Leichtes, ihre gutmütige Treuherzigkeit in die Schlinge seiner List zu ziehen. Er erfuhr jetzt, dass ein Fremder und der verstorbene Herr von Nordheim sie überredet hatten, ihnen das Kind zu überlassen.
Agnes, welche sogleich die allgemeine Aufmerksamkeit in D. erregte, wurde von dem Minister genau beobachtet. Er kam unsrer ersten Zusammenkunft auf die Spur, und die sonderbare Gestalt des Mahlers, welcher zuweilen in D. erschien, und so vertraut mit Agnes war, erregte seine ganze Aufmerksamkeit. In kurzem blieb ihm kein Zweifel mehr übrig.
Er überraschte den Fürsten vor wenigen Tagen mit der Entdeckung: dass Hohenfels gegenwärtig in D. sei, dass wir beide Mittel gefunden hätten, unser Kind aus den Händen der Leute wieder zu bekommen, denen es meine verstorbene Mutter übergeben, und dass wir wahrscheinlich nur auf einen günstigen Zeitpunkt warteten, unsere Ehe für gültig zu erklären.
Mein Vater entbrannte natürlich im heftigsten Unwillen. Nichts empört das Gemüt bitterer, als getäuschtes Vertrauen, und jeder Beweis der Güte, welchen mit mein Vater in den letzten zeiten gegeben, entflammte jetzt seine Brust zum unversöhnlichsten Hass.
Er liess meinen Bruder rufen, erzählte ihm die jetzigen begebenheiten, und meine frühere geschichte, von welcher mein Bruder nur schwankende Gerüchte vernommen, über die er mich selbst aus Feinheit nie befragen mochte.
Jetzt beschwor mein Vater meinen Bruder und den Minister, auf Mittel zu sinnen, wie die Ehre seiner Familie zu schonen und zu rächen sei.
Der Verwegene muss sogleich entfernt werden! sagte der Minister. Mein Bruder widersprach ihm nicht, um das Vertrauen meines Vaters in der Sache zu gewinnen, und für mein Bestes handeln zu können.
Aber wo ist jenes Kind, fragte der Fürst: jener unglückselige Zeuge unsrer Schande?
Sie werden sich über die Kühnheit des Plans wundern, erwiderte der Minister. Es lebt an Ihrem hof. Die sogenannte Agnes von Lilien –
O Gott, rief der Fürst gerührt: warum hat das Mädchen keinen andern Vater!
Mein Bruder baute auf diese Aufwallung der natur in dem Herzen meines Vaters die schönsten Hoffnungen. Aber der Minister wusste sie geschickt zu dämpfen, indem er Ehrgeiz und Unwillen wieder erregte, und in ihrer ersten Aufwallung meinem Vater einen Plan des Betragens in unsrer Sache vorlegte.
Mein Vater war gewohnt, nur durch diesen Mann zu handeln. Die Gewohnheit ist die Tyrannin leidenschaftsloser Gemüter, deren Ruhe nicht aus innerem Gleichgewicht, sondern aus Schlaffheit des Herzens entsteht.
Mein Bruder fand den nächsten Tag meinen Vater nie allein, sondern immer in der Gesellschaft des Ministers. Beide waren verschlossen, doch fand er noch immer in meinem Vater die stärkste Abneigung gegen alle gewaltsame Massregeln, und hoffte, es würde vor der Hand nichts entscheidendes geschehen.
Auch der Minister schien zur Milde gestimmt zu sein, und zeigte besonders die grösste Furcht vor dem Herrn von Nordheim. Er wusste, wie frei dieser zu Werke ging, und hatte schon mehr als eine Beschämung durch ihn erfahren.
Nordheims lebhafte Teilnahme an deinem Schicksal war unverkennbar, sie mochte nun Zärtlichkeit oder allgemeines Wohlwollen zum grund haben.
Es war dem Minister, so wie jedem, der Nordheimen handeln gesehen, wohl bekannt, wie sicher jeder Unterdrückte auf seinen Schutz rechnen durfte, und seine Freunde ruhten vertrauungsvoll, wie unter der Aegide der Pallas, an seiner Brust.
Unabhängig durch seinen Charakter, seine Tapferkeit, den hellen blick seines Geistes und seine äussere ganz freie Lage, war er der zuverlässigste Freund, aber ein furchtbarer Gegner.
Mein Vater selbst hatte eine an Furcht gränzende achtung für ihn, und dass er auch hier seinen mächtig wirkenden Einfluss fürchtete, nahm ich an dem Befehl wahr, welchen er meinem Bruder gab, von der ganzen geschichte nicht mit Nordheim zu sprechen.
Diesen Morgen, fuhr mein Bruder fort, kaum nach Tages Anbruch, liess mich der Fürst rufen. Ich fand ihn sehr bewegt, er schien ermattet nach einer heftigen Anspannung. Mit zitternder stimme befahl er mir, an seinem Bette niederzusitzen, und sagte: Der Verführer deiner Schwester ist jetzt in meinen Händen in guter Verwahrung, und wir sind vor jedem unvorsichtigen Schritt sicher. Ich liess ihn gestern Abend, eben wie er zu einer Zusammenkunft eilte, gefangen nehmen, und auf das Schloss ** bringen. Er wagte es, sich gegen meine Leute zu verteidigen, und empfing eine zum Glück leichte Wunde. Blut will ich nicht vergiessen, sondern nur der verhassten Aufführung deiner Schwester Einhalt tun. Die Welt soll nicht mit Spott, gleich als auf einen weichherzigen Comödien-Vater auf mich deuten, welcher am Ende die Torheiten seiner Kinder durch seine Vergebung krönt.
Auch für die Kleine ist gesorgt, sie wird nicht wieder in dieser Gegend erscheinen, aber versorgt soll sie werden; ich will dem Mädchen wohl, und was kann das unschuldige geschöpf für die Torheit seiner Eltern?
Ich sende den jungen Herrn von Salm, den Neffen des Ministers, in besonderen Angelegenheiten nach Frankreich. Agnes empfängt eine Aussteuer von mir, die ihre Hand wünschenswert machte, besässe sie auch keine weitere Vorzüge, und der junge Mann wird sich zur immerwährenden Entfernung aus seinem vaterland um diesen Preis gern verstehen, wie mir sein Oheim versichert.
Eile zu deiner Schwester und hinterbringe ihr diese Nachrichten, nebst meinem Befehl, sich von ihrem schloss nicht zu entfernen. Nur der strengste Gehorsam kann ihr die hoffnung auf meine Vergebung erhalten.
Mein Bruder tröstete mich mit den zärtlichsten Versicherungen, meinem Gemahl die Freiheit bald wieder zu verschaffen, und meine Agnes solch