ist dem siechen Gemüt die Schlummerstunde eines Kranken, eine Erhohlung der natur zu neuem Leiden.
Einige Tage gingen so hin, als eines Abends ein paar gleichgültige gute Geschöpfe, die ich nicht ungern sah, auf meinem Zimmer versammelt waren.
Neuigkeiten waren der Gegenstand des Gesprächs, als eine unter ihnen mit der grössten Unbefangenheit erzählte: der liebenswürdige Herr von Hohenfels sei durch die Unvorsichtigkeit eines Jägers auf der Jagd erschossen worden; seine Leute suchten den Täter überall auf in der bittersten Wut.
Ich sank ohnmächtig zur Erde, und als ich wieder zu mir selbst kam, fand ich mich in der fürchterlichsten Zerstöhrung. Der einzige Gedanke, in dem sich mein Wesen zu einem klaren Bewusstsein zu sammeln vermochte, war, mir den Tod zu geben. Schon hielt ich ein Federmesser, welches ich mir während einer Unachtsamkeit meiner Wächter verschafft hatte, in der Hand, als es mir im Gefühl des kleinen Wesens, welches meinem schmerzlichen Dasein entkeimte, wieder entsank.
Ich sah niemand als meine Leute und den Arzt um mich her, und blieb mir selbst und meinem gränzenlosen Schmerz ganz überlassen. Keine Träne des Mitleids linderte die Glut der schmerzlichen Verwirrung in meinem inneren, und rief einen schwachen laut des Lebens in mein Wesen zurück.
Nachdem ich einige Tage in diesem Zustande gelegen, erblickte ich Herrn von Nordheim unter den kalten toten Gestalten, die mich bisher umgaben. Sein Anblick wirkte wie ein Lichtstrahl in ein dunkles Gewölbe, und rief mich ins wahre Leben zurück.
- Er war ein Freund meines Geliebten, und eine lebendige Gegenwart alles dessen, was wir verloren, ist nie ohne einen zarten Wiederschein des entflohenen Glücks in irgend einer, dunklen Gegend in unsrer Seele. – Er nahte sich mir und sagte leise: trösten Sie sich, Ihr Geliebter ist nicht tot! Sie werden ihn wieder sehen. Aber sprechen Sie gegen niemand über diese Entdeckung.
Meine Lebenskraft kehrte zurück. Ich konnte den nächsten Tag vor meinen Eltern erscheinen, und mit Verwunderung bemerkte ich an ihrem Betragen, dass sie den ganzen Vorfall vergessen wollten. Meine Mutter liess mich Abends in ihr Cabinet rufen und sagte:
Ich habe dir vergeben, wende jetzt nur die möglichste Vorsichtigkeit an, um die unglücklichen Folgen deines Leichtsinns zu verbergen; wenn es die Zeit fordert, werde ich dich entfernen. Dank' es der Vorsicht und deinem Vater, dass die Spuren deines Fehlers vertilgt werden können.
Nach einigen Tagen gab mir Herr von Nordheim einen Brief deines Vaters. Er entielt nur die Versicherung seines Wohlseins, die Bitte mich für jetzt allen Massregeln meiner Eltern zu unterwerfen, und die hoffnung, dass wir bald wieder vereint werden würden.
Herr von Nordheim schien das volle Vertrauen meines Vaters zu besitzen. Er sagte mir nur oft verstohlen einige Worte des Trostes, denen sein edler sichrer blick eine sonderbar überzeugende Kraft gab. Er bat meine Mutter, einige Tage auf seinem Landgut zuzubringen, und dort entdeckte er mir die ganze Lage meines Gemahls.
Schon längst hätten meine Eltern die geschichte meiner heimlichen Heurat vernommen, doch sich noch immer mit der hoffnung eines unsichern Gerüchts getäuscht, bis mein geständnis endlich alle Zweifel auflöste.
Unglücklicherweise, fuhr Herr von Nordheim fort, war in jenem entscheidenden Moment niemand als der Minister von C. um Ihren Vater, der bei jeder, auch entfernt scheinenden Begebenheit, eine Beziehung auf seinen Eigennutz zu finden wusste, und diesem hellen Punkt jede andere Rücksicht unterordnete.
Dass Ihr Vater je in Ihre Heurat willigen sollte, war für ihn eine Unmöglichkeit. Streng musste er, nach seiner, durch lange Gewohnheit eisern gewordenen Vorstellung, diese Schmach seiner Ehre rächen, und alle Bande trennen, die den reinen Glanz seines Geschlechts verdunkelten.
Der Minister wurde von Ihrem Vater mit dem Auftrag an Hohenfels abgeschickt: er müsste Deutschland auf eine unbestimmte Zeit verlassen, jedes Recht auf Sie aufgeben, und um Ihnen Ihre volle Freiheit wiederzugeben, und Ihnen jede hoffnung auf die Zukunft zu benehmen, müsse man Ihnen mit Wahrscheinlichkeit glaubend machen können, Hohenfels sei gestorben. Öffentliche Entehrung, lebenslängliche Gefangenschaft würde Ihr los sein, wenn Hohenfels nicht in diese Bedingungen willigte.
Hohenfels schrieb eilends an Ihre Schwester; Sie war furchtsam geworden durch das Betragen ihrer Eltern, und fürchtete Verdruss mit ihrem Gemahl, wenn die ganze Sache nicht unterdrückt würde. Mit dem Anschauen des Glücks flieht so leicht auch der Mut der Freunde.
Hohenfels, der nur in dem Glück anderer lebte, hatte keinen Mut frei zu handeln, da der Ausgang höchst zweifelhaft war. Er willigte in alles, um das Verderben seiner Geliebten zu verhüten.
Herr von C. erhielt als eine Nebensache von Hohenfels, dass sein Schwager, als Lehnsfolger seine Güter während seiner Abwesenheit administriren sollte, und um dieses zu erhalten, hatte er die ganze Sache, die gewiss einer andern Verhandlung fähig gewesen wäre, zu diesem Extrem geführt.
Vor einigen Wochen kam Ihr Gemahl bei mir an, und vertraute mir die ganze geschichte. Er bat mich, eilends nach D. zu reisen, um Sie von dem falschen Gerücht seines Todes zu benachrichtigen. Man war mir doch zuvorgekommen, und ich konnte den schon empfundenen Schmerz nur wieder heilen.
Herr von Nordheim gab mir einen Brief von meinem Gemahl. Dieser hielt sich unter einem fremden Nahmen in einer benachbarten Reichsstadt auf, wo er in der grössten Eingezogenheit lebte; nur für meine Ruhe besorgt, sagte er mir, dass er in meiner Nähe bleiben würde, um die erste gelegenheit zu ergreifen, wo er mich ohne