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und wusste vielleicht nicht, dass Terese einen Anteil daran genommen hatte. Herr von Salm hatte mit Hohenfels vermeintem tod was er wünschte erreicht, und bezeigte sich gegen mich sehr gefällig.

Terese half mir jetzt bei dem Briefwechsel, und den Zusammenkünften mit meinem Gemahl, und wir konnten weiterer hülfe entbehren.

Nordheim lebte in entfernten Gegenden, und dein Vater hatte durch sein trauriges verhältnis, das ihn zur Zurückhaltung zwang, auch von seinem Glauben an die Menschheit verloren.

Meine Mutter hatte mich immer von meiner Schwester entfernt gehalten, und diese hatte ihre Vergebung niemals erhalten können.

Tiefes eigenes Leiden hatte die letztere von der anhaltenden Aufmerksamkeit auf mein Schicksal abgebracht, und als ich sie nach dem tod meiner Mutter wiedersah, fand ich sie so verändert und mutlos, dass ich eine Vertraulichkeit für keine von uns Beiden ratsam fand.

Sie mass dem allgemeinen Gerücht von Hohenfels tod natürlich Glauben bei, und der Aussage meiner Mutter nach, glaubte sie wie ich auch, mein Kind sei gestorben.

Sie beobachtete ein tiefes Stillschweigen über die Vergangenheit, und so wurde es auch mir leichter, mein Herz, dessen volles Vertrauen sie noch immer besass, gegen sie zu verbergen.

Mein Gemahl hatte seit der Zurückkunft von seinen Reisen den Ort seines Aufentaltes oft gewechselt. Seit dem tod unsres Freundes waren unsre Zusammenkünfte mit grösseren Schwierigkeiten verbunden. Mit dem tätigen heitern Leben deines Vaters, entflog der jugendliche Mut. Aus zärtlicher Besorgniss für mich, deren Leben daran hing, in seiner Nähe zu sein, ihn oft zu sehen, unterwarf er sich der peinigendsten Vorsichtigkeit. Aus Furcht, auf einen Verräter oder Unvorsichtigen zu stossen, entbehrte er allen Umgang, und sein schönes Gemüt, das nur in Mitteilung und wohlwollender Liebe gelebt hatte, bekam gleichsam im Überfluss der zurückgedrängten Lebenskraft, eine Unruhe, die sich oft in beinahe phantastische Menschenscheue verwandelte.

Die Mahlerei war seine einzige Beschäftigung, aber sein ganzes Wesen, das nach lebendigem Wirken hinstrebte, fand mehr eine Trösterin, als eine freundliche liebevolle Gesellin in dieser Kunst.

So verstrichen die Jahre. Der Zustand meines Gemahls schmerzte mich tief, und ein innerer Vorwurf, sein friedliches schönes Leben unterbrochen zu haben, erwachte immer stärker in meinem Herzen, je mehr mir alle Verhältnisse des Lebens aus dem Schleier jugendlicher Täuschung hervortraten.

Ich erkannte nur zu sehr, dass es für ein zartes Gemüt unbezwingliche Hydern auf dem Wege zur Glückseligkeit gibt.

Aller sanfte Trost deines Vaters war vergebens, nachdem ich einen klaren blick ins Leben getan hatte. Ich sah, so wie viele andere, erst, nachdem ich durch Irrwege auf den Gipfel des berges gekommen war, die bessere Strasse; und das Gefühl, ein inniggeliebtes Wesen von der ebenen heitern Bahn des Glücks, in Dunkelheit und Verworrenheit gezogen zu haben, wurde zum immer regen, nagenden Schmerz in meinem Busen.

Als mein Gemahl während einer unsrer geheimen Zusammenkünfte alles versucht hatte, um mich durch die heitersten Ansichten unsres Schicksals zu beruhigen, und ich dennoch weinend an seine Brust sank, erhob er mich sanft, und blickte mir mit himmlischer Heiterkeit ins Auge. Nun wohl, so lass auch unser Leben voll schmerzlicher Entbehrungen sein; unsrer Liebe entblühte ein Wesen, reich an tausend schönen Kräften, des reinsten klärsten Daseins fähig. Du hast eine Tochter, in ihr lass uns leben und geniessen. –

Mein starrer, auf deinen Vater gehefteter blick, suchte den Sinn dieser Rede zu ergründen; noch wagte mein Herz nicht, sich in hoffnung zu erheben.

Deine Tochter lebt! sagte dein Vater, indem er mich an seinen Busen drückte. Verzeih, dass ich dir es bis jetzt verbergen konnte; ich nahm dir ein unaussprechliches Glück, aber welche Unruhe, welche schmerzliche sorge nahm ich dir nicht zugleich!

Ich glaubte, wie du, ein ganzes Jahr hindurch der Nachricht von dem tod unsres Kindes.

Auch Nordheims waren davon überzeugt.

Du weisst, wie mein sonderbares Leben mich oft und am liebsten an die entlegensten Orte führte. So kam ich bei meiner ersten Rückreise aus Italien, Abends an einen einsamen Pachtof unweit D. an. Ein junges Weib sass vor der Haustür, und hielt zwei Kinder auf ihrem Schoosse, die sie wechselnd säugte. Ich fragte: Sind diese Kinder Zwillinge? Sie antwortete errötend: 'Ja.' Ich spielte mit den Kindern, von denen das eine eine entzückende Bildung hatte; hohe reine Formen leuchteten aus der lieblichen Fülle der Kindheit hervor, und schon lag in dem blick der grossen blauen Augen eine gewisse süsse Bedeutung.

Ich war verloren in dem Anschauen des holden Geschöpfs, als die Frau einen lauten Schrei tat, die zwei Kinder unter die arme fasste, und der Haustür zurannte.

Ein Stier hatte sich aus den Ställen losgemacht, und lief wütend auf dem kleinen, rings verschlossenen Hofplatz umher.

Die Haustür hatte sich unglücklicher Weise beim Zuschlagen verschlossen. Ich nahm meinen Stock, stellte mich vor die Frau, und suchte sie so zu verteidigen.

Aber der Schrecken nahm ihr die Besinnungskraft; sie setzte das schöne Kind auf einen Pfeiler neben der Haustür, wo es im Augenblick herabstürzen musste, und sprang mit dem andern nach einer kleinen Tür in der Ecke des Hofes.

Als ich mich wendete, das Kind zu fassen, wollte der Stier gerade auf dasselbe losstossen. Lächelnd streckte das kleine geschöpf die Händchen nach den Hörnern des Stiers aus, als wären diese Werkzeuge seines Todes ein unschuldiges Spielzeug. Ich hatte das Kind in meinen linken Arm gefasst, und gab dem