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Gefahr sehen könnte. Er sagte mir nicht ein Wort über den Verlust seiner Güter und der wirksamen friedlichen Existenz, an welcher sein ganzes Gemüt hing, und suchte nur mich mit freundlichen Aussichten auf eine unsichre Zukunft zu trösten.

Vor der Hand bat er mich, den Frieden in meiner Familie mit jeder Aufopferung und um jeden Preis, zu erhalten. Er würde mir in dem entscheidenden Moment nahe sein, um die sorge für das geliebte kleine Wesen, die heiligste Blüte unsrer Liebe, mit mir zu teilen.

Herr von Nordheim wachte seit diesem über das geheimnis unsrer Liebe; in seinem Herzen ruhte unser Schicksal, und wir empfingen jede Zusammenkunft, jeden glücklichen Moment von seiner Hand.

Sein sichrer blick in alle Verhältnisse wachte über unsre Unachtsamkeit. Er und Hohenfels suchten mich mit sanften Tröstungen bis zu meiner Niederkunft hinzuhalten, und Frau von Nordheim, die auch in unser geheimnis gezogen wurde, versprach, da sie das Vertrauen meiner Mutter besass, es bei dieser dahin zu bringen, ihr die sorge für mich und für die notwendigen Massregeln bei dieser gelegenheit ganz allein zu übertragen.

Wie bitter täuschte das Schicksal, oder die kalte Politik meiner Mutter, die mit allen wahren Verhältnissen spielte, meine freundlichen Erwartungen!

Kurz vor meiner Niederkunft (denn jede Bitte, mich früher zu entfernen, blieb unerhört,) liess mich meine Mutter entlegenere Zimmer des Schlosses beziehen, und übergab mich der Wartung einer alten Hofmeisterin, und einem Arzt, der ihr ganzes Vertrauen besass.

Meine Mutter selbst war in den entscheidenden Augenblicken gegenwärtig.

Wie unaussprechlich reich belohnt für jede sorge, jeden Schmerz fühlte ich mich durch deinen ersten Anblick, mein geliebtes Kind!

Ein neues, reineres Dasein bewegte die Elemente meines Lebens. Stärker fühlte ich mich von der natur umschlungen, und reicheren verdoppelten Sinns, sie in ihrer Endlosigkeit zu fassen. Jeder Kampf dünkte mir ein leichtes Spiel; so erhöhte das geliebte kleine Wesen jedes Gefühl meiner Kraft.

Wenige Stunden hattest du an meiner Brust geschlummert, als meine Mutter befahl, dich, aus Schonung für meine durch die Niederkunft erschöpften Kräfte, in ein entfernteres Zimmer zu bringen.

Noch einen Kuss drückte ich auf deine Stirn, als man dich schlummernd von mir trug: – es war der letzte.

Als ich dich den nächsten Morgen zu sehen begehrte, antwortete man verlegen: das Kind sei nicht ganz wohl. Bald erschien meine Mutter und verkündigte mir deinen Tod.

Auf meine Tränen, auf meine verzweiflungsvollen Klagen, gab sie mir die kalte Antwort:

Die Zeit wird dich lehren, der Vorsicht zu danken, dass sie jede Spur deines Fehlers vertilgte. Dem armen kleinen geschöpf ist wohl!

Meine Mutter war gütiger als jemahls gegen mich. Sie glaubte meinen Ruf jetzt ganz gerettet, und ich genoss aller Freiheit, die ich nur wünschen konnte. Um meine Heiterkeit wieder herzustellen, machte sie mir selbst gelegenheit, viel mit der Nordheimischen Familie zu leben.

Mit welchem Schmerz umarmte ich deinen Vater, bei unsrer nächsten Zusammenkunft!

Ein unerschöpfliches Meer von Genuss und Leiden lag in meinem Busen, und das Bild meines Kindes, die wenigen Stunden, wo ich mich des süssen Geschöpfs gefreut, verdrängten die Erinnerungen meines ganzen vergangenen Lebens. Mein innigster Wunsch war, dass mein Gemahl seines Anschauens auch nur für einen Moment genossen haben möchte.

Ich fühlte eine neue Kraft zum Leiden in mir, nachdem ich die stärksten Gefühle meiner natur durchlaufen, und die ganze Tiefe meines Wesens in Freude und Schmerz kennen gelernt hatte.

Ich selbst drang in deinen Vater, Reisen in entfernte Länder zu unternehmen, um sich aus dem ängstlichen Zustand zu befreien, worin er seit unsrer Verbindung lebte. Er reiste, und besuchte mich alle Jahre auf wenige Tage.

Die sehnsucht verzehrte mich, ich lebte aufs neue nur in Erinnerungen, und es schien gleichsam als habe die natur mich durch den Reichtum des inneren Lebens für jedes Entbehren, das mir die schwere Hand des Schicksals auflegte, schadlos halten wollen.

Die Schwermut, die aus dem stäten Rückblick in sich selbst entsteht, und meine wankende Gesundheit, hatten meine Eltern von jedem Gedanken, mich zu verheuraten, zurückgebracht, und ich war wenigstens vor neuen Verfolgungen und gewaltsamen Scenen sicher.

Während der Abwesenheit meines Gemahls, verloren wir unsern vertrauten Freund, den Beschützer unsrer Liebe, Herrn von Nordheim; seine Gemahlin war kurz vor ihm gestorben.

Ich empfing durch Teresen folgendes Billet von ihm; es war kurz vor seinem tod, mit zitternder Hand geschrieben:

'Für Sie, gutes unglückliches Paar, hätte ich gewünscht noch länger zu leben. Ich fand mich verpflichtet, da mich der Tod übereilt, meinem Sohn einige Dinge zu entdecken, die in der Folge sehr wichtig werden können, und die Hohenfels Güter betreffen. Ihre Verbindung weiss er nicht, diese ist Ihr geheimnis.

Ich sage es mit freudigem Herzen, indem ich diese Welt verlasse: meine Freunde gewinnen mehr an meinem Sohn, als sie an mir verlieren.'

Ich hörte von dem jungen Nordheim als von dem edelsten, liebenswürdigsten mann sprechen. Ich bat meinen Gemahl bei seiner Zurückkunft sich gegen ihn zu eröfnen; aber er schien keine Neigung dazu zu haben, und antwortete mir immer: Die Zeit ist noch nicht gekommen, wir können jetzt nur schweigen und dulden.

Auch meine Mutter starb in dieser Zeit, und nach ihrem tod erlangte ich von meinem Vater, dass meine Freundin Terese bei mir leben durfte. Er schien von vielen kleinen Zügen jener begebenheiten nicht unterrichtet zu sein,