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Schutzheiligen. Und dieser Mann entzog sich der Welt, in welcher ihn die schönsten Verhältnisse fest hielten, entzog sich dem grossen Cirkel seiner Wirksamkeit aus Liebe für mich, für dich, mein Kind. Sein glänzendes Leben verschwand wie ein schöner Stern vom Himmel. Alle Augen suchten ihn mit sehnsucht. Er erhielt, ernährte unsre Herzen mit seinem heiligen Feuer. – Du wirst es fühlen, liebstes Kind, wenn sich der ganze Lauf seines Lebens vor dir entüllt; wir können nie, nie genug für ihn tun!

Welche Freude empfand ich, in diesem edlen geliebten Mann, der mir gleich anfangs als ein guter Genius erschienen war, meinen Vater zu finden! Die Freude, welche mein Vater von Hohenfels über diese glückliche Erscheinung seines so lang beweinten Freundes fühlen würde, erhöhte mein eigenes Glück.

Aber dieser edle Mann, fuhr meine Mutter fort, ist jetzt in den Händen meines Vaters! Warum muss ich es aussprechen! meines Vaters, in dessen ehernem Busen nie ein sanftes Gefühl der natur keimte. Fühllosigkeit und Misstrauen sind das los derer, die auf einer höheren Stufe zu stehen wähnen, wenn nicht eine besonders reiche natur ihr bessres Gefühl erhält. Die Sklaverei des Scheins unterdrückte die freie Regungen seines Herzens, die Convenienz wurde aus seiner Tyrannin seine Göttin. Wie sein eigenes Dasein, so opfert er dieser auch jede andere Existenz, die ein unglückliches Schicksal an die seinige knüpfte. Gutes Kind! musste dich meine unvorsichtige Neigung auch in dieses feindselige Gewebe ziehen!

Lies dieses, sagte sie, indem sie mir zwei versiegelte Papiere gab: das erste entält einen flüchtigen Umriss meiner Lebensgeschichte; das zweite, Briefe meines Bruders, aus welchen du die gegenwärtige Lage der Dinge sehen wirst.

Ich fordre nichts von dir ..., sagte sie mit zitternder stimme: mein Herz wird nur Ruhe finden, wenn es aufgehört hat zu schlagen. Dein grossmütiger Vater fordert nichts von dir, er hat jedes Glück dieser Welt für sich aufgegeben, nur das deine kann ihn noch rühren. Fordre nichts von dir selbst, was deinen Frieden für immer stöhren könnte. Ich ahnde eine höhere Kraft in dir, welche mir die natur versagte; ohne dieses, und ohne den dringenden Rat meines Bruders, hätte ich dir diese Papiere jetzt nicht überliefert.

Der Prinz trat herein, und bat meine Mutter, sich zu entfernen. Höchst bewegt lag sie in meinen Armen, und konnte sich nicht von mir losreissen. Bald riss sie die Papiere, welche sie mir eben zugestellt hatte, aus meinen Händen, und rief: Nein, ich will die Ruhe deiner Liebe nicht morden! Bald gab sie mir sie wieder mit den Worten zurück: Rette deinen edlen Vater!

Als sie mir sie aufs neue entreissen wollte, stellte sich der Prinz zwischen uns, fasste meine Mutter sanft bei der Hand und sagte: Schwester, fasse dich! Unsre Agnes hat den Sinn und den Mut, das Edelste zu wählen. Dein armes Herz hat so viel gelitten, dass deine gesunde Vorstellungsart davon erkrankte. – Wer kann zweifeln in deiner Lage? Agnes muss alles wissen; – die Pflicht wird in ihrem schönen Herzen siegen.

Meine Mutter rief mit wildem blick: Ja, und die Liebe wird es im Todeskampf brechen. O nur ein Mann, nur mein Gemahl konnte lieben, konnte ein weibliches Herz verstehen. Ihr andern spielt mit euch selbst mit der leidenschaft, und mit uns. Ich kenne e u r e Siege! Ihr umfasst nichts mit der ganzen Kraft eures Wesens, und vermögt darum von allen zu scheiden, und euch noch dazu in eurem eitlen Sinn zu überreden, die Stärke habe errungen, was die Schwachheit aufgab. Nein, von der vollen Hingebung eines weiblichen Herzens, von der Gewalt seiner Neigung, habt ihr weder Gefühl noch Begriff. – Auch nicht von der Zarteit, mit welcher wir in ein anderes Dasein überfliessen, und wie seine Leiden unsern Busen zerreissen. Diese tausend feinen Fäden unsers Wesens, die allen Schmerz der weiten natur zu dem unsern machen, und diese Gewalt, die uns ganz und einzig in einer Liebe hinreisst und ewig fest hält, öffnet uns eine eigne Welt des Leidens. Trauriges geheimnis unsrer Existenz! Ihr vermögt euch in eurem Innren zu trennen, mit dem Verstand wahrzunehmen, mit den Sinnen. Wir umfassen alles mit unserm ganzen Wesen, der Schmerz zerstöhrt uns auch ganz. – O verzeih, mein Bruder, ich kenne dein edles treues Herz. – Ich folge deinem Rat, aber aller Mut ist mir entgangen in der Ahndung i h r e s Leidens. Sie zog mich an ihre Brust.

Ich fühlte nur ihren schmerzlichen Zustand. In meinem inneren war es finster, nur eine schreckenvolle Gestalt bewegte sich schauervoll in dieser Finsterniss, die Furcht Nordheim zu verlieren.

Ich weiss nicht was ich soll, noch kann, meine teure Mutter, sagte ich: aber ich w i l l alles, was Ihnen Ruhe gewährt.

Schone dich, bestes Kind! sagte meine Mutter. O, muss dieser neue Kampf deine noch schwache Gesundheit schon wieder bestürmen! Übermorgen sehen wir uns wieder.

Der Prinz sagte mir noch: Der alte Bediente ist von uns gewonnen, verlassen Sie sich ganz auf seine Treue. Wir sind nicht weit von Ihnen entfernt, in wenig Tagen leben Sie in dem Kreise Ihrer Freunde.

Der vertraute alte Diener brachte mich wieder in mein Zimmer. Mit bebender Hand eröffnete ich die folgenden Blätter, welche das geheimnis