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einer Zukunft, die uns vereinen, und unser gegenwärtiges Glück uns für immer versichern sollte. Alle Schwierigkeiten meiner Lage fielen jetzt mit furchtbarer Gewalt auf mein Herz.

Ich habe Ihren Vater gesprochen, sagte mir Nordheim: mit seiner Einwilligung machte ich den Plan, Sie so bald als möglich diesem Aufentalt zu entreissen. Warum befahlen Sie mir ihm zu entsagen?

Ich sagte ihm die Besorgnisse meiner Mutter. Er war von dem ganzen verhältnis durch meinen Vater unterrichtet.

Nordheim hatte dem Commandanten der Vestung ein Vertrauen einzuflössen gewusst, das ihm völlig freien Zugang zu meinem Vater gestattete. Auch von D. aus hatte er Nachrichten, die ihn mit dem Widerwillen meines Grossvaters gegen unsre Verbindung bekannt machten.

Mit sanften Bitten suchte er meinen Entschluss zu bestimmen. Ich fühlte, dass mir die Kraft fehlte, ihm zu widerstehen, und gleichwohl hielt mich das meiner Mutter gegebene Versprechen. Schonen Sie mich, Nordheim! sagte ich. O, Sie kennen die Gewalt Ihrer Bitten nicht.

Seine Augen ruhten mit innigster Zärtlichkeit auf mir. Welcher Himmel wohnte in den klaren heitern Blicken, die im vollen Vertrauen der Liebe mein ganzes Wesen umfassten!

Da war kein Zweifel, kein scharfes Beobachten mehr, aber die selige Freiheit eines Wesens das sich ganz hingiebt, und ein reines Herz ganz und rein empfängt.

Wie konnte ich ein solches Herz missverstehen, solche himmlische Unbefangenheit! rief Nordheim aus. Bitter rächt das Schicksal meinen Irrtum, mein Zögern, meine Untreue an mir selbst, da ich der bessern Überzeugung des Herzens entfloh.

Ich wünschte nicht meine teure Agnes zu überreden, sondern zu überzeugen, fuhr er fort. Der Drang der Verhältnisse muss meine grelle Darstellung unsrer Lage entschuldigen. Ihr Grossvater ist ein schwacher unempfindlicher Mann; Ihre Mutter zärtlich, hingebend und durch lange Leiden mutlos. Ihr Onkel keines tiefen Eindrucks fähig, gibt fremde Empfindungen eben so leicht wie seine eignen auf, und wird immer in seinen Handlungen von äussern Rücksichten hingerissen, so sehr sein reiner Verstand sich zu einer entgegengesetzten Handlungsweise bekennt. Was haben wir von dem Zusammenfluss dieser Charaktere zu erwarten? Der Fürst wird nur der notwendigkeit nachgeben, und diese allein wird Ihre Mutter und Ihren Onkel zu einem festen Betragen bewegen.

Ich bin gewiss, dass der Minister kein Verbrechen wagt, auch ist Ihr Vater durch die Treue und Redlichkeit des Commandanten geschützt.

Hohenfels Gefangennehmung ist ein Eingrif in die Vorrechte unsres Standes, der nicht ungeahndet bleiben wird. Die stimme der Freiheit, die uns nicht mehr ins Feld zum ofnen Kampf gegen die Unterdrückung lockt, ist darum nicht verstummt. Der Geist jeder Zeit liefert Waffen gegen ungerechte Unterdrückung, für den der sie zu gebrauchen versteht.

Die kalte arglistige Politik, mit welcher der Minister gegen uns wirkt, soll vor dem Geradsinn des Rechts und der Unschuld zu Schanden werden. Ich darf es hoffen, der Fürst selbst wird sich zu uns wenden, wenn wir ihn aus den Banden der Gewohnheit gerissen haben.

Diese armseligen Menschen, die sich zu allem brauchen lassen, deren erstes Gut die Gunst ihres Herrn ist, ziehen die edelsten Charaktere in ihr niedriges Gewerbe herab. Julius, ihr Vater und ich, sollten wir nicht den Kampf mit einem eigennützigen schädlichen Toren wagen?

Ein edler Unwille glühte auf Nordheims Stirn. Ich fühlte mich hingerissen, aber die Besorgnisse meiner Mutter um die Sicherheit meines Vaters, die Furcht ein unwiederbringliches Gut zu verlieren, kämpfte mit meiner Neigung, dem Geliebten zu folgen.

geben Sie mir ein Recht, meine Agnes, Sie vor jeder Gewalt zu beschützen, sagte Nordheim zärtlich. Nachdem wir den Segen Ihres Vaters von Hohenfels empfangen haben, eilen wir nach England. Unsre Entfernung wird den Fürsten beruhigen. In kurzem wird er einsehen, wie entfernt mein Herz von jedem Streben des Ehrgeizes ist, und dass ich mit meiner Agnes jede Freude des Lebens besitze. gibt der Fürst Ihrem Vater die Freiheit, so ist alles vergessen. In der Verborgenheit, wie es ihre Verhältnisse fordern, wird Ihre Mutter die Ruhe des Herzens im Glück ihrer Geliebten finden. Ihr Vater wird bald mit uns, bald mit ihr leben.

Ich schwieg, verloren in dem Glanz der schönen seligen Zukunft, und sah Nordheim lächelnd an.

Eine neue Welt öffnet sich mir in der himmlischen klarheit deines Wesens, sagte Nordheim mit dem zärtlichsten Ausdruck. Zum erstenmahl gibt sich mein Herz ganz, und der seligste Traum meiner Jugend steigt, wie die Sonne aus Nacht und Dämmerung, strahlend aus den Wogen des Lebens empor. Da ist keine Täuschung des jugendlichen Sinnes, der den Gegenstand seines Begehrens, vom Glanz seines eignen Feuers umleuchtet, erblickt.

Mannichfache Gestalten haben sich in meinem Herzen abgedrückt, sie erregen manch sanftes Andenken, – die Liebe ist so heilig, dass selbst ihre Täuschungen uns wert bleiben. So oft sich mein Herz jener zarten süssen Gewalt der Schönheit überliess, so oft versank es in eine furchtbare Leere zurück, denn Mangel und Beschränkteit zog es in kurzem von jedem Gegenstand wieder ab. Nur deine schöne natur, die sich im freien Spiel lieblicher Neigungen vor mir entfaltete, erhielt die Regungen des Verlangens in meinem Busen. Nur die innre Freiheit eines Wesens, die angebohrne Grazie des Gefühls, zieht uns in jene Ahndung des Unendlichen, ohne die unser Leben in dumpfer Beschränkung entflieht. Nur die Liebe lehrt unsere Herzen ein Leben ahnden, für dessen Begrif, Verstand und Sinn schwindeln. Holdes Wesen, die natur in deiner schönen freien Seele ist unendlich, ein rastloses Streben nach dem