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Ich war aus dem ersten Schlummer erwacht, und fühlte meine ganze Lage in der schauderhaftesten Verwirrung. Getrennt von meinem Gemahl, umgeben von Schlingen der Arglist, in einem Zustand, der mich der schrecklichsten Verlegenheit aussetzte, – wo sollte ich Rettung finden vor der quälenden sehnsucht, vor den tausend Besorgnissen die meinen Busen füllten. Ich sah keinen Ausweg, vor meiner umwölkten Vorstellung, als die Flucht zu meiner Schwester.
Meine Freundin umarmte mich, als sie mich entschlossen sah, und versprach mich nicht zu verlassen.
Wir packten die wichtigsten Sachen zusammen, mein Schmuckkästchen und meine Börse, und eilten, durch die langen matt erleuchteten Gänge, einer Tür zu, die in den Garten führte; dort hofften wir über die niedrige Mauer leicht ins Freie zu kommen.
Meine Leute vermissten mich, noch ehe wir an der Gartenmauer waren. Meine Mutter wurde sogleich von meiner Flucht benachrichtigt. Sie folgte nur ihrer Heftigkeit, es wurde mehr Lärm gemacht, als die Klugheit anriet.
Meine Freundin und ich suchten, wie scheue Vögel, das dichteste Laub und die finstersten Gänge durch den Garten, da es eine mondhelle Nacht war; aber bald sahen wir uns von einer Menge Menschen umringt; meine alte Französin und ein Cavalier meiner Mutter waren dabei, und befahlen in ihrem Nahmen sogleich zurück zu kehren.
Meine Freundin wendete alles an, um durch ein unbefangenes Betragen glaubend zu machen, wir seien nur auf einem Spatziergang begriffen; aber die Alte hatte mein Schmuckkästchen, welches ich unter meinem arme trug, entdeckt. Ich wurde allein in das Zimmer meiner Mutter geführt, so wie man meine Freundin nach dem haus ihres Vaters zurückschickte.
So ist es denn wahr! sagte meine Mutter, als sie mich erblickte: Du hast dich und uns alle entehrt. O Gott, was muss ich erleben! – Ich war höchst verwirrt und hatte nur Tränen zur Antwort. Noch nie sah ich ihren Unwillen mit dieser Farbe des Schmerzens vermischt, und der erste laut der Empfindung, den ich von ihr vernahm, lösete alle Bande, welche seit langen Jahren ihre Kälte jedem Ausdruck des Herzens auflegte.
Mein Zustand gab mir den Mut der Verzweiflung, und ich rechnete um so sicherer auf Schonung, da mein Schicksal unwiderruflich bestimmt war. Ich bat meine Mutter, ihre Kammerfrauen wegzuschicken, und als wir allein waren, versuchte ich natur und Liebe in ihrem Busen zu erregen. Vor ihrem Bette lag ich zu ihren Füssen, zum erstenmahl drückte ich ihre Hand an meine Brust, und nun wagte ich, ihr meinen ganzen Zustand zu entdecken. Sie hörte mir mit starrer Aufmerksamkeit zu, und als sie vernahm, dass ich vielleicht in kurzem Mutter werden würde, sank sie halb ohnmächtig zurück, ihre kalte Hand stiess mich krampfhaft von sich, und als sie durch meine und ihrer Frauen hülfe wieder zu sich kam, war ihr erstes Wort ein Befehl für mich, sie augenblicklich zu verlassen.
Ich wurde streng in meinem Zimmer bewacht. Mein Zustand gränzte an den Wahnsinn, nachdem alle meine Hofnungen auf das Herz meiner Mutter mich so bitter getäuscht hatten.
Den dritten Tag kam der Minister zu mir. Er wendete alle Künste an, um einen unangenehmen Auftrag in einen Schleier zweideutiger Worte zu hüllen; aber das Resultat war nicht weniger schmerzlich für mich. Meine Eltern hielten meine Heurat für falsch und ungültig, Hohenfels für einen Räuber meiner Ehre, und wenn wir uns nicht beide mit blindem Gehorsam allen Massregeln unterwerfen würden, welche mein Vater zu nehmen für gut fände, so würde er lieber die Sache bei den Reichsgerichten zur Verhandlung bringen, mich ganz aus seiner Familie verstossen, und in lebenslänglicher Gefangenschaft halten, als den geringsten Anschein haben, dass er mein Betragen aus väterlicher Schwachheit entschuldige.
Ihr Herr Vater ist entschlossen, seine beleidigte fürstliche Ehre auf das bitterste zu rächen, sagte mir der Minister: Sie kennen seinen Einfluss am kaiserlichen hof, und was hat nicht Hohenfels zu fürchten, wenn der Fürst mit aller Macht dort gegen ihn wirkt? Der Befehl Ihres Herrn Vaters für Sie ist, sich ruhig zu halten; den geringsten Schritt, welchen Sie tun würden, sich Hohenfels wieder zu nähern, wird sein unausbleibliches Verderben nach sich ziehen. Den Vorfall der letzten Nacht sucht man als eine jugendliche Unbesonnenheit zu bemänteln. Ihr Herr Vater war längst durch einen sichern Mann vom hof Ihrer Schwester von dem Aufsehn unterrichtet, welches Ihre Neigung gegen Hohenfels dort gemacht, und darum wurden Sie zurück gefordert. Ein äusserst abgemessenes strenges Betragen kann Ihren Ruf wieder herstellen. geben Sie den Umständen nach, und ersparen Ihren Eltern die bittere Kränkung einer beleidigten Ehre. Mit dem Befehl meiner Mutter, nie wieder ein Wort gegen sie von der unglücklichen Begebenheit zu erwähnen, machte der Minister den Beschluss, und überliess mich meinen quälenden Gedanken.
Die Furcht, Hohenfels in Unglücksfälle zu ziehen, die sorge für mein Kind, gaben mir einen noch nie gefühlten Mut, mich zu verstellen, um gelegenheit zu gewinnen, meiner Schwester Nachricht von mir zu geben, und ich vermochte es, mit gefasster Mine vor meinen Eltern zu erscheinen. Das Verbot meiner Mutter liess mich doch auf die Furcht gerührt zu werden schliessen, und die hoffnung einen günstigen Augenblick zu finden, erschien mir aufs neue, um so mehr, da sie von meinem ganzen Zustand unterrichtet, notwendig auf hülfe für mich denken musste.
Selbst die Verzweiflung muss neue Kräfte sammlen, wenn sie das Herz nicht ganz zu brechen vermag, und ein Traum der hoffnung