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es mir gelänge, den guten edelgesinnten Greis zur Teilnahme an unserm Glück zu bewegen!

Der Fürst bat Nordheim, ihm in sein Kabinet zu folgen, und als sie zum Abendessen zurückkamen, dünkte es mir, als hätten sich einige leichte Wolken vor der Stirn meines Geliebten gesammelt.

Jeder spielte seine Rolle den Abend hindurch, so gut er konnte. Nordheim allein spielte keine, sondern war mit der höchsten Freiheit und Unbefangenheit gegen jeden, was die natur seines Wesens und des Verhältnisses forderte. Nachgebend und schonend gegen den Fürsten, wie es überlegene Stärke und Mitleid gegen Alter und Schwachheit gebot; kalt, zuweilen schlau gegen den Minister, sanft und gefällig gegen meiner Mutter, leicht und angenehm mit dem Prinzen, und ohne Zurückhaltung zärtlich gegen mich.

Seine Freiheit verbreitete eine allgemeine, für die verworrenen Verhältnisse beinah unbegreifliche Heiterkeit.

Der Fürst wollte früh abreisen. Der Prinz, meine Mutter und der Minister begleitete ihn ins Bad. Auch Nordheim sollte ihm für einige Tage folgen, wegen Geschäfte, über die er mit ihm zu sprechen hätte.

Der Fürst fragte mich beim Abschied, wie ich mit dem Betragen seiner Leute gegen mich auf diesem schloss zufrieden sei? Ich lobte ihre gefälligkeit. Er überreichte mir beim Abschied ein goldnes Etui, in dem ich eine Rolle Louisd'ore fand.

Er entzog seine Hand meinem Kusse nicht, sondern drückte die meine bewegt, und wendete sich schnell von mir.

Meine Mutter und Nordheim verlangten, dass ich augenblicklich zur Ruhe gehen sollte. Ich musste sie durch die Zimmer führen, wo ich krank gelegen, ihre Liebe, ihre Freude an meiner Genesung belohnten mich für jedes Leiden.

Wie sanft schlief ich ein in der Nähe meiner Geliebten! Leicht und gestärkt erwachte ich, und eilte diesen Aufentalt zu verlassen. Heilige Erinnerungen bezeichneten diese Mauern.

Madame Imbert sagte mir, dass alles zu meiner Abreise bereit sei. Herr von Nordheim habe es so eingerichtet, dass ich in seinem Wagen reisen sollte, der Doktor sei da, um mich zu begleiten. Sie selbst nahm einen rührenden Abschied, und schien höchst zufrieden über das gute zeugnis, welches ich ihr beim Fürsten gegeben.

Ich empfahl ihr das Kind, und eilte in das Vorzimmer, den Arzt zu grüssen. Welche süsse Überraschung! Ich fand Nordheim bei ihm, der sich mit Fleiss verspätet hatte, um mich noch einmal zu sehen. Er stärkte mein Herz mit Liebe und hoffnung, sprach von der seligen Zeit, die uns für immer vereinen sollte, und wir schieden leicht und fröhlich im Gefühl des nahen Wiedersehens. Wir flogen über die breite Strasse durch den Wald, Nordheim folgte uns, und unsre Wagen begegneten sich noch einmal.

Eine glückliche Vorbedeutung! rief mir Nordheim lächelnd zu.

Durch die hülfe des Arztes verliess ich diesen Ort gesund und heiter Er fühlte sich glücklich in meiner Dankbarkeit.

Nordheim, den er bis zur Anbetung verehrte, war der Gegenstand unsers Gesprächs.

Elise und ihr Mann empfingen mich mit herzlicher Liebe. Julius kam so eben von einem Spatzierritt zurück. Er schien heiter. Aber die letzte Zeit hatte eine tiefe Spur der Unruhe in seinen sanften Zügen zurückgelassen, alle Umrisse waren schärfer und bestimmter geworden.

Julius fand mich unerwartet. Elise hatte meine Ankunft erst vor wenigen Stunden durch Nordheim erfahren.

Mein Herz öffnete sich in dem lieben Cirkel, wie in den Tagen unsren ersten Verbindung. Ich dachte mit Elisen der Zeit, wo sie mich zuerst in ihren kleinen Cirkel zog. Glücklich, unsre Freundschaft schon in solcher Vergangenheit gegründet zu finden, riefen wir aus: Alles ist wieder wie in D.!

Nein, alles ist nicht so, sagte Julius. Eine der Göttinnen fehlt, die hoffnung! Schnell fasste er sich wieder, sah mich heiter an und sagte: Bleibt doch die himmlische Schwester, immer mögen die zwei irdischen fehlen.

Ich musste mit meinen Freunden über meine letzten begebenheiten sprechen.

Über vieles waren sie unterrichtet. Nordheim hatte grösstenteils mit ihnen gelebt, und lebhaft beschrieben sie mir ihre Unruhe, mich in dieser Nähe zu wissen, ohne mich sehen zu können.

Die Verhältnisse meiner Mutter schienen ihnen unbekannt zu sein, und mit diesen also der eigentliche Grund meines Aufentaltes auf dem Jagdschlosse.

In der ersten süssen Verwirrung des Wiedersehns liebender Freunde wird nichts genau bestimmt, und während wir uns noch in dieser befanden, liess sich die Gräfin von Wildenfels anmelden.

Die sorge um Bettina, und der Wunsch sich mir zu nähern, schienen sie zu dieser Reise bestimmt zu haben.

Nachdem wir die Gräfin empfangen, und die begebenheiten, die sich seit unsrer Trennung zugetragen, im Verlaufe des Tages gemeinsam besprochen hatten, lud sie mich am Abend zu einem einsamen Spatziergange ein.

Beim ersten blick hatte ich eine sonderbare Veränderung in ihrem ganzen Wesen wahrgenommen. Die Leichtigkeit und Grazie ihres Betragens hatte sich in Stille und Ernst verwandelt. Sie schien den äussern Eindruck ganz aufzugeben; ihr Junres schien durch Vorstellungen bewegt, die sich an eine höhere Ordnung der Dinge knüpften. Es war eine stille Hoheit um sie her, die sich mit dem Entsagen auf alles was Schein ist, natürlich gattet. Ihre Kleidung war höchst einfach, die sorgfältigste Reinlichkeit schien der einzige Schmuck zu sein, nach welchem sie strebte.

Sie hörte einen jeden sanft und geduldig an, da sie ihre grosse Lebhaftigkeit sonst zu mancher Unaufmerksamkeit hinriss. Natürliches Wohlwollen, und eine beständige Resignation ihrer selbst, gab ihrem Betraen eine einnehmende Ruhe.

Ich fragte mich selbst, ob diese bemerkte