1798_Wolzogen_113_71.txt

ergriff, da erhielt mich das Andenken meines Vaters. Über den Anteil, den er an meinen Leiden nehmen würde, vergoss ich lindernde Tränen, und meine Seufzer nach dem Unendlichen, in dem wir die ganze Verkettung unsers Schicksals denken, hatten den Sinn: Mache mich glücklich, damit mein Vater sich meines Glücks erfreue!

Nordheims Liebe hielt mich mit einem neuen allgewaltigen Band umschlungen. Die sorge für sein Glück begleitete jeden Pulsschlag meines Herzens. Jetzt erschienen die Gestalten meiner liebenden Eltern, die an meinem Herzen Ruhe suchten, und in meinem heitern Leben Trost, Freude, und Ersatz für ihr eigenes schmerzliches Schicksal finden wollten!

Unaussprechliches Mitleid füllte mein ganzes Wesen. Mein eigenes Dasein verlor sich gleichsam in diesem Gefühl; ich hätte alles aufopfern könnenselbst das Glück meiner Liebenur nicht Nordheims Zufriedenheit. Wenn ich ihn leidend dachte, leidend durch mich! dann versagte mir jede Kraft, und alle Fäden meines Daseins rissen entzwei.

Physische Ermattung umzog endlich alle diese Vorstellungen gleichsam mit einem Nebel. Das stille Gefühl meines Herzens, jedes eigne Glück der Ruhe meiner Eltern aufopfern zu wollen, stimmte mich zu einer beruhigenden Einheit, in der ich bald einschlief.

Ein paar Akkorde auf der Guitarre erweckten mich wieder. Das Instrument schien dicht unter meinem Fenster gespielt zu werden. Bald ertönte Bettina's stimme; sanft und halb leise sang sie folgende Worte:

Du liegst im bangen Schlummer,

Ich irr' im dunklen Wald;

Entferne jeden Kummer,

Dein Freund erscheint dir bald.

Schon flimmert Licht im schloss,

Die Knappen rasten nicht,

Gezäumet stehen die Rosse

Im grauen Morgenlicht.

Er schwingt sich auf den Rappen,

Fliegt über Berg und Tal,

Ein Sturm, mit seinen Knappen

Langt an im Abendstrahl.

Und in der Dämmrung Hülle

Birgt sie das hohe Korn,

Jetzt schallt durch Nacht und Stille

Der wackern Jäger Horn.

Es stürmt wie ein Gewitter

Der ganze Tross feldein,

Es stürzen Tor und Gitter,

Der Liebste ziehet ein.

Des Turmes Riegel schwirren,

Die Wächter sind entflohn;

Vernimm's, der Waffen Klirren

Sei dir der Liebe Ton.

Ich eilte zum Fenster, und erkannte die Gestalt des guten Mädchens in der Morgendämmerung. Sie stand dicht an einem Spalier an der Mauer unter mir, und vernahm sogleich meinen leisen Ruf.

Leicht wie ein Vogel schwang sie sich auf dem Spalier empor bis zu den Gittern meines Fensters. Ich musste ihr die Hand reichen, die sie an ihren Mund und an ihre Brust drückte.

Nachdem sie sich beruhigt hatte, vernahm ich von ihr die Lage meines Freundes und den Sinn ihres Liedes.

O, ich konnte deine Entfernung und die Ungewissheit deines Schicksals nicht länger aushalten! rief sie aus. Nordheim war wenige Tage nach dir weggereist, ich erfuhr von der Gräfin, es sei um dich aufzusuchen.

Die Angst und sorge um dich verzehrten mich, ich hatte Tag und Nacht keine Ruh. Ich war ganz mir selbst überlassen, die Gräfin war durch einen sonderbaren Vorfall in die tiefste Schwermut verfallen, sie hatte mich ihrer Kammerfrau übergeben, und uns allen befohlen, sie allein zu lassen.

In deinem Zimmer hatte sie das Kästchen gefunden, welches dir meine Mutter in Verwahrung gegeben.

Ich kam dazu, als es geöffnet vor ihr stand. Bleich, auf den Stuhl zurück gelehnt, ein Papier in der Hand haltend, auf das ihre Augen starr geheftet waren, so fand ich sie.

Was ist Ihnen? rief ich, und auf meinen Ruf erwachte sie wie aus einem Traum.

Weisst du wie dieses Kästchen hieher kam? fragte sie heftig.

Von meiner Mutter, sagte ich, durch ihre Heftigkeit erschreckt: sie übergab es an Agnes, als ich in die Stadt kam.

Sie umarmte mich unter heissen Tränen, versprach mich zu lieben, für mich zu sorgen wie für ihre eigne Tochter, und bat mich sie allein zu lassen. Ich beklagte sie herzlich, ob ich gleich von dem allen nichts verstand.

Ich sah wie sie das Kästchen in ihr Zimmer trug; den ganzen Tag wurde niemand vorgelassen.

Mein Bruder war eben in die Stadt gekommen, er fand mich entstellt und bleich wie ein Schatten.

Er hatte von Nordheims Leuten erfahren, dass er sich in der Gegend von U. aufhalte. Lass uns gehen, Agnes aufzusuchen, sagte ich meinem Bruder, und ich will ruhig werden.

Der Weg nach U. war uns bekannt, wir waren ehemahls mit meiner Mutter da gewesen. Mein Bruder ging nach haus zurück und hohlte ein Kleid für mich, und seine Flöte. Meiner Mutter sagte er, er solle in der Stadt bei mir bleiben. Nun gingen wir des Abends aus dem haus der Gräfin. So wie die Reise fortging wurde mir leichter, ich sah dich immer am Ziele der selben.

So kamen wir ohne Hinderniss nach U. Schon den andern Tag begegnete mein Bruder einem von Nordheims Bedienten auf der Strasse. Er hiess uns ruhig bleiben wo wir wären; den Abend kam ein Wagen uns abzuhohlen. Ich zitterte vor Furcht, man möchte uns zurück bringen, in wenigen Stunden kamen wir in einem haus an, wo uns deine Freundin Elise empfing.

Dort war ich bald in meinem Element, denn alles war nur mit dir beschäftigt. Elise sagte mir, dass du ausser Gefahr seiest, und dich auf einem Schloss aufhieltest, welches nicht weit von ihrem Landgut entfernt läge.

Nordheim und Julius kamen den nächsten Tag. Ich fürchtete, Nordheim möchte meine Flucht