nähern.
So ungestört hatte ich noch selten der freien natur genossen! Ein Garten mit alten verschnitzten Hecken, ein Weg durch eine Allee, dahin begränzten sich meine Wanderungen. Ich blickte in die herrliche Gegend, die ich aus meinem Fenster übersah, wie in eine Zauberwelt, zu welcher mir die brücke hinweggebrochen war. Die schönen Formen der Gebirge, die hohen dunkeln Bäume am Ufer des Flusses, zogen mich an, wie lebendige Wesen, die vielleicht Anteil und Liebe für mich fühlen könnten. Zuweilen wurde ausgefahren, und. ich grüsste die schönen Gegenden, an denen ich vorbei flog, mit stillen Seufzern der sehnsucht.
Wenn ich zurück in mein hohes dunkles Zimmer kam, rief ich mir die Zauberbilder wieder zurück, und gleich den Gestalten der Fata Morgana schwebten die durchstreiften Gegenden um mich her an den hohen Wänden meines Zimmers, die sich gegen den Plafond in eine angenehme Dämmerung hüllten. Diese Lebhaftigkeit meiner innren Darstellung war mein schönster Genuss.
Mein Glück war unaussprechlich, als ich mit meiner Mutter für ein paar Tage auf ein entferntes Lustschloss ging, und mit meiner Freundin in den kunstlosen Gärten, die sich in einem anmutigen Wäldchen verloren, frei umherschweifen konnte. Ein sanftes empfindendes Wesen mir so nahe zu fühlen, meinen Genuss an der natur aussprechen zu können, und ihn aus der Bewegung eines gleichgestimmten Herzens verstärkt zurück zu empfangen, war für mich ein ganz neuer Zustand. Mein innerstes Wesen erschloss sich in seinen tiefsten heiligsten Quellen in jenen Tagen, und die Fähigkeit zu Liebe und Genuss, die ich bis jetzt nur in mir geahndet hatte, gab mir ein stärkeres Gefühl des Daseins. Ich hatte jetzt einen bestimmten Wunsch, in welchem sich die Kräfte meines Gemüts vereinten: Liebe und Freiheit.
Meine Freundin war liebenswürdig, die feinste Gestalt und das reinste Gemüt zeigten sich in der sanften gefälligkeit des Betragens.
Auch ich war ihre erste Neigung in der weiblichen Welt, die erste Freundin, die ihren ästetischen Sinn berührte, der in der Kindheit mehr als man gemeiniglich annimmt, entscheidet.
Der Zauber jugendlicher Träume, der unsern ersten blick ins Leben begleitet, gibt auch der ersten Mädchenfreundschaft jenen unaussprechlichen Reiz einer unbegränzten Empfindung.
Das vollste Vertrauen belebte alle unsre gespräche. Meine Freundin hatte unter dem Kreise ihrer Bekannten einen liebenswürdigen Jüngling gefunden, den sich ihr junges Herz bald zu seinem Abgott erkohr. Meine dunkeln Träume hatten noch keinen Gegenstand, und meine Fantasie dichtete sich den schönsten.
Das Wäldchen hinter dem Garten war unser Lieblingsaufentalt. Eine Gattertür, die zu einer freien Strasse durch den Wald führte, war uns als die Gränze unserer Wanderungen vorgeschrieben, und bei jedem Ausflug begleitete uns die strenge Warnung der Französin, sie niemals zu überschreiten. natürlich wurde das Gattertor jetzt das Ziel unsrer Neugierde. Die breite Strasse durch den Wald lud uns so lieblich ein, und die Ahndung tausend fröhlich-sonderbarer Abenteuer schwebte uns auf ihr entgegen.
Nach wiederholten vergeblichen Versuchen fanden wir das Gatter eines Abends offen. Wir flogen hindurch, und wandelten unter den alten himmelhohen Fichten umher, mit klopfendem Herzen, als würden sie uns anreden, wie in Armidens verzaubertem Wald.
Bei unsrer Rückkunft fanden wir das Gatter verschlossen. Welcher Schrecken! Angstvoll versuchten wir das Unmögliche, bald uns durch eine kleine Lücke des Zauns hindurchzudrängen, bald über das Gatter zu klettern; und als jedes Bemühen vergebens war, sanken wir ins hohe Gras nieder, und liessen unsern Tränen freien Lauf. Oft hatte unsre Freundschaft sich gelegenheit gewünscht, durch irgend ein heroisches Opfer ihre Stärke zu beweisen. Jede wollte sich allein alle Schuld an diesem unglücklichen Zufall beimessen. Die Sonne war nah am Untergang, und senkte ihre schiefen Strahlen durch den bläulichten Dampf des Waldes; die ganze breite Strasse durch den Wald hindurch, welcher sie gerade gegenüber unterging, glänzte im rötlichem Lichte.
Wir gerieten in die höchste Unruhe, als wir in einem benachbarten dorf die Stunde schlagen hörten, die uns zu unsrer Zurückkunft im schloss bestimmt war. Die Furcht, unsre schöne, kaum errungene Freiheit mit einemmahle wieder zu verlieren, erfüllte uns mit tausend Sorgen. Wir hielten uns weinend umfasst, und machten noch einen neuen verzweifelnden Versuch auf das Gatter. Einige Reuter kamen jetzt die Strasse durch den Wald her. Der Eine, dem die übrigen zum Gefolge dienten, hatte eine edle Gestalt, die uns gleichsam aus den Strahlen der Abendsonne hervorging, und deren zug sich nach und nach aus dem Lichtglanz entüllten. Immer wurde die Gestalt edler und schöner, und als endlich die lieblichen Formen des Angesichts aus dem rötlichten Schimmer hervorglänzten, dünkte es uns einen freundlichen Boten des himmels zu sehen, welcher käme, um uns aus der Not zu erretten.
Schon war er uns nah, als meine Freundin und ich uns den Gedanken zuflüsterten, ihn um hülfe anzurufen. Zu gleicher Zeit hatten wir beide diesen Einfall gefasst; aber als der Ritter, der uns erlösen sollte, dicht vor uns war, hatte ich den Mut verloren, und suchte vergebens nach Worten. Er grüsste uns, und ich war verloren im Anschauu der edlen grossen Züge dieses Gesichts, wie mir noch nie eines erschienen war. Schon wendete er uns den rücken, als meine Freundin ihm nachrief: Mein Herr! Wir sind hier in grosser Verlegenheit. Ich bitte ... Schnell wendete er sich wieder gegen uns, und war im Augenblick vom Pferde gestiegen. Was steht zu Ihrem Befehl? sagte er freundlich, und meine Freundin trug ihm unser Anliegen vor. Da denke