die kalte Brust meines Vaters schien ein sanfter Zug der natur mit Liebe für dich zu beleben. Oft ergriff mich ein beinah unwiderstehliches Verlangen, das tiefe geheimnis meines Herzens an das seine zu legen, wenn ich ihn dir freundlich zulächeln sah, aber die Furcht lähmte meine Zunge.
Ich bemerkte, wie sehr Julins Alban dich liebte, ich wünschte dein Schicksal durch eine Heurat mit ihm bestimmt zu sehen, es konnte in der engen Verbindung mit solch einem reinen, treuen Gemüt nicht anders als glücklich sein; aber bald entdeckte ich durch dein eigenes geständnis deine vorgefasste Neigung. Dein Vater fühlte die ganze Gewalt hoffnungsloser leidenschaft in deinem Busen. Er fand dich durch dieses allgewaltige Gefühl so schnell in die Mittagshöhe des Lebens versetzt, fand dein ganzes Wesen solch einer Energie fähig, um das geheimnis unsers Schicksals zu tragen.
Jener Abend, den die Arglist des Ministers zu unserm Untergang ausersehen hatte, war für die schönsten Genüsse der Liebe und des Vertrauens bestimmt.
Ich erwartete sehnsuchtsvoll meinen Geliebten in meinem einsamen Zimmer. Euer längeres Aussenbleiben ängstigte mich schon, als ich den fürchterlichsten Lärm auf dem hof hörte. Ich ging an ein verborgenes Fenster, sah euern Wagen mit Lichtern umgeben, hörte schiessen, und sank ohnmächtig zurück.
Meine Kammerfrauen hörten den Fall, und kamen mich zu Bett zu bringen. Als ich meine Kräfte nach wenigen Stunden wieder gewonnen, wollte ich nach der Stadt fahren. Meine Leute waren verstöhrt und stumm, und meine Befehle, vorzufahren, blieben unerfüllt.
Ungeduldig über das lange Zögern, drang ich auf eine Antwort. Meine Kammerfrau fiel mir weinend zu Füssen, und sagte mir: man dürfte mich nach dem Befehl meines Vaters nicht nach der Stadt fahren, und überhaupt nicht aus dem schloss lassen.
Ein Raub der bängsten Unruhe, der seelen-zerreissendsten Furcht, verlebte ich zwei der schrecklichsten Stunden meines Lebens. Mein Gemahl hatte mehr als gewöhnliche Besorgnisse bei den Veranstaltungen zu unsrer letzten Zusammenkunft geäussert. Jedes Wort, jeder kleine, vorher übersehene Umstand trat jetzt ins klärste Licht meines Gemüts, und meine Angst vermehrte sich mit jedem Augenblick.
Endlich kam mein Bruder, und sein Anblick verscheuchte die Furie der Ungewissheit, die fürchterlichste von allen, aus meiner Einbildung.
Ich vernahm, dass mein Gemahl und meine Agnes ausser Gefahr wären.
Sonst hatte er mir nur traurige Wahrheiten zu verkündigen; aber alles wirkliche Übel erscheint uns doch sogleich begrenzt, und ruft unsern Mut wieder zum Kampf, der unter den Riesengestalten der Fantasie erlag.
Mein Bruder machte mir sanfte Vorwürfe, ihm mein Vertrauen nicht früher gegönnt zu haben, und enträtselte mir hernach die begebenheiten der letzten Nacht, und ihre Veranlassungen.
Der Minister war der erste, welcher meinen Vater mit der Eröffnung deiner Verhältnisse überraschte, sagte mir mein Bruder. In der ersten Aufwallung des Unwillens zog mich mein Vater in die Vertraulichkeit. Der Minister schien es ungern zu sehen, weil er meine Freundschaft für dich kennt, und mir überhaupt nicht recht traut. Auch bewog er meinen Vater, mir seine fernern Massregeln geheim zu halten.
Aus verschiedenen Gesprächen mit dem Minister, aus den verlegenen Antworten, welche ich ihm oft durch unerwartete schnelle fragen entlockte, konnte ich mir ungefähr zusammensetzen, auf welche Art er selbst zu seinen Entdeckungen gekommen war.
Nach dem, was mir mein Bruder ferner hierüber angab, und welches ich mit meiner eigenen Kenntniss der Verhältnisse und Charaktere verband, schlossen wir auf folgenden Zusammenhang:
Der Herr von Salm in Hohenfels hatte bei dem lebhaftesten Interesse an der Entfernung meines Gemahls, auch den schärfsten blick auf unser verhältnis. Jeden unrechtmässigen Besitz umwinden die Schlangen des Verdachts und der Furcht.
Herr von Salm hatte durch Nachforschungen in der Gegend bald entdeckt, dass der Fremde, welcher sich bei dem Prediger aufgehalten, Herr von Nordheim war. Die Freundschaft meines Gemahls mit der Nordheimischen Familie war ihm nicht unbekannt, und Nordheims besonderer Anteil an Agnes, welcher ihm durch tausend kleine Umstände zu Ohren kam, dass man sogar von einer Heurat sprach, dieses alles erweckte seine Besorgnisse.
Die Neugierde trug sich schon längst mit verschiedenen Gerüchten über Agnes Geburt, zu denen die Aussage eines alten Bedienten des verstorbenen Arztes den ersten Stoff gegeben. Dieser Mensch hatte nähmlich ausgesagt, Agnes sei nicht die Bruderstochter des Predigers.
Man legte sich jetzt aufs weitere Nachforschen bei dem alten Bedienten. Zum Glück hatte sein Herr seine Geheimnisse wohl zu verwahren gewusst; doch erfuhr man: dass Agnes, als einjähriges Kind, durch einen fremden Mann erst in des Arztes Haus gebracht worden sei, und dieser sie hernach dem Prediger übergeben habe.
Die Furcht, welche der Ungerechtigkeit unzertrennliche Begleiterin ist, gab allen diesen ausschweifenden Gerüchten eine feste Gestalt im Gemüt des Herrn von Salm.
Agnes Abreise von Hohenfels gab von neuem Stoff zu den sonderbarsten Mutmassungen.
Herr von Salm schrieb an seinen Schwager über seine gemachten Entdeckungen. Alles was Intrigue hiess, hatte einen natürlichen Reiz für den alten Minister, und die krummen Wege, zu denen ein geheimes verhältnis zwingt, entgingen seinem geübten blick weniger, als die gerade einfache Strasse, auf welcher die Unbefangenheit wandelt. Er selbst hatte auf der Fürstin Befehl, die kleine Agnes den Leuten auf dem Pachtof übergeben lassen, und hatte nach der Veränderung ihres Aufentaltes, die Nachricht von dem tod des Kindes von ihnen empfangen. Wir hatten diesen Ausweg selbst an die Hand gegeben, weil er allen Nachforschungen am besten Einhalt tat.
Der Minister lockte die Leute durch grosse Versprechungen zu sich, und es war ihm ein