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von D. missbilligen. Aber die Liebe für dich entschuldigte alles. Bald bemerkte ich, dass noch etwas geheimnissvolles in deinen Verhältnissen sei, über welches man sich nicht in meiner Gegenwart erklärte.

Julius und Nordheim waren oft abwesend, und unzertrennlich verband sie die sorge um dich. Nordheim sendete mich jetzt zu dir, mit dem Arzt, er selbst schrieb mir genau vor, wie ich mich zu betragen hätte, und als ich zurück kam, konnte er mit fragen über dein Aussehen, deine Mienen, deine Stimmung nicht fertig werden. Er ist jetzt für einige Tage verreist, ich bemerkte bald, dass man Anstalten macht, dich diesem Aufentalt zu entreissen.

Elise sagte mir diesen Abend, dass morgen Nordheim wieder ankommen würde, um dich mit Gewalt zu befreien, wenn alle andere Mittel fehlschlagen sollten.

Dein einsamer Zustand und meine sehnsucht zerrissen mir die Seele, bei der einbrechenden Nacht trieb es mich fort. Mir war es, als hiesse mir eine innre stimme dir Mut und hoffnung zusingen.

Ich fand mich in der mondhellen Nacht leicht auf dem Waldpfad, der mir durch den Arzt bekannt wurde, hierher.

Gutes treues geschöpf! rief ichJa, dir gab ein guter Genius den Anschlag ein, zu mir zu kommen.

Ich schrieb folgende Zeilen an Nordheim:

"Mein Schicksal steht mit dem Leben meines Vaters in der genausten Verbindung. Unternehmen Sie es nicht, mich diesem Aufentalt zu entziehen!"

"Wie gern folgte ich dem Wink der Liebe, der für mich auch die Leitung eines höhern Sinnes ist! Aber Umstände, die mein geliebter Freund nicht kennt, halten mich gebunden."

Ich bat Bettina zurück zu eilen, und bei Nordheims Ankunft sogleich ihm dieses Billet zu übergeben. Sie eilte von mir, wie ein leichter Morgentraum, dessen freundliche Erscheinung uns während dem Lauf des Tages begleitet, um uns als ein Friedensbote bessrer zeiten, Freiheit und hoffnung zuzuwinken.

Die Sonne ging auf. Der Zauber des Morgenlichts wirkte, im tiefsten Schmerz, im höchsten Glück, immer lebendig auf mein Gemüt. Nordheims Liebe umfasste mein ganzes Wesen mit freundlicher Gewalt.

Ich habe es genossen, das höchste, zärteste Leben! sagte ich mir selbst. Nichts vermag mir diese Erinnerung, dieses ewig lebendige Dasein in seinem Herzen zu rauben. Was für wechselnde Erscheinungen auch die Zeit mit sich führen mag, alle müssen sich auflösen in der Ewigkeit der Liebe.

Ich las die Blätter meiner Mutter von neuem. Meiner Eltern Schicksal ergriff mein Herz mit einer schauervollen Gegenwart, und ich fühlte die notwendigkeit, diesen teuren Unglücklichen mein Leben und alle Kräfte meines Geistes und Herzens aufzuopfern.

Für meinen Grossvater fühlte ich mehr Mitleiden als Unwillen.

Ich sagte mir, noch fordre die Zeit keinen Entschluss, aber ein lebhaftes klares Gefühl sieht immer die Strasse, die es zu wandeln hat, vor sich, ehe der Verstand die Verhältnisse abgewogen, und die Vernunft einen Vorsatz gefasst hat.

Nordheim hatte mein Wort, ihm sollte die ganze Lage vorgelegt werden, von ihm erwartete ich die Richtschnur meines Betragens.

Ich schöpfte sonderbaren Mut und Trost aus diesem Vorhaben. Mein Schicksal mochte nun bitter oder lieblich werden, aber es sollte nur von ihm kommen.

Ich hofte, wenn ich an seinen Mut, den tiefen heitern blick seines Geistes dachte, der dem ganzen verhältnis vielleicht eine neue Wendung geben könnte. Ich lebte, wenn ich die Kraft seines Herzens ermass, dem Rechten und Schönen alles Glück seines Lebens aufzuopfern. Von Julius, wusste ich, konnte mir nichts Böses kommen, ich war seines Edelmutes gewiss. Aber das Bild meines gefangenen Vaters drängte sich allen diesen Vorstellungen entgegen, und mein Herz zerfloss in Angst und Kummer.

Eine bestimmte Tätigkeit entriss mich der Verworrenheit meines eignen Wesens Das Kind, welches mir meinen lieblichen Traum zurückgerufen hatte, war seit dieser zeit fast immer um mich gewesen, und ich sehnte mich jeden Morgen nach dem heitern Anblick seiner Liebenswürdigkeit und Unschuld. Kaum war es diesen Morgen in mein Zimmer getreten, als es einen Anfall von Krämpfen bekam. Das arme kleine geschöpf wollte nicht von meinem Schoosse, klammerte seine Händchen um meinen Hals, gleich als könnte es nur an meiner Brust genesen.

Der Anblick des physischen Schmerzens ruft unsre ganze natur auf.

In der Pflege des Kindes vergingen die Stunden des Tages, die sich durch meine unruhigen Vorstellungen zu Jahren des Leidens verlängert hätten.

Der Arzt kam, seinen gewöhnlichen Abendbesuch abzustatten. Die Alte war teils mit dem kind beschäftigt, teils schien sie von den begebenheiten der vergangnen Nacht unterrichtet, und weit entfernt ihren künftigen Herrn durch allzugewissenhafte Treue für den gegenwärtigen zu beleidigen, bezeigte sie sich nachgiebiger und gefälliger gegen mich, da sie auf ein ernstaftes Interesse des Prinzen schliessen musste.

Der Vorschlag des Arztes, mich allein in den Garten zu führen, wurde angenommen.

Der Arzt, las bedenklich auf moinem Gesicht, wo er die Heiterkeit und Ruhe, die er erwartet hatte, völlig vermisste. Er führte mich ans Ende des Gartens in eine Laube, und fragte, ob er einen Freund zu mir bringen dürfe? Nordheim trat aus dem Gebüsch hervor, lag zu meinen Füssen, schloss mich an seine Brust. Süsses heiliges Leben der Liebe, vor dem die Zukunft und Vergangenheit verschwindet, durchflammte uns. In der ersten süssen Verwirrung der Freude war jede Last von meinem Herzen gesunken. Der Arzt entfernte sich. Nordheim hielt zärtlich meine Hand, und als wir wieder Worte finden konnten, strebten unsre Wünsche nach