1798_Wolzogen_113_75.txt

freundlicher Sonnenblick ins freie Feld lockt.

Wir waren an dem Vorzimmer des Fürsten.

Ich bebte vor dem Anschauen der ernsten strengen Gestalt, von welcher ich den tiefsten Schmerz meines Lebens empfangen sollte, die Trennung von meinem Geliebten; gleichwohl zog mich eine geheimnissvolle, zarte Regung der natur zu ihr hin.

Der Fürst schien anfänglich noch ernster und kälter als gewöhnlich. Er sah mich scharf an, und ich fühlte, dass die Gewalt, die er durch eine lange Gewohnheit über seine äussern Bewegungen erlangt hatte, doch in diesem ausserordentlichen Fall nicht ganz zureichte. Seine Kälte hatte dennoch nichts unfreundliches, und schien mir nur ein Misstrauen gegen sich selbst anzudeuten.

Er fragte nach meiner Gesundheit. Ich dankte, und mein Herz riss mich hin, mich nach seiner Hand zu beugen. Er zog sie heftig zurück, kusste mich auf die Stirn und sagte: Ich will Ihnen herzlich wohl, gutes Kind, und hoffe Sie werden meiner guten Meinung für Sie nicht widerstreben.

Eine Träne hing in seinen Augenwimpern, er strebte die Regungen der natur zu überwinden, und wendete sich von mir.

Unaussprechlich rührte mich der Anteil dieses sonst so kalten Herzens. Ich zitterte vor Furcht, er möchte mir sein Begehren deutlicher aussprechen, und vor der Notwendigkelt, ihm widerstehen zu müssen.

Wenn das Alter Würde mit Liebe vereint, dann wirkt es mit überirdischer Gewalt auf unser Gemüt, und der blick eines Greises vor dem die Welt in Erfahrungen und Begriffe aufgelöst daliegt, deutet uns immer mit einem Wink strenger Warnung auf die Strasse des Lebens.

Der Minister kam zur Gesellschaft, und mein Innres empörte sich vor dem Anschauen eines Mannes, durch den meine Eltern so viel gelitten hatten, und der auch so feindselig in mein und Nordheims Schicksal zu greifen versuchte.

Das Spiel dämpfte die so ganz disharmonirende Stimmung unsers kleinen Cirkels. Mit welchem Flitter umkleidet der gang der Gesellschaft unter den höhern Ständen, die einfache Wahrheit des Lebens! Das Gewebe kleiner mechanischer Beschäftigungen umstrickt den Geist und schläfert das rege Herz ein. Jeder lernt endlich so, neben dem was ihm am heterogensten ist, aushalten.

Der Prinz hatte sich entfernt, ich wurde zur Whistpartie unentbehrlich.

Meinem Grossvater, meiner Mutter gegenüber, musste mein Herz sein zärtestes Empfinden verschliessen. Die kostbaren Augenblicke eines einzigen Genusses, müssen sie in dieser Nichtigkeit vergehen? sagte ich mir selbst. Es drängte mich beinah unwiderstehlich, die zitternde Hand meines Grossvaters von den Karten zurück zu halten, und zu seinen Füssen mein Innerstes auszusprechen. Die Zeit versammlet uns nur einmal auf diesem Erdball, und unsre unselige Zerstreuungssucht betrügt uns noch um die rasch entfliehenden Momente!

Jede Viertelstunde, deren Verstreichen mir durch eine grosse Wanduhr verkündigt wurde, machte mich zittern. Die Stunde nahte, in der Nordheim sich im Garten einfinden sollte. Ich rechnete auf seine Einwilligung, bei Elisen den Ausgang unsrer Verhältnisse zu erwarten. Aber sollte er vergebens, ohne einen laut von mir zu vernehmen, zurückgehen? vielleicht durch mein Stillschweigen in sorge geraten, oder zu einem kühnen Unternehmen gereizt werden? Die Unruhe verwirrte meine Vorstellungen immer mehr. Jeder Schlag der Uhr trieb den Angstschweiss auf meine Stirn. Endlich war ich entschlossen, ein schnelles Übelbefinden vorzuschützen, welches den Arzt herbeirufen würde, dem ich alsdann einen Auftrag an Nordheim geben könnte.

Der innre Scheu vor solch einer Unwahrheit liess mich zögern. Die Besorgniss meiner Mutter, der meine Unruhe nicht entging, gab mir die Sprache. Meine Lippen öffneten sich zu der Bitte, mich entfernen zu dürfen, als die Tür aufging und Nordheim hereintrat.

Ich bebte vor Freude, und bald vor Furcht einer bittern Erklärung zwischen ihm und dem Fürsten.

Wie angenehm fühlte ich mich überrascht, als ihn der Fürst freundlich willkommen hiess, als einen sehnlich Erwarteten, und ich Nordheim sagen hörte, dass er vor wenigen Stunden erst die Befehle des Fürsten vernommen.

Nordheim grüsste mich zärtlich, und hatte ein so unbefangenes offnes Betragen, wie nur ein Herz einflössen kann, das sich seiner Gefühle erfreut, und sich durch ihre Stärke über jede Rücksicht erhaben empfindet.

Sanfte Freude füllte meine Brust im Gefühl der vielfachen zarten Bande, die sich an mein Herz knüpften. Welch eine neue Welt der Liebe! Nur die Liebe bezeichnete den Kreis meines Wirkens, meines zärtesten Lebens, ich kannte kein anderes Dasein. Für wenige Momente konnte ich mich dem Gefühl meines Glücks überlassen. Meine Mutter und Nordheim standen in der Vertiefung eines Fensters. Ich hielt ihre hände vereinigt in den meinen, drückte sie an meine Lippen, und empfing ihre zärtlichen Küsse. Wir waren alle drei zu bewegt um zu sprechen.

Noch ein Herz wird bald an dem unsern schlagen, sagte Nordheim zu meiner Mutter. – Ach, erwiderte sie sanft: Dann bin ich zu glücklich! Ich war gestern bei ihm, sagte Nordheim, und empfing seinen Segen. Wie gross ist sein Herz in der Gewohnheit geworden, für seine Geliebten zu leiden! Meine teure Mutter, ich wage den süssen Nahmen, lassen Sie jede sorge an meinem Herzen ruhen. Ich nehme den Ölzweig, welchen mir der Minister vor wenigen Stunden reichte, an; aber mit keiner unbewaffneten Hand, denn leicht könnte er sich in einen Dornstrauch verwandeln. Fürchten Sie kein gewagtes Spiel, ich gelobe es Ihnen, ich will die teure Hand Ihrer Agnes nicht eher begehren, bis ich sie aus dem freien Arm ihres Vaters empfange.

In wenigen Tagen sehe ich Sie bei Albans wieder, sagte er mir sanft. O wenn