Tage seines Verschwindens ist unaussprechlich. Ich fand die Summe von zweitausend Talern in dem Beutel, und dieses vermehrte meine Besorgnisse, als seien sie ein Vermächtniss, wenigstens deuteten sie eine lange Abwesenheit an. Ich kannte seine Vermögensumstände, seine Güter waren nicht schuldenfrei, und nur durch eine sehr strenge Ökonomie in allen Ausgaben für seine person gewann er den Überschuss, den er zum Besten seiner Untertanen verwendete. Seit fünf Inhren, die er hier verlebte, sah ich ihn immer nach dem festen Plan handeln, seine Güter von Schulden zu befreien, und sich durch kluge Wirtschaft eines unabhängigen Einkommens zu versichern. Die Summe von zweitausend Talern konnte er nicht erübrigt haben, und es musste eine fremde gewaltsame Lage ihn nötigen, von seinem Plan abzugehen. Oft hatte er mir gesagt, wie glücklich er durch das Gefühl sei, frei und unabhängig auf seinen Gütern zu leben, und wie kein anderes Verhaltniss ihn anziehen könnte, weil ihm keines so natürlich und ehrwürdig schiene.
Die Untertanen, welche gewohnt waren, ihren Herrn alle Sonntage bei ihren Vergnügungen zu sehen, bestürmten mich mit fragen nach ihm, und ich musste suchen, meine quälende Unruhe zu verbergen. Seinem Jäger und Verwalter hatte er, gleichsam im Scherz, weil er eben überflüssig Geld habe, ihren Lohn auf drei Jahre vorausbezahlt. Ich schickte sie und einige meiner zuverlässigsten Bauern in der Gegend umher, aber keiner konnte eine Spur von dieses geliebten Herrn Aufentalt entdecken. So vergingen mehrere Wochen, die Bauern wurden immer unruhiger und drangen mit fragen in mich. Als ich endlich sagen musste, ich wisse eben so wenig als sie, und teile ihre Besorgnisse, entstand ein allgemeiner Jammer. Sie liefen stürmend im ganzen schloss umher, und am selbigen Abend durchsuchten sie das ganze Jagdrevier und alle Wälder der Gegend mit fackeln, und behaupteten, man habe ihren geliebten Herrn ermordet, und sie müssten die Mörder ausfündig machen. Keiner wollte an seine Arbeit, bis sie ihn gefunden hätten; es war in der Erndtezeit, aber sie liefen lieber Gefahr ihren Unterhalt für das ganze Jahr zu verlieren, ehe sie sich vorwerfen wollten, nicht alles für ihren Herrn getan zu haben. Nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen hörten sie endlich auf meine Ermahnungen, ihr Schmerz wurde stiller, und sie gingen wieder an ihre gewohnte Arbeit. Die hoffnung, welche ich ihnen machte, dass die Entfernung ihres Herrn von kurzer Dauer und freiwillig sei, weil er für sie bei seiner Abreise gesorgt habe, stellte am besten Ruhe und Ordnung wieder her. Ich selbst nährte diese süsse Täuschung, bis ich eine Reise nach S. unternahm, wo ein vertrauter Freund meines Herrn sich aufhielt. Dieser bat mich, alle Nachforschungen einzustellen; er schien mit dem traurigen geheimnis seiner Flucht bekannt zu sein. "Sehen Sie unsern Freund als einen toten an, er kann uns nur durch ein Wunder wiedergegeben werden, meine Pflicht erlaubt mir nicht Ihnen mehr zu sagen." Diese Worte schlugen alle meine Hofnungen danieder.
Der Herr von Salm wusste es bei der Ritterschaft durchzusetzen, dass er, als Mitbelehnter, auch die Administration des Guts erhielt; er zog nach einem Jahre ein; man fand alles im besten Stand, und keine neue Schuld im Verzeichniss angezeigt. Den Schreibtisch in unsers Herrn Kabinet fand man ganz leer, und der Jäger sagte: er habe in den letzten Tagen viele Papiere verbrannt. Nirgends konnte ich seitdem eine Spur seines Aufentalts entdecken. Vor zwei Jahren starb sein Freund in S., und mit ihm ist meine letzte hoffnung verschwunden.
Der Fremde wurde immer bewegter, und drückte meinem Vater mit feuchten Augen die Hand, sah dann lange stumm vor sich hin, und als die Tränen von neuem seine Augen schwellten, verbarg er das Gesicht in seinen gefaltenen Händen.
So oft ich diese geschichte auch schon gehört hatte, so hörte ich sie doch immer mit gleichem Interesse, und von Kindheit an war es meine liebste Unterhaltung gewesen, meinen Vater von seinem verschwundenen Freund erzählen zu hören. Wenn die Ältesten des Dorfes an schönen Sommerabenden unter den Linden versammelt waren, und ich mit meinem Vater vom Spatziergang zurückkommend bei ihnen ausruhte, kam wohl einer, legte ihm traulich die Hand auf den Arm, und flüsterte ihm ins Ohr: Ja unser Herr sollte wiederkommen! Mehrere kamen herbei, und man sprach von seiner Regierung und sehnte sich nach ihr zurück, wie nach der goldenen Zeit.
Der lebhafte Eindruck, den diese geschichte auf unsern Gast machte, freute mich innig. Mir war es, als machte ihn dieser Anteil an einen so oft wiederkehrenden Gegenstand unserer gespräche noch heimischer in der Familie; auch ergriff mich eine dunkle Ahndung, er sei in das geheimnissvolle Schicksal jenes so geliebten Mannes enger verflochten, als er es äussere. Es war ein bedeutendes Schweigen in dem kleinen Zirkel; unsere Herzen näherten sich einander ohne Worte; die junge Familie von Salm unterbrach es zu meinem Verdruss.
Die fräulein hatten ihren Sonntagsstaat angelegt, da sie von einem Fremden gehört hatten, und kamen mit zierlichen Verbeugungen und einer franzosischen Exklamation zur tür herein. Nachdem sie den Fremden steif und vornehm gegrüsst hatten, musterten sie ihn von Kopf zu Fuss mit neugierigen Augen, und flüsterten dann zusammen: obgleich seine Kleidung nicht nach dem neuesten Schnitt sei, so habe er doch einen vornehmen Anstand. Er hatte für die Verbeugung höflich gedankt, und nach einigen flüchtigen Blicken auf die Damen, zog er sich mit meinem Vater in ein Fenster zurück. Die fräulein sprachen viel über ihre