Stier mit dem rechten einen derben Schlag zwischen die Hörner, dass er zurückprallte.
Die Knechte waren herbeigekommen, das wütende Tier wurde eingefangen, und als ich mich nach der Frau umsah, fand ich sie in der Ecke des Hofes vor ihrem kind knieend.
Ich überreichte ihr die Kleine, die ich gerettet hatte. Sie warf einen freundlichen blick auf sie, aber alle ihre Zärtlichkeit und Unruhe schien einzig auf das andere Kind gerichtet zu sein.
Diese Sonderbarkeit in dem Betragen der sonst gutmütigen Frau fiel mir auf, um so mehr, da ich einen herzlichen Anteil an dem kind nahm, das viel schöner und liebenswürdiger war, als der Liebling der Mutter.
Ich übernachtete in dem haus, und brachte den Abend unter der Familie zu. In Gegenwart des Vaters bemerkte ich die Kälte der Mutter gegen das liebliche geschöpf, welches auf meinem Schoosse ruhete, und machte ihr sanfte Vorwürfe darüber. – Sie errötete und wurde höchst verlegen.
Warum willst du dem Herrn, der es so gut mit uns meint, eine Unwahrheit sagen? fiel der Mann ein: es ist nicht unser Kind.
Die Leute wurden immer treuherziger, und ich erfuhr nach und nach so viel, dass das Kind von einem vornehmen Herrn aus D. in ihre Verwahrung gegeben worden sei, dass man ein grosses Jahrgeld dafür bezahle, und sich die tiefste Verschwiegenheit ausbedungen habe. Um sich gegen jeden Fremden aus der Verlegenheit zu ziehen, liessen die Leute das Kind für die Zwillingsschwester ihres eigenen Kindes gelten.
Ich erkundigte mich genau nach der Zeit, in welcher sie das Kind bekommen, und mit sonderbaren Bewegungen hörte ich den Tag nennen, an welchem das unsre gestorben war. Es fiel mir jetzt gleich einem Schleier von dem Gesicht der holden Kleinen; ich sah deine Züge in anmutiger Verjüngung, dein Lächeln, deine Minen. Ich wagte es nicht zu hoffen, aber ich genoss gleich eines holden Morgentraumes dieser Erscheinung. Ich fragte nach allen Umständen, und erkannte in einer genauen Bezeichnung der person, welche diesen Leuten das Kind übergeben, die alte Hofmeisterin, welche um dich war.
Ich eilte Herrn von Nordheim meine begebenheiten zu erzählen. Er dachte einige Minuten lang nach, und sagte: ich finde Ihre Mutmassungen nicht ganz unwahrscheinlich; aber Ihrer gemahlin kein Wort davon, auch wenn wir der Sache auf die Spur kommen sollten.
Ihr Herz hat sich jetzt an den Schmerz des Verlustes gewöhnt, und die Unruhe des Besitzes und der notwendigen Entfernung ihres Kindes würde ihr Gemüt nur in neue Stürme aufregen.
Er kannte alle Personen und Verhältnisse in D. und in kurzem, umarmte er mich, und brachte mir die freudige Nachricht, das holde kleine geschöpf, zu dem die geheime Kraft der natur mich hingezogen, sei meine Tochter.
Herr von Nordheim verschafte den Leuten auf dem Pachtof eine bessere Pachtung, und entfernte sie aus der Gegend. Bald gelang es uns, durch Geld und Vorstellungen das Kind von ihnen zu bekommen.
Wie reich fühlte ich mich im Besitz des lieben Geschöpfs, und wie viel kostete es mir, dir die Freude vorzuentalten!
Aber ich fühlte zu sehr, dass der Rat meines Freundes mit der Klugheit übereinstimmte.
Erst nach dem tod deines Vaters sollte Agnes dir übergeben werden, nichts zwang dich dann bei dem Aufentalt in einem fremden land, sie wieder von dir zu entfernen. Ich wollte dir ein reines Glück aufbewahren.
Mein unstäter Aufentalt, meine schnellen Reisen, erlaubten mir nicht Agnes bei mir zu behalten, und wem sollte ich sie mit mehr Ruhe anvertrauen, als meinem vortreflichen Prediger zu Hohenfels!
Ich kannte sein edles Gemüt, und die Allmacht seines Geistes auf menschliche Bildung zu wirken. Ich hatte noch einen Freund ohnweit Hohenfels, welcher Arzt in einem kleinen Städtchen war. Er hatte als Feldarzt mehrere Feldzüge mitgemacht, und in den mannichfachsten, oft höchst verworrenen Verhältnissen, in denen er gelebt, solch eine Kraft des Charakters in sich entwickelt, die ihn in dem vollkommensten stoischen Gleichmut erhielt.
Er lebte nur der Übung seiner Kunst, ohne Familien- oder irgend einer andern nahen Verbindung. Wo es auf Liebe und Mitempfindung ankam, war der Prediger mein erster Freund; wo es nur Rat, kalte Besonnenheit, und den sichern Überblick der Verhältnisse galt, da nahm ich meine Zuflucht zu dem Arzt.
Auch jetzt entdeckte ich ihm mein ganzes verhältnis. Wir beschlossen, die reine einfache Seele des Predigers nicht mit einem geheimnis zu belasten, das ihn oft in Verwirrung setzen, und zu Unwahrheiten nötigen konnte, denen sein himmlisch-reiner Sinn sich nur mit schmerzlicher Verwirrung unterzogen hätte.
Ich war seiner Liebe, seiner zärtesten sorge für Agnes gewiss, und unter dem Druck der Meinungen und Vorurteile, die mein Leben so fürchterlich zerstört hatten, war es mir ein wohltätiges Gefühl, mein Kind entfernt von allen künstlichen Schranken der Gesellschaft zu halten, und nur durch Wahrheit und natur die Kraft seines Herzens entwickelt zu sehen.
Meine Tochter sollte alles durch sich selbst zu erreichen vermögen, was den wahren Wert des Lebens ausmacht, und die unsichren Geschenke des Glückes sollten weder durch ihren Genuss noch ihr Entbehren ihr bessres Wesen aus seinem Gleichgewicht zu bringen vermögen.
Oft hatte es der Prediger bereut, nicht in früheren Jahren geheuratet zu haben, um jetzt in seinen Kindern wieder aufzuleben.
Ich gebe ihm eine Tochter, sagte ich dem Arzt, und wie gross wird seine Freude sein, wenn er einst die unaussprechliche Dankbarkeit seines Freundes empfinden wird!
Der Arzt selbst trug das Kind