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angezogen. Meinen sorgfältigsten Anzug, der bisher meine Morgenstunden anfüllte, bemerkte er höchstens nur mit einem leichten Scherz.

Ich hatte nie gelesen, und war nie mit unterrichteten Menschen umgegangen. Jetzt empfand ich das Bedürfniss, von den Gegenständen, die oft in Nordheims Unterhaltung vorkamen, doch wenigstens die Anfangsgründe zu kennen. Ich besuchte meines Mannes Büchersammlung. Mein lebhafter Sinn fasste und verband schnell, und bald zog mich das Interesse meiner eignen Neugier weiter fort. Nordheim half mir auf die gefälligste Art. Ich war immer beschäftigt. Meine wirklich schöne stimme war gar nicht entwickelt, ich wusste nicht was Fleiss und Anwendung war; jetzt lernte ich dieses Talent üben, und Nordheims Beifall oder Tadel lehrte mich eine richtige Metode finden. Eben so entfaltete sich ein Talent zur bildenden Kunst in mir, das meinem Geschmack Sicherheit und Reinheit gab.

Mein vergangnes unbedeutendes Leben flösste mir Eckel ein, seit die Liebe mein Dasein beseelte. Nordheims Anteil an meiner Bildung erhielt die hoffnung ihm zu gefallen. Ich wusste, dass er der Liebe nicht unempfänglich war; durch meinen Gemahl hatte ich erfahren, dass er sonst eine schöne Tänzerin unterhalten hatte, und nachdem er ihrer bald müde geworden, sie mit einem ansehnlichen Jahrgehalt entlassen. Wie die wahre leidenschaft immer ein Ganzes vor sich sieht, dessen Grenzen sich im unermesslichen Dunkel verlieren; so wusste ich mir auch nicht klar zu gestehen, was ich wünschte und hoffte, aber doch hoffte ich.

Aus den seligsten Träumen, die meine Beschäftigungen unterbrachen, riss mich wohl oft eine Äusserung seines Gleichmuts, seiner völligen Geistesfreiheit. Immer war er bloss durch die Sache interessirt, mit der wir uns eben beschäftigten; ich sah immer nur ihn in der Sache.

In einem Menschen, dessen Fähigkeiten ein richtiges verhältnis haben, findet keine einseitige Bildung statt. Wie der Verstand anfängt tätig zu sein, blickt er auf die innren Verhältnisse unsers Wesens, und die stimme der Vernunft erwacht.

Wie schrecklich beleuchtete ihr erster Strahl mein vergangnes Leben! Gleich einer Schreckengestalt, der wir nicht zu entfliehen vermögen, ergriff mich das Bild meines Leichtsinns, und mähte mit der eisernen Sense des Todes jede keimende Blüte des Glücks und der hoffnung vor mir nieder.

Die Gesellschaft, der ich mich seit Nordheims Umgang entzogen hatte, fiel jetzt mit unbarmherziger Verläumdung über mich her. Der Mann, der meinen Leichtsinn benutzt hatte, war unedel und unvorsichtig genug sich seines Sieges über mein Herz laut zu rühmen; und die Frauen von üblem ruf schonten mich natürlich so wenig als sich selbst.

Die geschichte kam meinem Gemahl zu Ohren. Der Mann, der seine Ehre beleidigt hatte, betrug sich auf die niedrigfle Art. Ein Zweikampf erfolgte, während dem ich mit Todesqualen rang. Nordheim, als der vertrauteste Freund unsers Hauses, erfuhr alles. Mein Schmerz grenzte an Verzweiflung, und in seinen bittersten Augenblicken musste ich mir noch selbst vorwerfen, dass meine Tränen weniger die Furcht der Reue, als meiner unglücklichen Liebe waren, die jetzt nur Verachtung statt der Gegenliebe erwarten durfte.

Ich will deine sanfte reine Seele nicht mit dem Gemählde eines Zustandes kränken, über den eine höhere natur sie erhebt.

Die Gräfin sank weinend in meine arme, und nachdem sie ihre Fassung wieder gewonnen, fuhr sie fort:

Mein Gemahl, durch Nordheims Rat, und vielleicht durch manchen leisen Verweis über sein eigenes Betragen geleitet, betrug sich auf eine grossmütige Art gegen mich. Wir beschlossen unsern Wohnort zu verändern, und er schien einen Fehler vergessen zu wollen, der ein verhältnis, welches nur auf achtung und Vertrauen gegründet ist, für immer zerstört.

Nordheim trennte sich von uns, um eine weitere Reise anzutreten.

In den Tagen meines heftigen Leidens hatte er mir unaussprechliche Milde und Schonung gezeigt, mit rührender Sorgfalt über meine Gesundheit gewacht, und jede schmerzliche Rückerinnerung zu entfernen gesucht.

Ich weiss nicht, ob meine tausendfachbewegte Seele sich in jenen Tagen durch irgend eine unwillkührliche Äusserung verriet, aber in der kurzen Zeit die wir noch zusammen verlebten, fand ich Nordheim gedrückt und verlegen in meiner Gegenwart. Ich hielt die, einer zarten Seele eigne Feinheit, mit welcher sie sich einer unerwiederten Empfindung nähert, für die Verwirrung der leidenschaft.

Den letzten Abend vor unsrer Trennung gewann er seine volle Freiheit wieder. Er bat mich zärtlich, jetzt an meiner Ruhe und an der Glückseligkeit seines Freundes zu arbeiten. Er sprach im sanften ruhigen Ton eines Freundes; meine Seele glühte, aber sein höherer Sinn hatte sich gleichsam in meine Brust ergossen. Ich gelobte mir selbst in jenen Augenblicken, nur für meinen Mann zu leben.

Ein verwöhntes Gemüt, das lange der Gewalt jedes Eindrucks nachgab, gewinnt das ruhige Gleichgewicht, in welchem es der Pflicht grosse Opfer zu bringen vermag, so leicht nicht wieder.

Wir waren auf ein Familiengut gezogen, das in einer menschenleeren Gegend lag. Die Einsamkeit erhielt die innre Glut die mein Wesen verzehrte, jede stille Beschäftigung wurde zu einem Traume der Liebe.

Mein Gemahl empfand es, dass ich unglücklich war, dass unsre Herzen sich nicht wieder begegnen konnten, ohne die Ursache zu kennen. Heitre Laune, ein immer gleiches gefälliges Betragen hätten mir vielleicht seine Liebe und sein Vertrauen wieder erworben, aber die leidenschaft zieht stürmische Wolken um unsern Geist, wie um unsre Stirne.

Weder mein Gemahl, noch ich, hatten je an häusliche Einrichtung gedacht, und der Mangel der Ordnung u n d Sparsamkeit fing jetzt an, sich in bittern Folgen fühlen zu lassen.

Ich schadete dadurch, dass