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Veränderung vielleicht nur der Wiederschein meines eignen ruhig gewordenen Herzens sei, das bei ihrem Anblick sonst so selten ohne den Krampf der leidenschaft geblieben war. Aber meine Freunde hatten mir gleich gefühlt, und teilten mir ihre Bemerkungen noch früher mit, als sie die meinen vernahmen.

Ein tiefes Mitleiden füllte meine Brust, ich hätte zu den Füssen dieser edlen reinen Gestalt sinken mögen, um sie über den Besitz eines Glückes um Verzeihung zu bitten, dessen ich sie so würdig fand.

Ich folgte ihr höchst bewegt durch den Garten. Sie sprach mit vertraulichem Wohlwollen über meine ganze Lage, die sie durch meine Mutter, nebst dem geständnis ihrer eignen Verhältnisse vernommen. Sie gab mir hoffnung, dass der Sinn des Fürsten sich vielleicht noch günstig zu unsrer Verbindung beugen würde, die er dem Lauf der natur nach, doch in wenigen Jahren notwendig voraus sehen müsste. Ich fand schon oft diese sonderbare Erscheinung, sagte sie, dass Menschen, die nicht eine tiefere Ahndung der Seele zum Glauben an eine Zukunft hinreisst, ein gänzliches Unvermögen besitzen, ihre Rolle auf dem Schauplatz dieses Lebens als ausgespielt zu denken. Sie versuchen mit aller Macht in den Lauf der begebenheiten einzugreifen, und schmieden Fesseln für die fernsten Generationen.

Glücklicher Weise ist Ihr und Nordheims verhältnis ganz ausser dem Einfluss jenes irren Willens. Wenn Sie Ihren Vater frei und Ihre Mutter ruhig sehen, so kann sich Ihr Herz ungeteilt dem Glück der Liebe hingeben.

Ihr Schicksal ist schön und einzig, bestes Kind! rief sie mit einem sanften Lächeln aus. Eine heitre Jugend, in der sich alle Kräfte des Gemüts frei und schön entfalteten, eine edle Liebe, in der sie sich erhöhten und zu dem lebenreichsten Ganzen vereinten, und das stille reine verhältnis der Ehe, in dem Friede und Ruhe des himmels liegt, wenn ächte Liebe es webte! Wie verschieden verteilt das Schicksal seine Gaben! – Mein bessres Wesen musste untergehendie Harmonie des Glückes berührte es auf Momenteaber immer löste sie sich in fürchterliche Stürme auf, spät empfange ich mich selbst aus dem Strohm zurück, um dem bessern erkennen und Wollen noch wenige Jahre der reinen freien Tätigkeit zu widmen.

Die Tränen stürzten über meine Wangen, ich sank an ihre Brust und sagte ihr leise: Ach, ist mein Glück das Opfer Ihres Herzens, so nehmen Sie es zurück: – ich kann so nicht glücklich sein; durch keinen Raub es sein.

Mit himmlischer Heiterkeit blickte sie mir ins Auge, drückte mich an ihre Brust und sagte:

Bestes Kind, der Moment ist gekommen, wo mein ganzes Gemüt der reinen Mitempfindung deines Glückes fähig ist. Wie fühl' ichs doch aufs neue so wahr, dass nur in der vollen klarheit und Einheit des Willens zwei feinfühlende Menschen sich in ächter Liebe begegnen.

Ich empfand es oft, du k o n n t e s t mich bis jetzt nicht lieben! Seit wenigen Tagen lernte ich mein Innres ganz kennen.

Mein klärstes erkennen, mein reinster Wille gönnte, wünschte dir Nordheims Liebe seit wir uns kannten. Ich darf es sagen, in sehr verwickelten Lagen, in Lagen, wo die Selbsttäuschung für mich beinah unvermeidlich wurde, habe ich keine Handlung begangen, kein Wort gesprochen gegen das Interesse deines Herzens. Mein folgendes Bekenntniss wird diese Selbsterhebung entschuldigen.

Immer fand ich eine unvertilgbare Schwachheit auf dem grund meines Herzens. Den Mann, der mir einzig liebenswürdig schien, ob ich ihn gleich nicht besitzen konnte, vermochte ich doch auch nicht, ohne den bittersten Schmerz, in den Armen eines andern Weibes zu denken. Jetzt reisst das Schicksal mit gewaltiger Hand auf einmal einen Vorhang vor meinem Leben hinweg, fremde Gestalten treten hervor, und ergreifen mein Innres mit einer Gewalt, die seine ganze Vergangenheit umstürzt.

Ich kann jedes Übel, welches mein jugendlicher Leichtsinn stiftete, wieder vergüten, und die Tränen der Reue, die ich einer Entschlafenen weinte, werden sich in tätiges Wohlwollen, in Übungen der Liebe verwandeln.

Ich will Ihnen in wenigen Zügen die geschichte meines Lebens vorlegen, und dein gutes zartes Herz wird aus der neuen Wendung meines Schicksals den Frieden eines ungestörten Genusses schöpfen.

In meinem sechzehnten Jahre wurde ich aus der Kinderstube gezogen. Meine Mutter sagte mir, es sei meinem Vater ein vorteilhafter Heuratsantrag für mich geschehen, mein Bräutigam werde in zwei Monaten ankommen, und ich sollte diese Zeit ja gut anwenden, um recht liebenswürdig vor ihm zu erscheinen.

Meine Mutter war ganz ohne Wahrheit und Herz, die Welt hatte ihr gesundes Empfinden zerstört, sie lebte nur im Äussern und liebte auch ihre Kinder nur, in sofern sie ihnen eine glänzende Existenz zu verschaffen gedachte, die auf sie selbst zurückstrahlte.

Mein Vater lebte in seinen Geschäften. Meine zwei Brüder hatte er einem verständigen Hofmeister übergeben, die Erziehung der Töchter überliess er der Mutter, und diese übergab uns einer alten Französin, die weder Herz noch Kopf hatte, und uns als Puppen behandelte, mit denen sie nach Laune spielte, oder sie in Winkel warf.

Das alte Weib hatte eine leichtfertige Imagination, und sie unterhielt uns grösstenteils mit Geschichtchen, bei denen sie sich immer angenehmer zeiten erinnern mochte. Wir empfingen ein treues Gemählde der Weltsitten, aber unsre Gemüter verloren, wo nicht den zarten Duft der Unschuld, dennoch jenen heiligen Scheu, dem ein unwürdiges Betragen als ein unmögliches erscheint.

Meine Schwestern beschützte ihre kalte träge natur, aber ich fasste lebhaft und schnell, und mein Verstand, der ganz unkultivirt blieb, kombinirte die wenigen Eindrücke