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eines Abends in der Dämmerung zum haus des Predigers. Er sagte ihm, dass er ihm ein Kind, welches durch sonderbare Umstände hülflos geworden sei, übergäbe, um es als sein eigenes zu erziehen; die kleinen Ausgaben, die es veranlasse, wolle er mit ihm teilen.

Der Prediger sei durch die Schönheit und den sanften Ausdruck des Kindes so gerührt worden, dass er es sogleich aus Liebe und Neigung aufgenommen habe.

Um die Neugierigen von jeder Spur zu entfernen, wurde ausgemacht, dass Agnes für des Predigers Bruderstochter gelten sollte.

So wuchs unsre Tochter. Kein Kind genoss je einer liebevolleren Sorgfalt.

In des Arztes haus sah ich Agnes zuweilen unbemerkt, und die Erinnerung der lieben Gestalt begleitete mich wie ein guter Genius.

Sechszehn Jahre waren so verstrichen, als der schnelle, ganz unvorgesehene Tod des Arztes mich in die grösste Unruhe setzte, indem ich gezwungen wurde, auf andere Massregeln zu denken.

Ich finde keinen Menschen in der Gegend von Hohenfels, den es ratsam wäre in unser Vertrauen zu ziehen; ich muss dort, der Salmschen Familie wegen, die grösste Vorsichtigkeit beobachten. – Und sollen wir so ganz geschieden von jeder Erscheinung, jeder Spur des nächsten liebsten Wesens, unsre Tage vertrauren? Selbst wenn wir dieses Opfer bringen wollten, so zwingen uns doch die übrigen Verhältnisse zu einem verschiedenen Betragen. –

Ich umarmte meinen Gemahl mit einem neuen unaussprechlichen Gefühl, nach dieser Erzählung. Dein geliebtes Bild, meine Agnes, war zwischen uns, und läuterte unsre Wesen, gleich einer reinen Flamme, zu einem neuen heiligern Dasein.

Wir durchflogen tausend Plane, um dich in unsre Nähe zu bringen, aber immer war ihre Ausführung mit Schwierigkeiten verbunden, die uns Schrecken einflössten.

Eine Veränderung musste vorgenommen werden; hätten wir auch unser eigenes Glück aufopfern wollen, so waren die Umstände an sich dringend.

Du warst in dem Alter, um an die Zukunft denken zu müssen. Der Prediger war alt, und seine zärtliche Liebe für dich musste tausend Sorgen erzeugen. Er hatte von dem Arzt nur kleine Summen angenommen, und aus Liebe für dich alles allein tragen wollen, da er zumal wusste, dass der Arzt selbst nicht wohlhabend war. Mein Gemahl hatte es bis jetzt geschehen lassen, weil er dich selbst gern zur Unabhängigkeit von allen äussern Dingen gewöhnt sehen mochte, und wusste, dass er es für die Zukunft in seiner Hand hatte, dem Pfarrer alles zu vergüten.

Aber jetzt, da der Tod des Arztes dich ganz von deinem Vater trennte, und er auch keinen ausserordentlichen Schritt tun mochte, welcher zu sonderbaren Combinationen hätte Anlass geben können, jetzt waren wir deinetwegen in der grössten Verlegenheit.

Mein Vater lag in dieser Zeit an einer gefährlichen, von den Ärzten unheilbar geachteten Krankheit darnieder.

Sein Tod veränderte alle Verhältnisse für uns, und wir beschlossen den Ausgang dieser Krankheit abzuwarten, ehe wir eine Veränderung in deiner Lage unternähmen.

In dieser Zeit begegnete dir mein Gemahl auf deiner ganz unerwarteten Reise nach D.

natürlich hatte dein Pflegevater nach dem tod des Arztes, von welchem er doch noch eine Aufklärung deines Schicksals erwarten konnte, die gelegenheit ergriffen, um dich in eine bessere Lage zu versetzen.

Ich nahm diesen Zufall, der dich ohne unser Mitwirken in unsre Nähe brachte, für einen gütigen Wink des Schicksals an.

Ich kannte die Gräfin als eine gebildete kluge Frau, man sprach von ihrer Heurat mit Nordheim, und das Vertrauen, welches mir die letzten Worte des Vaters gegen den Sohn einflössten, beruhigte mich über alle weitere Folgen.

Meine. sehnsucht nach dir, die nur den Moment ihrer Befriedigung sah, stellte alle diese Gründe in das günstigste Licht. Dein Vater sagte mir: Agnes fühlt tief, aber still; die Kräfte ihres Herzens und Geistes stehen in einem schönen verhältnis, und nach einigen Jahren der Welterfahrung, wird sie die Kunst erlernen, allen Schlingen der Arglist mit ihrem hohen sichren blick, und einer feinen Gewandteit des Betragens zu entgehen. Wir entdecken ihr dann unser ganzes Schicksal, und du geniessest vielleicht das Glück sie immer um dich zu sehen.

Der lange Zeitraum, in welchem ich das Vertrauen meines Vaters wieder zu geniessen schien, machte uns zu kühn. Er schien alles vergessen zu haben, wenigstens empfing ich kein Zeichen des Misstrauens von ihm, und nie hatte er ja mein Herz gegen sich eröffnet, weil das seine, ewig verschlossen, nur eine starre Kälte um sich her ergoss.

Ich vermied anfänglich, dich vor der Welt zu sehen, weil ich mein Herz zu verraten fürchtete; aber bald überflog meine Ungeduld alle Schranken. Meine Freundin, meine einzige Vertraute, hatte sich an einem entfernten Ort verheuratet, und mein Gemahl wagte jetzt selbst nach D. zu kommen; da auch meine Gesundheit aufs neue harte Anfälle litt.

Die Zeit hatte seine ganze Gestalt verändert, und er hatte die Fertigkeit angenommen, seinem Betragen tausend wechselnde Formen zu geben.

Bald gab mein Gemahl meinen dringenden Bitten nach, die sehnsucht rieb meine Lebenskräfte auf, er musste oft fürchten, dass ich aus der Welt gehen müsste ohne meine Tochter umarmt zu haben, und bald veranstaltete er unsre erste Zusammenkunft.

Nach dieser durfte ichs wagen, dich vor fremden Augen zu sehen.

Welchen Kampf kostete es mir, dir kalt und fremd zu begegnen! Aber welchen süssen Genuss fand mein Herz im Anschaun deines liebenswürdigen Wesens! Jedes Herz fühlte sich von zärtlicher Teilnahme und süssem Verlangen in deiner Nahe ergriffen.

Mein Bruder liebte dich mit leidenschaft Selbst