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Gemüt die Schranken zerbricht. Jedes wahre innige Verlangen deutet auf die anziehende Kraft eines fernen Gegenstandes.

Der Fremde stand lebhaft von seinem Sitze auf, stellte sich dicht v o r meinen Vater, sah ihm fest, aber freundlich, ins Auge. Über meine Wangen flog eine glühende Röte. Du wahrer Jünger Deines Herrn, sagte er mit sanftgehobener stimme, indem er meines Vaters beide hände fasste; Du besitzest seine Milde und seinen grossen Sinn; wie lange suchte ich vergebens eine Seele, wie die Deine? Mein Vater sah innig zufrieden aus, und es war seit diesem Augenblick ein herzlicheres Verständniss zwischen uns dreien. Welcher feinfühlende Mensch hatte nicht solche Momente, in welchen die Seele gleichsam als in ein feineres Element versetzt, zärtere, innigere Beziehungen wahrnimmt, und sich leichter und fester an eine andere anzuschliessen vermag, deren Schönheit sie im reinern, erhöhteren Licht erblickt!

Rosine hatte den Tisch gedeckt, und das Abendbrod aufgetragen, welches aus unsern gewöhnlichen zwei Schüsseln bestand, und wegen des, Gastes nur mit einem kleinen Nachtisch vermehrt wurde.

Mein Vater hatte die Gewohnheit in seinem haus, dass immer ein kleiner Vorrat vorhanden sein musste, um einen guten Freund bewirten zu können. Traktirt wurde nie, und kein Fremder konnte an einem ungewöhnlichen Treiben und Lärmen in Küche und Keller wahrnehmen, dass er Ungelegenheit verursachte. Ich bat mit der geringen Bewirtung vorlieb zu nehmen, und der Fremde erwiderte freundlich, es sei nichts gering, was mit solcher Güte und Anmut gereicht werde, er habe nie einen bessern Reisbrei gegessen, und wirklich liess er sich ihn treflich schmecken. Das Einfache, Edle in seinem Betragen rührte mich sonderbar, und ich hatte es an keinem andern mann meiner Bekanntschaft noch bemerkt. Sein Schweigen gegen mich gefiel mir vorzüglich; mir schien es, als läge eine Art von achtung darinnen, und als hielte er mich für eine gewöhnliche unbedeutende Unterhaltung zu gut. Oft fand ich seine Augen auf mich gerichtet, und der stille Anteil, den ich an seiner Unterhaltung mit meinem Vater nahm, schien ihm nicht zu entgehen.

Das Gespräch begann sich wieder anzuknüpfen, als der junge Herr von Salm, der Sohn unsers Gutsherrn, hereintrat. Er war eben von der Universität gekommen, um seine Eltern während der Ferien zu besuchen. So vorlaut der junge Herr auch sonst sein mochte, so still war er in der Gesellschaft meines Vaters, der keine Platteit, welche sich mit Anmassung äusserte, ungerügt hingehen liess. Er sah den Fremden aufmerksam an, der ihm ungeachtet seines einfachen Anzugs zu imponiren schien. Lange trug er sich mit einer Frage, die er endlich bei einem Stillstand des Gesprächs herauspolterte; denn wenn er nicht ungestraft vorlaut sein durfte, so war er schüchtern. Auch wollte er nicht gern Fremden eine geringe Meinung von sich geben, und hub darum immer mit etwas Gelehrtem an. Darf ich fragen, mein Herr, ob Sie gute Lateiner in Ihrer Stadt an der Schule haben? Für diesesmahl war ich mit seiner Frage sehr wohl zufrieden, denn ich hoffte etwas von unsers Gastes Wohnort durch sie zu erfahren. Die Antwort befriedigte mich nur halb. Ich war seit drei Jahren ausser Deutschland auf Reisen, Herr von Salm, und kenne also den gegenwärtigen Zustand der schulen nicht. Er sprach nach diesem mit meinem Vater über den Nutzen, die alten Sprachen gründlich in der Jugend erlernt zu haben, und endlich kamen sie auf ihre Lieblingsschriftsteller. Es freute mich wahrzunehmen, wie sehr mein Vater das Urteil des Fremden ehrte, und die mannichfaltige Schönheit und Anmut zu bemerken, die sich bei regerem Interesse des Geistes in seinen Zügen entfaltete.

Herr von Salm, halb verlegen und halb unmutig,

keinen Anteil an der Unterredung zu haben, sagte mir halbleise, er ginge, um seine Schwester zu mir abzuholen. Wie gern hätte ich für diesen Abend ihre Gesellschaft entbehrt! Der Fremde wandte sich gegen mich, als uns Herr von Salm verlassen hatte, und fragte mich, ob diese Familie meine einzige Gesellschaft sei, und ob ich vergnügt in dieser Einsamkeit lebte? Ich erwiderte, dass es mir nur sehr selten einfiele, mannichfaltigern Umgang zu wünschen, und dass ich mich nie entschliessen könnte, ihn zu suchen, wenn ich die Gesellschaft meines Vaters dadurch verlieren müsste. Es kamen mir leicht Tränen ins Auge, wenn ich an die Trennung von meinem Vater dachte, weil er selbst oft mit Rührung von der unfehlbaren Trennung sprach, die uns früh oder spät, doch so sicher, drohte. Ich war diesen Abend, seit der Erscheinung unsers Gastes so sonderbar gespannt, dass ich mich vergebens bemühte, meine hervorquellenden Tränen zurückzuhalten. "Gutes Kind," sagte der Fremde lebhaft, und sah mir freundlich teilnehmend ins Auge: "halten Sie diese schönen Tränen nicht zurück. – Nichts bürgt so sicher für die Weisheit der Eltern, und die Güte der Kinder, als wenn diese das väterliche Haus lieben." Mein Herz schlug heftig, und ich fühlte einen noch nie empfundenen süssen Schauer durch meine Nerven zittern; wir schwiegen alle einige Minuten, der Fremde sah starr, doch lieblich vor sich hin; endlich wandte er sich zu meinem Vater und sagte mit gemilderter stimme: Wie glücklich sind Sie durch Ihre Tochter! "Ja ich bin es so sehr durch sie, als wäre sie es durch die natur." – Der Fremde sah den Pfarrer hier fragend an, und ich selbst fühlte zum erstenmahl etwas Geheimnissvolles mit meiner Existenz verbunden. Als mein