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In kurzem erschien der Arzt, ein Mann von mittlerem Alter, mit einer angenehmen Bildung und wohlwollenden Miene; er näherte sich mir mit Anstand, und erkundigte sich mit bescheidnen fragen nach meinem Befinden.

Ich bemerkte bald, dass ihm die Gegenwart der Alten Zwang auflegte; als sie sich auf ein paar Augenblicke entfernen musste, sagte er sanft: Vor allem wird es zu Ihrer Genesung beitragen, wenn Sie sich über Ihre, ich gestehe es, freilich sonderbare Lage an diesem Ort, keine beunruhigenden Gedanken machen. Haben Sie Mut, und sorgen jetzt einzig und allein für Ihre Genesung! Die Alte kam zurück, ehe ich antworten konnte, und das Betragen des Arztes gegen sie, hiess mich jede Frage in ihrer Gegenwart unterdrücken.

Als sie auch entfernt auf meine Gemütsstimmung deutete, und mich Mut fassen hiess, antwortete ich kalt, dass ich mir nichts bewusst wäre, wodurch ich ein böses Schicksal verdient hätte, und dass ich also auch keins befürchtete.

Der Arzt sagte hierauf: alles läge daran, jede trübe Vorstellung zu entfernen, und mich auf eine angenehme Art zu zerstreuen. Die Alte sollte mir leichte und anmutige Geschichten vorlesen, die meiner Phantasie freundliche Bilder zuführten. Sie haben ja die Schlüssel zu der Bibliotek, sagte er, und das Fach der Mährchen ist gewiss gut besetzt.

Ich wusste es dem Arzt herzlichen Dank, dass er mich durch diesen Vorschlag von der unerträglichen Alten lästigem Gespräch befreite. Die Feinheit und der gute Wille, welchen dieses Mann gegen mich bezeigte, waren mir sehr tröstend, und gaben mir hoffnung, bald Nachricht von meinen Freunden zu erhalten. Charles Schicksal füllte mein Herz mit Bangigkeit, und lag immer als ein dunkler Schatten vor den süssen Rückerinnerungen jenes letzten Abends, der dem gewaltsamen Zustand, aus welchem ich eben erwacht war, voranging.

Alle kleinen Züge jener seligen Zeit erfrischten sich in meiner Vorstellung, und des Gefühl: Du besitzest Nordheims Liebe! gab mir ein neues, wundersames, kräftigeres Dasein. Er war mir auf eine unaussprechliche Art immer gegenwärtig, Verlangen und sehnsucht nach seinem lebendigen Dasein waren zart und lieblich, aber nicht ungestüm. Die Kraft, alles zu werden, was hoch und treflich ist, fühlte ich nie so tief und lebendig. Seine sorge um mich war das Schmerzlichste, was ich empfand; und doch, welcher geheimnissvolle unaussprechliche Reiz gab auch dieser sorge eine sanfte Farbe!

Nur zuweilen flog durch meinen von der Krankheit geschwächten Kopf, in welchem Traum und Wahrheit noch schwankten, ein beunruhigender Zweifel, ob mein Glück auch kein Traum sei? Mit welchem Vergnügen fand ich bei meinen Kleidern, die auf einem Stuhl am Fuss des Bettes lagen, ein Tuch mit Nordheims Nahmen gezeichnet! Ich verwahrte das Tuch an meinem Herzen als das liebste, was ich besass, und gleich als vermöchte es die Fülle lieber Erinnerungen mit dem Schleier der Wahrheit zu bedecken und fest zu verwahren.

Der Arzt kam täglich, aber meine Alte bewachte mich mit Drachenaugen, und ein besondres Gespräch mit ihm war unmöglich.

Zweiter teil

Während der Genesung von einer schweren Krankheit, ist das Gemüt zum stillen Hoffen und Dulden mehr als zum heftigen Verlangen gestimmt. Das Gefühl, eine freudenreiche lebenvolle Gegenwart nicht mit vollen Sinnen geniessen zu können, beruhigt über einen freudenlosen Zustand.

Unser Gemüt ergreift Vergnügen und Schmerz mit gleicher Gewalt, und eben so stehen sorge und Verlangen in gleichem verhältnis. Auf diese Art ertrug ich meine höchstsonderbare Lage mit einer Ruhe, die mir in der vollen Tätigkeit meiner Gemütskräfte unbegreiflich war.

Das gute wohlmeinende Wesen des Arztes, sein heller blick, der mit offenbarem Vergnügen auf mir verweilte, gaben mir sogar Mut. Hätte mir dieser Mund ein Unglück zu verkündigen, er würde mir nicht so heiter zulächeln! sagte ich mir oft.

Nur die Unruhe um Charles verfolgte mich mit quälenden Bildern. Sein Verstummen nach dem Schuss, welchen ich an jenem unglücklichen Abend gehört, liess mich oft seinen Tod befürchten.

Der Verlust eines so treuen Freundes war mir innig schmerzlich; und er war auch das einzige Band zwischen meiner Mutter und mir! Wo sollte ich die geliebte stimme aufsuchen, die mir nur körperlos, wie ein laut des Echo aus der Wildniss zutönte!

Als mich der Arzt den nächsten Tag besuchte, sagte er: Die Musik ist ein sehr wirksames Mittel, um den schwachen, verstimmten Nerven wieder Ton zu geben; ich habe eben in dem nächsten dorf zwei kleine Musikanten gefunden, zwei liebliche Knaben; ich nahm sie mit hierher, um Ihnen ein kleines Concert zu machen.

Er öfnete die Tür ins Nebenzimmer, und ich hörte ein liebliches Vorspiel einer Guitarre und Flöte. Es war dieselbe Melodie, welche Bettina in Nordheims Garten gespielt hatte.

Mein Busen wallte in sonderbaren anmutigen Erwartungen; der Arzt beobachtete mich genau, winkte mir freundlich zu, und sagte lächelnd: O, ich bin der guten wirkung dieses Mittels gewiss!

Die Alte setzte ihre Brille auf, und schüttelte den Kopf; so tat sie zu allem, was sie nicht verstand. und wobei sie sich doch ein bedeutendes Ansehn geben wollte.

Jetzt tönte eine reine volle stimme in die saiten; ich erkannte Bettina. Meine Augen füllten sich mit süssen Tränen, und ein sanfter Schauer bebte durch meine Nerven. Der Arzt fasste meine Hand und sagte: Sie müssen den einen Knaben sehen, es ist ein so liebliches Kind! Komm herein, Kleiner! rief er; aber geh und sprich ja leise!

Ein Knabe trat schüchtern