Was bleibt uns zu tun und zu hoffen übrig?
Unsre Agnes muss nicht aufgeopfert werden. Ich vermag es nicht zu denken, das sanfte holde geschöpf, das Schönheit und Wahrheit mit solch einem regen unverstimmbaren Sinn ergreift, sollte für immer an einen Toren gefesselt werden? Der junge Mensch ist herz- und geistlos. Es wuchs mit Agnes auf, und der Onkel sprach gegen mich von einer leidenschaft, die er aus Gehorsam gegen seine Eltern unterdrückte, und die jetzt auf einmal in vollen Flammen auflodert.
Du weisst, was ich von dem denke, und dass ich gewisse Gesichter lieber vom Galgen und Rad, als von Liebe und Tugend reden höre.
Agnes muss gerettet werden; aber dass mein Vater für Nordheim zu bewegen ist, daran zweifle ich. Wir werden einen dritten Weg einschlagen müssen, auf welchem wir vielleicht leichter mit meinem Vater zusammentreffen.
Ich benutzte den ersten freien Augenblick, um zu Nordheim zu eilen.
Ich war entschlossen ihm alles zu entdecken, da ich den innigen Anteil seines Herzens für Agnes empfunden hatte, und mit ihm gemeinschaftliche Massregeln zu nehmen; aber er war schon abgereist.
Ich suchte die Gräfin auf, sie war unruhig und verschlossen, und wollte, oder wusste mit über Nordheims Aufentalt nichts zu sagen.
Die kleine Bettina fiel mir im Vorzimmer zu Füssen und rief: Wenn Sie ein Herz haben, die Leiden der Trennung zu fühlen, so sagen Sie mir, wo ist meine Agnes?
Morgen denke ich den Aufentalt unsrer Agnes zu erfahren. Die Leute, die ich auf Kundschaft ausgeschickt, müssen zurückkommen."
2.
"Hohenfels ist ausser Gefahr, das Wundfieber war nur leicht, und ist jetzt schon vorüber. Die Wunde ist im besten Zustand, und wir werden uns in kurzem seiner völligen Genesung erfreuen. Man begegnet ihm gütig, aber übrigens wird er streng bewacht. Er ist einem alten Officier übergeben, der sich streng an die Befehle meines Vaters bindet, und von unbestechbarer Rechtschaffenheit ist. In allem was nicht gegen seine Pflicht läuft, ist er mild und gefällig, und hat mir versprochen, Hohenfels mit der grössten Aufmerksamkeit zu begegnen. Beruhige dich also, liebe Schwester, über Hohenfels Schicksal, welches an sich nicht unglücklich ist, und unverändert bleiben wird, wenn der Unwille meines Vaters nicht auf das neue gereizt wird. Der Lauf der natur erinnert mich an den Zeitpunkt, wo es in meiner Gewalt stehen wird, jeden Kummes von deinem Herzen zu nehmen; rüste dich bis dahin mit Stärke und Geduld.
Unsre Agnes ist auf das Jagdschloss B. gebracht worden. Einer alten Französin, einer ehemahligen Liebe des Ministers, an welcher mein Vater auch für kurze Zeit Geschmack fand, ist sie übergeben. Alle Zugänge sind dort für uns offen, da ich einen meiner vertrautesten Leute an diesem Ort habe, einen alten Bedienten, der mir seit meiner Kindheit manchen Dienst tat.
Der Mensch ist sehr schlau, und hat sein ganzes Leben hindurch gesucht sich durch das Auslernen fremder Schwachheiten der Dienstbarkeit zu entziehen, ja sich oft zum Herrn seiner herrschaft zu machen.
Möchte ich dir über die Gesinnungen meines Vaters auch etwas zu sagen finden, welches deinen Wünschen gemäss wäre! Aber noch immer fand ich seinen Sinn unbeugsam, so oft ich Nordheims Nahmen nannte. Die entfernteste Äusserung über Agnes Verbindung mit ihm wies er mit dem heftigsten Unwillen zurück.
Ich fühle wie der Minister darauf arbeitet, meinen Vater immer mehr gegen Nordheim zu entrüsten, um diesen aus dem ganzen verhältnis zu entfernen.
Mein Vater ist in dem Zustand einer kranken Reizbarkeit, und sein empörter Starrsinn stösst jede milde Empfindung zurück. Ich fürchte, er könnte in diesem Zustand einer harten, ungerechten Handlung fähig sein; höchst gefährlich wäre es, ihn zu reizen, so lange Hohenfels in seinen Händen ist. Er kennt keinen Frieden, bis Agnes verheuratet und entfernt ist. Die fieberhafte Verspannung seines Wesens, bei seiner Ermattung, seinen dumpfen Vorstellungen, flösset mir inniges Mitleid ein.
Wie furchtbar sind die starken Züge des Gemüts im Alter, wenn sie nicht von der Wahrheit belebt werden!
Ich deutete schon gestern auf eine idee, die vielleicht alle Parteien vereinte. Meinem Vater war sie nicht fremd, da er sich schon sonst einmal dafür interessirt hatte.
Der –sche Hof wünschte schon längst Julius als seinen Geschäftsträger in England. Wenn wir meinen Vater bewegen könnten, Julius statt des jungen Salm als einen Gemahl für Agnes zu wählen, so wäre ihr Schicksal, wo nicht ganz der Wunsch ihres Herzens, doch gewiss sorgenlos und heiter. Wüsste ich Nordheims Aufentalt, ich würde ihn zuerst mit der ganzen Lage bekannt machen, und alles der Leitung seines höheren Sinns überlassen.
Indess sind die Umstände dringend. Hohenfels muss befreit werden. Bald sollst du deine Tochter sehen, wir müssen alles versuchen, ihr Herz zum Gehorsam zu stimmen." Diese Blätter zogen mich in eine Welt neuer Verhältnisse und Gefühle. Seit meiner Jugend war mein Leben nur durch ein einziges Band gehalten. Die Zufriedenheit meines Vaters in Hohenfels, war, nach der innren Regel des Rechts in meinem Gemüt der einzige feste Gesichtspunkt, nach dem sich alle meine Handlungen richteten. Meine ganze Wirksamkeit strebte nach diesem Ziel. Für meinen Vater hatte jeder meiner Schritte Bedeutung, und ich fühlte mein Glück oder Unglück nur in seinem Herzen. Seitdem Nordheims Bekanntschaft mein Wesen den Stürmen der leidenschaft öffnete, in Momenten wo die hoffnung entfloh, der Puls des Lebens in meinem Herzen stockte, und starre Fühllosigkeit mich