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Das Lob des Geliebten ist die süsseste Musik; ich war verloren in Entzücken und süssen Hofnungen.
Wir fuhren an der langen Mauer hin, die ich beim ersten Besuch bemerkt hatte. Bald hielt der Wagen. Charles stieg aus. Statt des Stillen und Geheimnissvollen bei unserm ersten Empfang, sah ich ihn von Leuten umringt, die mit Lichtern und Geschrei durch einander liefen. Ich hörte heftigen Wortwechsel mit Charles, zwei Schüsse, nach denen ich meines Freundes stimme nicht wieder vernahm.
Ich wollte mich aus dem Wagen werfen, man stiess mich ungestüm zurück. Der Gewalt konnte ich nicht widerstehen, und lag in dem schmerzlichsten Zustand der gebundenen Kraft bei dem regesten Willen, in Krämpfen auf dem Boden des Wagens. Man spannte andere Pferde vor, und fuhr weiter. Ein fremder ganz unbekannter Mann richtete mich auf, und setzte sich neben mich. Er gab keine Antwort auf meine fragen, doch bezeugte er Mitleid bei den Ausbrüchen meines Schmerzens.
Es soll Ihnen kein Übel widerfahren! wiederholte er mir öfters.
Ich fiel in Fieberhitze, dann in Ermattung und Ohnmacht, endlich verlor ich alles Bewusstsein.
Als ich aus diesem Zustand erwachte, lag ich in einem kleinen düstern Zimmer. Eine Frau sass an meinem Bette, es war eine kleine zusammengefallene Gestalt, ihre Gesichtszüge trugen die Spuren mancher widriger Schicksale, und die Freundlichkeit, die sie anzunehmen suchte, machte sie ganz zur Larve. Seit acht Tagen, sagte sie mir, lagen Sie hier, ohne ein Zeichen des Bewusstseins von sich zu geben; Sie sind mir teuer empfohlen, und Ihr Zustand machte mich sehr besorgt.
Wo bin ich aber? fragte ich aufs neue; und sie erwiderte: Beunruhigen Sie sich nicht, Sie sind an einem Ort, wo Sie sich bald Ihrer völligen Genesung erfreuen werden. Die Lage ist anmutig, die Luft gesund, und man wird sich ein Vergnügen daraus machen, alles zu Ihrem Zeitvertreib beizutragen, was die Umstände nur immer erlauben.
Ich hörte an der Aussprache, dass die Frau keine Deutsche war, sondern eine Französin. Der Mann hatte sich entfernt. Die Kraft der Jugend und meine gute natur hatten die Macht der Krankheit besiegt, mein Blut ging seinen ruhigen Kreislauf aufs neue, und mein Gedächtniss fing an, die Fäden der wirklichen begebenheiten aus dem Gewirre der Erscheinungen zu lösen, die meine Einbildungskraft während der Fieberhitze erzeugt hatte.
Kalt und zerstöhrend ergriff mich die Entfernung von meinem geliebten Freunde. Das Gefühl des Fremden und Unbekannten um mich her ergriff mich mit Grauen, ein wilder Schmerz bewegte krampfhaft meine Brust, und mein Dasein drohte aufs neue in dumpfer Fühllosigkeit zu vergehen, als ein guter Genius meine jugendliche Phantasie neu und heiter belebte, und mein Herz auf eine wundersame Art mit Glauben und hoffnung stärkte.
Ein lieblicher kleiner Knabe trat herein, und brachte einen Teller voll der schönsten Früchte. Ich empfand ein inniges Vergnügen bei diesem Anblick, er knüpfte sich auf eine sonderbare Art an eine meiner vergangenen Erscheinungen, die ich während der Fieberhitze gehabt hatte, und die sich jetzt als ein liebliches Bild in meiner Seele wieder ordnete. Mit unaussprechlich lebhafter Farbe stellten sich alle jene Traumgestalten vor mich, nur ein leichter duftiger Nebelschleier schien zwischen ihnen und der Wirklichkeit zu liegen.
Ich sass neben Nordheim in einem blühenden Garten. Er hielt mich ernst und schweigend bei der Hand. Ein grosser bunter Vogel mit den glänzendsten Farben geschmückt, flog auf uns zu, und hielt ein Körbchen voll der schönsten Früchte in seinem Schnabel. Wir reichten beide nach den Früchten, aber der Vogel flatterte bei uns vorbei, lachte und rief Nordheimen zu: Noch nicht, sobald noch nicht, denn sie liebt dich nicht! Nordheim zog seine Hand aus der meinen, und eilte sich zu entfernen, ich warf mich zu seinen Füssen, weinte, wollte ihn zurück halten, aber vergebens, er war verschwunden. Ich suchte ihn auf, aber wo ich auch hinfloh, so zog sich ein Kreis von Gebüschen, meist von wilden Rosen um mich her, und versperrte mir den Ausgang. War ich einmal durch eine Lücke der Hecke entwischt, so bildete sich gleich wieder ein neuer Kreis, der zu einer schauerlichen Höhe empor wuchs. Julius stand mitten in solch einem Kreis, er trug die Rüstung eines alten Ritters, und über die Brust eine breite weisse Binde, die Blutflecken hatte. Ich näherte mich, er riss die Binde auf, und aus seiner Brust wuchs eine Blume von sonderbarer Gestalt und Farbe, die ich nie gesehen. Reiss mir die Blume von der Brust, sagte er mir ernstaft, und ich befreie dich. Ich gab mir alle Mühe, die Blume abzubrechen, aber vergebens. Er sah mir lächelnd zu, berührte die Rosenhecke um uns her mit seinem Degen, und es öfnete sich ein kleiner Fusspfad. Bald zerteilten sich die Gebüsche, vor uns lag Nordheims Schloss. Nordheim selbst näherte sich uns freundlich, und als wir alle drei dicht bei einander standen, flog derselbe bunte Vogel auf uns zu. Langsam liess er sich über unsern Häuptern nieder, und als er die Erde berührte, sahen wir statt seiner einen wunderschönen Knaben. Er hielt denselben Teller mit Früchten, welchen uns der Vogel erst versagt hatte, wir eilten alle drei, das Kind zu umarmen.
Der Zauber dieser Traumgestalten wirkte belebend auf mein Gemüt, wie die Gegenwart eines Freundes, und die alte Frau freute sich der sonderbaren Veränderung, die der Anblick des Kindes in mir bewirkt hatte