' ich wohl Rat zu schaffen, sagte er, indem seine Augen die Höhe des Zauns massen. Nein, das wäre zu gefährlich, sagte er vor sich hin, und ging zum Tore. Mit starkem Arm griff er in die Stäbe des Gatters, und hob den einen Torflügel aus den Angeln.
Meine Freundin hüpfte hindurch, ich folgte; sie rief einen flüchtigen Dank aus, ich wendete mich noch einmal gegen unsern freundlichen Erretter, es zog mich eine fremde Gewalt zurück, aber ein Wink meiner Freundin beflügelte meine zweifelnden Schritte.
Und wir haben ihm nur so flüchtig gedankt! war mein erstes Wort gegen Teresen, und mein Gefühl während der nächsten Tage.
Es war etwas Zufriednes in seinem blick, als ich ihn zuletzt ansah; aber gleichwohl dachte ich mit einer unaussprechlichen Rührung an den Jüngling, und warf mir immer von neuem vor, ihn durch meine schnelle Flucht beleidigt zu haben.
Sein Bild, das Bild der ganzen Scene blieb lebhafter als noch irgend ein anderes Andenken, in meinem Gemüt. Meine Träume hatten jetzt einen Gegenstand gefunden. Die Gestalt des Jünglings stand als ein Riesenbild in meiner dunkeln Zukunft, in dem sich alle übrige Lebensgestalten verloren.
Bald nahm meine Freundin den tiefen Eindruck wahr, welchen mein Gemüt empfangen hatte, und das schwankende Ahnden und Verlangen wurde in unsern Gesprächen zu bestimmten Erwartungen und Planen.
Meine Freundin forschte nach dem Nahmen und Stand des Jünglings, aber lange blieb jedes Bemühen fruchtlos. Er war entflohen, wie eine holde überirdische Erscheinung, und ich überliess mich der innigsten sehnsucht nach ihrer Wiederkehr um so ungestörter, weil sich diese Empfindung ganz von dem Kreise der wirklichen Welt, die mich umgab, abtrennte.
Die Fantasie flog über alle Schranken, und erhielt das Herz durch Träume und Hoffnungen in den Banden der leidenschaft.
Der Prinz von *** kam, um bei meinen Eltern um meine Hand zu werben. Welche Gestalt gegen das zauberische Bild voll Kraft und Leben, das in meiner Seele stand! Kein Funken der Kraft noch des Geistes leuchtete aus den schlaffen Zügen; selbst die leichten fröhlichen Regungen der Jugend schienen in den tiefen Falten des Alters erstarrt zu sein. Seine Reden waren, wie seine Gestalt, ohne klarheit und Sinn, und jeder Ausdruck, der irgend eine Empfindung darstellen sollte, wurde durch seine klanglose stimme, die sich oft in einem grinsenden Gelächter verlor, zur widrigsten Karrikatur.
Die Convenienz stimmte für die Verbindung mit dem Prinzen; sie herrschte als Tyrannin in dem Gesichtskreise meiner Eltern: ich sollte aufgeopfert werden.
Meinen Eltern zu widersprechen, war mir undenkbar; eben so undenkbar, dem Prinzen meine Hand zu geben. Ich wurde auch nie um meine Einwilligung gefragt. Meine Mutter beschäftigte sich mit meiner Ausstattung, ich hörte von den Festen bei meiner Verlobung, und in einer tauben Fühllosigkeit wäre ich vielleicht dem Drang der Umstände gefolgt bis zum Altar, wo mich die Verzweiflung erweckt hätte.
Die Gewohnheit in den Träumen der Einbildung zu leben, gibt unserer ganzen Existenz, unserer Art zu handeln, etwas Unterbrochnes, etwas Verwirrtes, welches für den klaren Verstand an das Unbegreifliche gränzt. Wie der Nebel in einem tiefen Tal die Formen der Gebirge verbirgt, dass nur dann und wann, wenn er sich trennt, eine Felsenkuppe hervorragt, so liegt die Fantasie vor unserm Leben. Nachdem dieser oder jener teil der Gegend vor uns aus dem Nebel steigt, lenken wir unsre Schritte, und unser Tun und Handeln bleibt ein Fragment für den klaren Verstand, der die ganze Aussicht im hellen Morgenlichte erblickt.
Meine inneren Erscheinungen rührten mich tiefer, als die Wirklichkeit, und mit einer unglaublichen Verschlossenheit des Sinnes ging ich in einem dumpfen Traum meinem Schicksal entgegen. Nur der sorgenvolle blick meiner Freundin warnte mich vor dem Abgrund, der sich vor mir öfnete; in ihren Tränen las ich mein ganzes trauriges los.
Wir fassen so früh die Gewohnheit, uns mit den Schranken, die jeden unsrer freien Schritte hemmen, durch Ausweichen oder Überspringen abzufinden, dass wir so selten edles Dulden oder mutiges Widersetzen lernen. So oft beugt das Unglück mit unserm Mut unsern Charakter.
Meine Freundin fand den Gedanken, sich zu widersetzen, so unmöglich als ich, und da sie mich resignirt wähnte, erlaubte sie sich nicht die kleinste Bemerkung, die meinen Frieden hätte stöhren können.
Der Hof war zu einem kleinen fest versammlet. Stumm und gedankenvoll stand ich mit meiner Freundin in einer Ecke des Saals, als mein Vater mit einigen Fremden hereintrat.
Kaum wagte ichs meinen Augen zu trauen, vor denen alle Gegenstände anfingen zu schwanken und in farbigen Lichtstrahlen zu zittern. Unter den Fremden war der junge Mann, das geliebte Bild meiner Träume.
Er ist es! flüsterte mir meine Freundin zu, indem sie mir die Hand reichte, mich zu unterstützen. Bald näherte er sich uns; mit einem feinen Lächeln gab er sich das Ansehen einer ganz neuen Bekanntschaft, und nur als er mit meiner Freundin und mir allein blieb, gedachte er unsers Abenteuers. Diese kleine Begebenheit stellte bald eine eigene Vertraulichkeit unter uns her.
Ich fühlte nichts mehr als den Zauber seiner Gegenwart. Meine Freundin hatte von seinen Begleitern seinen Nahmen und seine Verhältnisse ausgefragt. Ein ältlicher überall geschätzter Mann hatte viel zu dem Lobe meines Geliebten gesagt, hatte in wenig Worten ein Bild seines Charakters und Lebens entworfen, das sich mit Flammenzügen in mein Herz schrieb.
Dieser Mann war Nordheims Vater. Sein geübter. blick, sein klarer Verstand flösste allen seinen Bekannten unbegränztes Zutrauen ein