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Nach seinem zeugnis schien mir die stimme der Vernunft für meine leidenschaft entschieden zu haben. Ich überliess mich dem neuen zarten Gefühl meines Herzens, und wagte zu hoffen, da, wo meine Lage mich verzweifeln hiess. Ich fühlte, dass Hohenfels mich liebte, ob er gleich seinem Betragen strenge Zurückhaltung auflegte. Meine Freundin stand zwischen uns beiden, und von ihren Lippen vernahmen wir Beide das geständnis einer Neigung, welcher eiserne Verhältnisse ein tiefes Schweigen hätten auflegen müssen.
Der Schmerz, welchen Hohenfels über meine Verbindung mit dem Prinzen äusserte, erweckte jede unbekannte Kraft in meinem Gemüt. Ich begegnete dem Prinzen mit einer Verachtung, die selbst seinem Stumpfsinn nicht entging, und auf die Vorwürfe meiner Mutter über dieses Betragen, gab ich die höchstbestimmte Erklärung, dass ich mich nie zu dieser Verbindung entschliessen würde.
Ich ertrug alle schmerzlichen Scenen, welche dieser Erklärung folgten, mit Festigkeit, und da man endlich alle Versuche, meinen Entschluss umzustimmen, fruchtlos fand, bekam der Prinz seinen Abschied; aber mein Vater war so aufgebracht gegen mich, dass meine Mutter mich zu meiner älteren Schwester schickte, um mich den lauten Ausbrüchen seines Zorns zu entziehen.
Den Tag meiner Abreise empfing ich durch meine Freundin einen Brief von Hohenfels. Er wollte meinen Lebensfrieden nicht länger stöhren, sagte er mir; nachdem ich der Gefahr entronnen wäre, mich mit einem unwürdigen mann zu verbinden, sollte ich um seinetwillen nicht länger die Eintracht mit meiner Familie unterbrechen. Ich sollte ihn vergessen, und er wollte lernen sich meines Glückes zu freuen, wenn er auch nur durch das schmerzlichste Entsagen etwas zu demselben beizutragen vermöchte.
Ich sank in Ohnmacht, als ich den Brief gelesen. Meine Freundin stand weinend an meinem Bette, und suchte mich durch die hoffnung aufzurichten, dass eine glückliche unerwartete Begebenheit unserm Schicksal eine andere Wendung geben könnte. Sie kannte mein Vermögen, das Unmögliche erreichbar zu denken, und hoffte mich so zu heilen.
Wir lasen den Brief noch einmal, und sein edler Sinn nährte meine Liebe, und gab ihr die Allmacht, welche diese leidenschaft selbst aus der Hofnungslosigkeit schöpft, wenn sie sich, nur bestehend auf sich selbst, als ein Kind des himmels empfindet, und aller Aussicht auf irdisches Glück entsagt hat.
Die Erde fordert uns nur allzubald zurück, so lange wie ihr noch angehören. Verlangen und sehnsucht zerstörten meine Gesundheit. Die Ärzte glaubten mich dem tod nahe.
Ich fand an dem hof meiner Schwester mehrere Bekannten meines Geliebten. Ich folgte seinem Schicksal mit meinen Gedanken, wusste den jedesmahligen Ort wo er sich aufhielt, und meine Fantasie dichtete sich die kleinsten Umstände seines Lebens. Mein verspannter kranker Sinn lebte in einer Welt erdichteter Genüsse und Leiden, und wenn unser Herz nur in der Dichtung lebt, und keinen Ruhepunkt in der existirenden Welt um sich her findet, dann drohet der Stimmung unsers ganzen Wesens Auflösung oder wilde Zerrüttung.
Eine Gestalt, von der ich wusste, dass er sie kürzlich gesehen, bewegte mein Blut in wildem Kreislauf.
Ganze Tage brachte ich einsam in den Gärten zu, und wiederholte jedes Wort, welches ich in den Tagen unsers Zusammenseins von seinen Lippen vernommen.
Alle Kleider, welche ich in jener Zeit getragen hatte, bewahrte ich als Reliquien auf, und berührte sie nie, ohne dass ein süsser Schauer durch mein Wesen drang, wie in der Gegenwart des Geliebten.
Oft stärkte mich ein wunderbares Gefühl seiner Gegenwart, und der süsse Wahn, dass die Gedanken der Liebenden durch ein eigenes feineres Element sich zu begegnen vermögen, erhielt mich in der Zuversicht von seiner daurenden Liebe.
Ich war in einem immerwährenden Traum, und das Gegenwärtige blieb oft von mir ungefühlt, oder falsch vernommen.
Meine Nerven fielen, durch die daurende Verspannung zerrüttet, in wilde Verzuckungen, und in der Erschlaffung, die darauf folgte, brach der dünne Faden, der unsre innere Erscheinungen an die äussere Welt knüpft, oft ganz ab. Ich blickte nur in mich selbst, und die Harmonie der innren Kräfte, die uns der äussern Welt zustimmt, war in fieberhaften Träumen zerstört.
Meine Schwester liebte mich zärtlich. Meine abgebrochnen Reden gaben ihr hinlängliche Einsicht in die Krankheit meines Herzens. Sie liess meine Freundin zu sich kommen, und wurde mit meinem ganzen Zustand genau bekannt.
Das Mitleid wird in zarten reizbaren Gemütern zur leidenschaft, und sieht, wie diese, nur den Augenblick. Meine Schwester selbst suchte eine gelegenheit zu finden, bei welcher sie Hohenfels dringend und bestimmt zu sich einlud.
Ich sass an meinem einsamen Platz im Garten, als sich mir meine Schwester, meine Freundin und Hohenfels näherten.
Er fuhr erschrocken bei meinem Anblick zurück, lag zu meinen Füssen, die natur sprach laut, und bald allein, in unsern Herzen. Wir hatten die fesselnden Verhältnisse der Welt vergessen und gelobten uns ewige Liebe und Treue, als ob die Freiheit des goldnen Weltalters uns lächelte. Mit der hoffnung gewinnt die Liebe allbesiegenden Mut und Schlangenklugheit. Ein Priester aus einem kleinen benachbarten Freistaat wurde gewonnen, um uns zu trauen; ich sollte so viel wie möglich an dem hof meiner Schwester leben, Hohenfels auf einem Gut in der Nähe, und so hoften wir unsre Verbindung und unser Glück den Augen der Welt zu entziehen. List und Verschlagenheit dünkten uns die natürlichen Waffen gegen ungerechte Anmassungen der Gesellschaft. Aber gute einfache Seelen rechnen immer falsch, wenn sie sich in Kampf mit der Arglist und den tausend kleinen Leidenschaften wagen, die sich in dem Kreise jeder willkührlichen Gewalt eben so