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Vater die Augen niederschlug, und schwieg, schlossen sich die schon zu einer Frage geöfneten Lippen des Fremden. Erndten Sie auch sichtbar Segen an Ihrer Gemeinde? sagte er nach einigen Momenten des Nachdenkens. – Ja, Gott sei Dank, antwortete mein Vater, mein Bemühen bleibt nicht fruchtlos. Es war ein wildes Völkchen, als ich herkam. Eigennützig und diebisch aus Faulheit und Ungeschicklichkeit, und voller Streitsucht aus Unwissenheit und Misstrauen. Aber jetzt fängt es an, sich in die Ordnung zu fügen.

D e r F r e m d e . Welcher Mittel bedienten Sie sich?

M e i n V a t e r . Mein Herr, ich fing es von der umgekehrten Seite an, als man es gewöhnlich treibt. Mir scheint es ein Irrtum, wenn man wähnt, man müsse alle Kultur sogleich beim Geistigen anfangen; – ich meine, man kommt immer zu früh daran, ehe das Leibliche in Ordnung ist, und sogenannte aufgeklärte Gesinnungen seien nur taube Blüten, wenn sie nicht aus dem gesunden Stamme eines ordentlichen reinlichen Lebens Nahrungssaft einsaugen. Wenn das Volk durch Arbeitsamkeit sichern Unterhalt findet, so kommt Ordnung und Sitte von selbst. Wirkliche Not hebt alle moralische Bande auf; der Mensch, den sie drückt, ist im Zustande des krieges gegen die Gesellschaft. Wenn die physischen Bedürfnisse mässig befriedigt sind, sprosst die Seele aus eigener Kraft in Gedanken auf, und die Gefühle des Rechten und Guten, des Glaubens und der hoffnung entkeimen ihrem mütterlichen Boden, als starke, gesunde Gewächse. Die Erfahrungen, die ich in meinem kleinen Kreise machte, scheinen mir beweisend. Ich war so glücklich, durch die hülfe meiner vorigen Gutsherrschaft vieles für den Wohlstand dieses Dörfchens tun zu können. Unser voriger Herr war nicht allein ein vortreflicher Landwirt, er kannte auch alle Produkte und Bedürfnisse der umliegenden Gegend auf das genaueste, verstand in hohem Grad die Kunst, die Menschen zu behandeln, und sie zu seinen guten Zwecken zu lenken. Er richtete den Feldbau und alle arbeiten seiner Untertanen nach den Bedürfnissen der benachbarten Orte ein, so sehr es die Eigentümlichkeiten des Bodens gestatteten. Da er das Zutrauen aller besass, so verband sein Geist das Ganze, und jeder Einzelne fand irgend einen Vorteil in seiner Haushaltung dadurch. Überall wusste unser Herr Zugang zur vorteilhaftesten Absetzung der überflüssigen Produkte, und so entstand nach und nach durch die Sicherheit des Erwerbs der Geist der Arbeitsamkeit und stillen Ordnung. Wenig Müssiggänger blieben in der Gemeinde, und die Gemüter bildeten sich gesund und sittlich. Im Anfang wurde der Geldbeutel ihres Herrn mehr in Anspruch genommen, als meine Seelenarzneien. Jetzt, bei einem ruhigen und arbeitsamen Leben, und nach den Eindrücken, die die Jugend, mit welcher ich mich gleich anfänglich beschäftigte, empfingjetzt nahet sich mir der grösste teil meiner Gemeinde im ächten Gefühl edlerer Bedürfnisse. Die Jugend wünscht Aufklärung über manche Gegenstände des Denkens, und oft Regeln für das Leben von mir, und das Alter spricht gern von seinen Hofnungen nach dem tod. O warum musste uns unser treflicher Herr so bald entrissen werden!

Seit wann ist er gestorben? fragte der Fremde mit sichtbarer Bewegung. Ich habe nicht einmal den Trost, erwiderte mein Vater, zu wissen, dass seine Seele in ein besseres Leben hinübergegangen ist; – er lebt vielleicht noch im Elend, in trauriger Gemütsverwirrung, in Gefangenschaft; nur Gewalt kann ihn von uns trennen, wenn er noch am Leben ist, und dieses bange Schweigen des Todes gegen Herzen, die ihn so innig liebten, verursachen. Er lebte so mit seinem ganzen Herzen in diesem Dörfchen, dem Kreise seiner Wohltätigkeit; – willig hat er es nicht verlassen, es liegt eine uns undurchdringliche Nacht auf seinem Schicksal!

Die Gemütsbewegung des Fremden stieg immer höher, und er fragte mit zitternder stimme: Auf welche Art verschwand er?

Es sind achtzehn Jahr, als unser Herr eines Morgens befahl, sein schnellstes Pferd zu satteln; er zog seine Jagdkleidung an, ritt an meinem haus vorbei, und rief mir zu, an die Gartentür, die etwas entfernter von der Strasse ist, zu kommen. Er reichte mir einen Beutel, und sagte: Hier haben Sie einen kleinen Fond zu unsern Einrichtungen für meine Untertanen. Es möchten vielleicht Hindernisse für unsere Plane in den nächsten zeiten entstehen; diese Summe, denke ich, soll hinreichen, sie fürs erste sicher zu stellen. – Leben Sie wohl, mein bester Freund. – Er wandte das Gesicht von mir ab, aber ich hatte eine ungewöhnliche Spannung in seinem Wesen wahrgenommen, seine Hand schien zu zittern, als er mir den Beutel reichte. Die Ahndung eines Unglücks flog durch meine Seele, und als ich meine arme nach ihm erhob, um seine Hand zu drücken, und noch ein Wort von ihm zu vernehmen, gab er dem Pferde die Sporen, und war mir pfeilschnell aus den Augen. Noch einmal sah er sich nach mir um, und seitdem sah ich ihn nie wieder.

Es sind achtzehn Jahr verstrichen, aber noch liegt jener Augenblick als gegenwärtig in meiner Seele, und nie sehe' ich den kleinen Fusssteig, der in den Wald führt, ohne dass alle Schrecken seines Abschieds mich überfallen. Dort ritt er hin, und warf den letzten, gewiss schmerzlichen blick auf sein Eigentum. Alle Herzen waren sein, und er in dem blühenden Mannsalter von dreissig Jahren, mit einer Fülle der Taten im Busen, musste das alles verlassen! Die Unruhe jener ersten bangen