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einem verhassten Geschick zu entziehen. Er verliess mich beruhigt, und versprach mir jeden Tag Nachricht zu geben.

Sieh nun, bestes Kind, aus folgenden Briefen den Fortgang der begebenheitendie Lage deines Vatersdas Opfer welches man deinem Herzen abzwingen willund das Unglück deiner Mutter."

1. Der Prinz von * an seine Schwester.

"Als ich von dir zurück kam, liebste Schwester, erfuhr ich, Nordheim habe schon zweimahl nach mir gefragt.

Nach wenigen Augenblicken kam er selbst.

Er grüsste mich ernstafter als gewöhnlich. Es war etwas schmerzlich Bewegtes in seinen Minen, welches mein Gemüt gewaltig ergriff. Ich hatte ihn nie leidend gesehen, und der Schmerz welcher über seine edle Gestalt ergossen war, gab seinem ganzen Wesen gleichsam etwas überirdisches. Ich fühlte die Gewalt einer regeren stärkeren natur, die in ihrem inneren Leben gereizt, dennoch ihre Kraft unzerstreut und im schönsten Gleichgewicht empfand.

Er fragte mich sogleich, ob ich etwas um die begebenheiten der letzten Nacht wisse? ob mir der Ort bekannt sei, wo man Agnes hingebracht?

Ich hatte die besten Vorsätze gefasst, das Vertrauen meines Vaters zu respectiren; aber bei Nordheims geradem vertraulichem Benehmen, vor seinem blick, der immer mein ganzes Herz zu durchschauen gewohnt war, entfiel mir aller Mut ihm etwas zu verbergen.

Gleichwohl vermochte ich zu sagen: Sein Sie unbesorgt um Agnes Schicksal, mein Freund, und beruhigen auch die Gräfin. Agnes ist in sichren achtungswerten Händen. Verzeihen Sie, dass ich Ihnen nichts weiteres sage, es ist das geheimnis meines Vaters.

Ihr Herz hat keinen teil an der ganzen Begebenheit? fragte mich Nordheim.

Als ich diese Frage mit Nein beantwortet, sagte er: Nun so eile ich, den Fürsten sogleich selbst zu befragen.

Es war mir lieb, dem Minister Nordheims tätigen Anteil an dieser Sache lebhaft fühlen zu lassen, und ich erwartete ein schonenderes Betragen gegen Hohenfels, wenn Nordheim in die ganze Verhandlung gezogen würde. Diese hoffnung war, so wie ich die Lage der Sachen damahls einsah, nicht schimärisch.

Ich begleitete Nordheim zu meinem Vater, der eben mit dem Minister arbeitete. Dieser zog sich höchst verlegen in ein Fenster zurück.

Ich komme, sagte Nordheim laut, ihr Durchlaucht um Schutz zu bitten, gegen ein höchst sonderbares, unbegreifliches Benehmen. Ein unschuldiges liebenswürdiges Mädchen wurde gestern gewaltsam ihren Freunden entrissen. Niemand hat ein stärkeres Recht sich dieser Beleidigung anzunehmen als ich, denn sie schenkte mir ihre Liebe, und ist seit gestern meine Verlobte.

Mein Vater geriet in die glühendste Verlegenheit, dennoch antwortete er nach wenig Augenblicken kalt und sicher: Es sind gewisse Verhältnisse, Herr von Nordheim, eine sehr sonderbare Lage, welche mich bewogen hat, Agnes von Lilien unter meinen Schutz zu nehmen. Was eine Verbindung mit ihr betrift, so muss ich Sie bitten, diesen Plan aufzugeben.

Aufzugeben? – sagte Nordheim mit zurückgehaltener Heftigkeit: ich kenne nichts in der Welt welches mich hierzu nötigen könnte, so lange ich hoffen darf, das Glück meiner Geliebten zu machen.

Mein Vater wurde nun immer verlegner und verwirrter in seinen Antworten. Nordheim bestand kühn darauf, von Agnes Aufentalt unterrichtet zu werden, er zeigte ungemeine Gewandteit des Geistes, und ehrne Festigkeit des Willens in der ganzen Unterredung. Gegen meinen Vater betrug er sich mit Schonung, aber der Minister bekam manchen drohenden Wink.

Alles ist demnach vergebens sagte er, indem er aufstand um Abschied zu nehmen. Ich habe gezeigt, wie gern ich in den Grenzen der Mässigung und schuldigen achtung bleibe. Aber jetzt werden mir ihr Durchlaucht verzeihen, dass ich mich für ungebunden halte, alle Massregeln zu ergreifen, die ich nur immer vor meinem eignen Herzen verantworten kann.

Ich wollte Nordheim folgen, mein Vater hielt mich zurück. Er überliess sich den heftigsten Ausbrüchen des Unwillens. Der Minister wusste geschickt, durch seine angenommene Ruhe und Kälte, der Flamme nur noch mehr Öl zuzugiessen. Mein Vater tat die fürchterlichsten Gelübde, durch welche schwache Charaktere immer ihren eignen unrechtmässigen Entschlüssen Festigkeit zu geben suchen: nie würde er eine Verbindung zwischen Nordheim und Agnes zugeben.

Nordheims höchst sichres und festes Benehmen vermehrte die Furcht meines Vaters, das geheimnis seiner Familie in seinen Händen zu sehen. Alle Handlungen, deren Motive im Herzen zu suchen sind, liegen ganz ausser dem Gesichtskreise meines Vaters; und wenn er ein Interesse hat, sich solche zu erklären, so schiebt er natürlich falsche Bewegungsgründe unter. Überdem gibt er den Verhältnissen des Standes und Ranges, die einmal seine natur ausmachen, auch eine alles überwiegende Wichtigkeit. Unbegreiflich wird es ihm dünken, dass Nordheim die Ansprüche auf Agnes Geburt, nicht geltend machen, oder sie aus Liebe aufgeben könnte. Mein Vater glaubt Nordheim von der ganzen geschichte deiner Heurat durch seinen Vater unterrichtet; fürchtet, dass das Recht, welches er dir selbst in gewissen Momenten zugestehen muss, durch Nordheims Kühnheit und höheren Geist geleitet, noch obsiegen, und dahin führen möchte, deine Verhältnisse vor der Welt bekannt zu machen.

Wie der Schwache jede Kraft fürchtet, deren Wirkungen er nicht zu ermessen vermag, so sieht er auch lauter Poltergeister um sich her. Güte und Stärke sind die natürlichen Poltergeister eines schwachen Sinns.

Nordheims höheres Wesen fiel meinem Vater auf, als eine neue Erscheinung, welche seine achtung erzwang. Aber jetzt, da er selbst in Collision mit jenem höheren reineren Gemüt tritt, verwandelt sich die achtung in Furcht. Die Furcht verwirrt den Verstand, und verhärtet das Herz.