an die Tür. Er stand im Schatten, und ich erkannte die Gesichtszüge nicht. Nur näher! winkte der Arzt; und jetzt stand Bettina in Knabenkleidern mitten im Zimmer.
Sie sank auf ihre Knie, sah mich mit einem blick an, in dem sich ihr ganzes Wesen aufzulösen strebte, und verbarg dann ihr Gesicht in ihre beiden hände.
Der Arzt gebot ihr aufzustehen, zog sie zu sich, und sie stand jetzt dicht an meinem Bette.
Ich reichte ihr meine Hand, der sie einen heissen Kuss aufdrückte, und als sich ihr Haupt wieder erhob, flüsterte sie mir leise auf Italiänisch zu: Nordheim sendet mich zu dir, er ist nicht weit. Gott, was litten wir um dich!
Die Alte schob ihre Brille zurechte, hustete, fand das alles sehr sonderbar; doch wagte sie keine Bemerkung. Der Arzt wusste sie mit unerschöpflicher guter Laune zu unterhalten.
Bettina und ich selbst waren jetzt gefasst genug, um ein gleichgültiges Gespräch vor der Alten anzuknüpfen. Sie musste ihren Bruder auch aus dem Nebenzimmer zu mir bringen, beide Kinder betrugen sich mit grosser Feinheit. Battista machte sich an Madame Imbert, und wusste durch tausend Schäkereien ihre Aufmerksamkeit von mir abzulenken.
Bettina spielte mir geschickt einen Brief in die hände; ich erkannte Nordheims Handschrift, und verbarg ihn in meinen Busen.
Ich hoffe Ihnen morgen einen Spatziergang im Garten verordnen zu dürfen, sagte der Arzt.
Die Alte wollte Einwendungen machen, aber eine scherzhafte Antwort des Arztes brachte sie zum Schweigen.
Auch meine kleine Hofkapelle bringe ich Ihnen bald wieder mit, sagte er beim Abschied.
Bettina küsste meine hände noch einmal, und während sich ihr Bruder mir näherte, ergriff sie eine Scheere, die auf dem Tischchen am Bette lag, und schnitt eine Haarlocke ab, die über meiner Schulter lag; schnell hatte sie ihren Raub in ihr Westchen verborgen, drückte die Hand auf ihre Brust, und flüsterte mir leise zu: Es ist für ihn!
Ich erwartete die Ruhestunde der Alten mit klopfendem Herzen. Als ich hörte, dass sie in tiefem Schlafe lag, wagte ich es, meinen lieben Brief zu eröfnen.
"Endlich, meine geliebte Agnes, kenne ich Ihren Aufentalt. Die qualvollsten Tage meines Lebens folgten auf die schönste Stunde desselben. Aber der Augenblick, welcher uns wieder vereinigen wird, ist nicht fern; unser Leben soll bis dahin ganz der hoffnung gehören. Ich wäre zu Ihnen geeilt, hätte mich der Arzt nicht zurückgehalten. Er fürchtete, eine so ganz unerwartete Erscheinung möchte zu heftig wirken.
"Der Arzt ist einer meiner liebsten Freunde den ich von nun an als den Schutzengel meines Lebens verehre, weil er meine geliebte Agnes erhielt.
"Fürchte nichts mehr, meine einzig Geliebte! Du bist von den Armen der Liebe umgeben, keine Gefahr soll dir mehr nahen. Fürchte auch nicht für die, die dir wert sind, sie sind gerettet, um sich eines schönen Lebens mit uns zu freuen.
"Sobald der Arzt die Reise zuträglich für Sie findet, bitte ich Sie, diesen Aufentalt zu verlassen.
"Alles wird sich freundlich auflösen.
"Ich schicke meiner süssen Geliebten hier einen Ring, welcher nie von meiner Hand kam; mir dünkte, ihre lieben Blicke ruhten oft darauf, und schienen eine gewisse verworrene Empfindung auszudrücken. Er löse jetzt alle Zweifel des besten Herzens, dessen Vertrauen ich ganz verdienen will."
Wie sonderbar ward mein Gemüt bewegt, als ich den Ring mit Amaliens Nahmen aus einem Papier wickelte! Die reine Güte meines Geliebten, der treue zarte Sinn dieses Briefes, die seelenstärkende hoffnung, wirkten als wohltätige Zaubermittel auf mein ganzes Wesen. Alle Sorgen um Charles und meine Mutter fielen von meinem Herzen, das sich ganz in seliger hoffnung erhob.
arme Amalie! seufzte ich über den Ring mit einer unaussprechlich wehmütigen Empfindung, als ich ihn wieder einwickelte, um ihn zu verwahren. Aber der erste Abend, wo er von Nordheims Hand in die meine fiel, stand vor meiner Seele, und ich verlor mich in den schönsten Träumen, die die Zukunft an die Vergangenheit knüpften.
Der Arzt fand mich am folgenden Morgen so stark, dass er darauf bestand, ich sollte einige Stunden der freien Luft im Garten geniessen.
Ich sah die ganze Façade des Hauses, worin ich mich befand. Es war ein altes, aber sehr grosses Gebäude, und schien ganz unbewohnt. Der Garten war ringsum von einer mässig hohen Mauer umgeben, und einige Durchsichten waren angebracht, wo man durch eiserne Stäbe in die umliegende Gegend blickte. Der Garten stiess an einen anmutigen Wald, aber die ganze Gegend schien öde und menschenleer, und nur in weiter Entfernung lagen einige Dörfer.
Aus wiederholten fragen, mit welchen ich die Alte oft überraschte, hatte ich mir zusammengesetzt, dass dieser Ort ohnweit U. läge, welches zehn Meilen von D. entfernt war.
Wem dieses Landhaus zugehöre, hatte ich bis jetzt nicht bestimmt erfahren können, aber als ich im Garten über den Toren des Schlosses das Wappen des Fürsten von ** bemerkte, blieb mir kein Zweifel, durch welche Autorität ich hiehergebracht worden sei, so unergründlich mir auch die Ursache dieses Benehmens war.
Der Arzt ging an meiner Seite, aber Madame Imbert ging an der andern, und es wurde uns unmöglich, etwas Zusammenhängendes zu sprechen.
Sie werden Herrn von Nordheim sehen! flüsterte mir der Arzt zu, ich konnte ihn nicht länger zurückhalten; aber halten Sie sich, und verbergen sich vor