgten, und zum erstenmahl bemerkte ich mit Vergnügen, wenn unsere Schatten auf der weissen Wand durch einander hüpften, dass ich eine schlankere Gestalt hatte, als meine Gespielinnen. Endlich kam die Reihe an mich, die Augen zu verbinden. Ich lief ein paar Minuten im Zimmer umher, dann nach der Tür, wo mein Vater und der Fremde standen, und fasste den Letzten beim Arm, um ihn in unser Spiel zu ziehen. Ich tat dieses in einem Ausbruch fröhlicher Jugendlaune, die mich leicht bei solchen Spielen ergreift; selbst meinen Vater neckte ich oft so. Als ich schon des Fremden Arm gefasst hatte, fiel mir erst ein, mich zu fragen, ob ich dieses auch hatte tun sollen? Und mein unbefangenes Gemüt wunderte sich wieder über diese Frage, da es ihren geheimnissvollen Sinn noch nicht verstand. In dieser Verwirrung hielt ich immer den Arm fest, bis er sich von meiner Hand losmachte, und meinen Leib umfasste.
Süsser Moment des Lebens, wo Sinn und Geist zuerst in der holden himmelanstrebenden Flamme emporfliegen, wie allgegenwärtig bleibst du einem zartfühlenden Gemüt! Ich war anständig erzogen, in der höchsten Reinheit und Keuschheit des Sinns und der Einbildung; diess war der erste Mann, gegen den ich meine volle Weiblichkeit empfand. Ich fühlte mich seit seiner Gegenwart von jenem magischen Gewebe umsponnen, das die Blicke der Liebe zu erzeugen scheinen, und in dem all unser Tun zärter, feiner und bedeutender wird. Bei seiner Berührung bebten meine Nerven, und eine hohe Heiligkeit schwebte um sein Wesen, die schauernd meinen Busen beklemmte. In diesem nahmenlosen süssen Gemisch der ersten Regungen des Herzens stand ich sprachlos, und versuchte nicht der süssen Gewalt, die mich umwand, zu entfliehen. Fallen Sie nicht, liebes Kind, sagte er sanft, als ich endlich seinen Arm leise wegrückte, und umfasste mich von neuem. Ich suchte meine tiefe Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, und verlangte, er sollte an meiner Stelle ins Spiel. Er löste mir das Tuch um die Augen ab. Als ich ihn ansah, waren seine Blicke fest auf mich gerichtet, und eine unaussprechliche Lieblichkeit milderte ihren Ernst. Sie haben mich also gefangen, Liebe; wollen Sie mich auch fest halten? sagte er mit dem zärtesten, doch halb ernsten Ton, der in der Modulation seiner klangvollen stimme meine tiefste Seele ergriff. Er mischte sich nun auf eine leichte, fröhliche Art für einige Momente in unser Spiel; seine schöne Gestalt und die grosse Leichtigkeit und Grazie seiner Bewegungen entfaltete sich in vollem Reiz. Als er sich zurückzog, gab er mir die Binde zurück, und sagte: ich hätte ihn um zwanzig Jahre verjüngt; eigentlich dürfe man Amors Binde im vierzigsten nicht mehr tragen.
Er sah mich bei den letzten Worten scharf an; mir war, als suchte er eine Widerlegung in meinen Blikken. Bald hernach bat er meinen Vater um die erlaubnis, sich zur Ruhe zu legen, indem er sehr ermüdet sei, und morgen eine starke Tagreise vor sich habe. Er ging sachte aus dem Zimmer, ohne weder mich noch die andere Gesellschaft zu grussen. Mein Vater folgte ihm.
Als er zur Tür hinaus war, ergossen sich die fräulein mit ihrem Bruder in tausend Vermutungen und fragen über die Erscheinung dieses Fremden. Nicht weniger drangen sie in mich, alle kleinen Umstände seiner Ankunft zu erzählen. Die Gegenwart meines Vaters machte sie etwas zurückhaltender. Er hatte einen edlen Ton in seinem haus eingeführt, und alles unnötige leere Geschwätz wurde soviel als möglich verbannt, weil es nur aus kleinen Gesinnungen entsteht, und sie auch wieder nährt. Der junge Salm, der doch den Wert