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der Alten so viel wie möglich!

Mein Herz schlug hoch, der Atem fing an zu entgehen, und mein gebrochnes Auge richtete sich nach dem unendlichen Blau des himmels, um Stärke zu sammlen.

Der Arzt warf einen besorgten blick auf mich, unterstützte mich mit seinem Arm, und sagte mir ins Ohr: Wenn Sie sein Anschaun nicht still zu ertragen vermögen, so eile ich ihn aufzuhalten. –

Nein, sagte ich, es ist schon besser, Sie sollen mit mir zufrieden sein.

An einem Platz wo man die freie Aussicht auf den Wald hatte, bat mich der Arzt auszuruhen. Es war ein heitrer Herbstmorgen. Der Himmel glänzte im reinsten Licht, und der Wald, der vor uns lag, im Schmuck der mannichfachsten Farben.

Ein Duett von Waldhörnern schallte aus der Ferne, und näherte sich uns in immer wachsenden Tönen. Bald vernahmen wir den Lärm von Pferden und Hunden, und jetzt sahen wir die Reuter aus dem Dickicht des Waldes sich uns nähern.

Der Arzt hielt meine Hand, und ein freundlicher Wink verkündigte mir Nordheims Ankunft.

Er wird nicht mit Ihnen sprechen, flüsterte er mir ins Ohr, nur unter dieser Bedingung erlaubte ich ihm zu kommen.

Es ist Herr von U. mit seiner Jagdgesellschaft, sagte er laut.

Nordheims Gestalt leuchtete mir sogleich aus allen übrigen hervor. Welche Zauberkraft fesselte alle meine Sinnen! Mein Herz flog ihm entgegen, und alles hielt mich zurück. Die Gewalt des Verlangens bewegte mein Herz aufs neue bis zum schmerzlichen Krampf; aber jetzt näherte sich der Geliebte, ich sah die reinen grossen Formen von hohem, stillem Geist belebt, und jeder Sturm in meinem Busen schwieg. Wie im Anschaun der reinen Schönheit, fühlte ich nur ein hohes stilles Vergnügen, in dem mein eigenes Wesen sich stärkte und erhob.

Seine Augen ruhten auf mir mit süssem Verlangen, mit zarter Besorgniss. Wie fühlte ich die Allgewalt, mit der die Seele sich durch dieses Organ auszudrükken vermag! In wenig Augenblicken stand die ganze Seele meines Geliebten in reiner klarheit vor mir, wie nach einem sanften Gespräch, und hoffnung belebte mein ganzes Wesen.

Auch Julius war in Nordheims Gesellschaft, und sein sanfter Gruss zeigte mir sein liebendes Herz. Bettina und ihr Bruder folgten. Gleich einer himmlischen Erscheinung wallten die lieben bekannten Gestalten vor mir vorbei, um mir Heiterkeit und Trost zuzulächeln.

Die Vereinigung derer die wir lieben, ist einer der zärtesten Genüsse des Herzens. Meine heitern Blicke dankten dem guten Arzt, der den innigsten Anteil an meiner Freude nahm. Bewahren Sie diese sanfte Geduld nur noch wenige Tage, sagte er mir während einer kurzen Entfernung der Alten. Treue Liebe wacht über jeden Ihrer Schritte. Mit Engels Unschuld wandeln Sie ohne Furcht in Licht und klarheit. – Ich danke Nordheim alles was ich bin, und das Schicksal konnte mir keine grössere Wohltat erzeigen, als die gelegenheit, mich dankbar zu beweisen. Im grund ist wenig Verdienst hierbei, denn ich war entschlossen, alles für Sie zu tun, sobald ich Sie kennen lernte. – Halten Sie sich ruhig für heute, sagte er, als die Alte zurückkam, und nahm Abschied.

Als ich aus dem Garten zurückging, begegneten mir ein paar alte verlebte Gestalten, die gleich den Schatten der Vorwelt, in den langen Gängen und den öden Gemächern nur noch eine Spur des entflohenen Lebens zu bezeichnen schienen. In der einen erkannte ich den widrigen kleinen Mann, der mir beim ersten Erwachen aus meiner Krankheit den Puls fühlte. Die zweite war ein freundlicher Alter, der mir gütig und vertraulich zulächelte.

Verschiedene Gemächer waren geöfnet, man war beschäftigt sie zu reinigen und auszulüften. Der freundliche Alte bezeigte mir sein Verlangen, mich mit den Seltenheiten, welche sie entielten, bekannt zu machen, aber mein alter Argus warf einen unwilligen blick auf ihn, und alle Hausgenossen schienen unter demselben Joch, welches auch mich drückte, zu seufzen. Endlich gelang es doch meinem neuen Freund, der als ein alter Hofdiener auch etwas jener kleinen Künste, welche die grosse Welt regieren, erlernt haben mochte. Er schwang den Zauberstab der Schmeichelei, und die tausend Augen der Vorsichtigkeit schlossen sich gefällig. Wollen Sie nicht in jenem Cabinet der jungen Dame Ihr Bildniss zeigen? sagte er der Alten. Es ist von wunderbarer Schönheit, und seltner Ähnlichkeit. Sie werden darüber erstaunen, sagte er mir, und schon nahmen unsre Schritte eine andere Richtung. Alle Falten des alten Gesichts klärten sich auf, und legten sich in einen selbstgefälligen Zirkel um Mund und Wangen. Das alte Weib hüpfte uns selbst voran, die Tür zu öffnen. Wir standen vor einer Diana, und ihre Redseligkeit war in vollem Strom, uns die Situation, in welcher das Bild gemacht war, und die leidenschaft des Fürsten, der es begehrt hatte, zu vergegenwärtigen. Es konnte uns kein Zweifel mehr übrig bleiben, dass man diese Göttin hier nur wegen des Kontrastes gewählt hatte.

Der gute Mann lächelte und winkte mir sein Vergnügen über die gute Laune zu, in welche er die Alte versetzt hatte. Wir besahen nun mehrere Zimmer, ich wurde weniger streng bewacht, und er gewann die gelegenheit sich mir zu nähern. "Erschrecken Sie nicht, wenn sich in dieser Nacht eine Tapetentür in Ihrem Zimmer eröffnet, und folgen Sie Still dem Wink, welchen man Ihnen geben wird."

Ich suchte die Alte diesen Abend zeitig zur Ruhe zu bringen, indem ich mich selbst bald zu Bette legte. Als sie im