D .. schen Gegend war. In jedem Fall war meine Meinung, Ihnen auf meinen Gütern eine Freistatt anzubieten. Jenes alles sind von nun an fremde Verhältnisse, und als der Freund meiner teuren Agnes haben Sie ein Recht an meinem wärmsten Diensteifer.
Charles sah uns beide einige Minuten hindurch fest und mit scharfen Blicken an. Ist es so? sagte er leise vor sich hin, und seine Augen blieben sinnend am Boden geheftet. Dann eilte er freudig auf uns zu, indem er rief: Ja, es ist so! Reine Freude, der erste belebende Strahl der Liebe flammt in den Blicken meiner Agnes; und, indem er auf Nordheim deutete: auf solch einer Stirn wohnt keine Unwahrheit. Möge ein gutes Schicksal die heiligen Blüten, die die natur jedem menschlichen Wesen nur einmal reicht, für euch, meine Kinder, in Schutz nehmen. Möge nur die Zeit sie hold umwandeln, aber kein Sturm sie abbrechen. Verzeihen Sie mein voriges Misstrauen, Herr von Nordheim, fuhr er fort, in einem lange gepressten Herzen ist die Furcht eingewachsen. Verachten Sie mich nicht um meiner ängstlichen sorge willen. – O wenn Sie wüssten, warum ich leben muss!
Nordheims Augen fielen voll schmerzlicher Besorgnisse auf mich. Charles sonderbares Wesen schien ihn zu beunruhigen.
Ich hoffe, sagte er sanft zu Charles, Sie gönnen mir für die Zukunft ein Vertrauen, welches uns beiden wohltätig sein wird. Sie finden auf meinem Gute alles zu Ihrem Empfang bereit, und sobald als meine Agnes es wünscht, komme ich selbst zu Ihnen.
Jetzt lassen Sie uns eilen! sagte Charles zu mir. Sobald ich Agnes wieder nach D. begleitet habe, eile ich nach Ihrem schloss. Bereiten Sie sich manches von mir zu vernehmen, was Sie verwundern, schmerzen, aber auch erfreuen wird.
Geht meine Agnes auch keiner neuen Gefahr entgegen? sagte Nordheim bedeutend. Ohne in Ihr geheimnis eindringen zu wollen – dürfte ich Sie nicht begleiten, nur von fern Ihrem Wagen folgen, um Ihnen auf den ersten Ruf nah zu sein?
Ich fühle Ihre Besorgniss, sagte Charles, aber ich muss diesen Wunsch versagen.
Ich bin ein unglücklicher, aber ein ehrlicher Mann! Es lag ein fürchterlicher Nachdruck in dem Ton, mit welchem er diese Worte aussprach, und sein starrer blick, eine wilde Bewegung der Hand nach Nordheims Arm, deutete auf die ganze Bitterkeit gegen ein Schicksal, welches ihn nötigte, zu diesem Selbstgeständniss seine Zuflucht zu nehmen.
Bitten Sie Herrn von Nordheim, uns nicht zu folgen, sagte mir Charles.
Sie fühlen, mein Teurer, sagte ich zu Nordheim, dass nur die unbezwingliche notwendigkeit mir gebieten kann, Ihnen einen Augenblick Unruhe zu machen. Meine Tränen flossen auf Nordheims hände, die ich zwischen den meinigen hielt. Es ist das erste Zeichen meiner völligen Ergebenheit, liebste Agnes, sagte er sanft, ich gestehe dass es mir viel kostet, aber ich werde Ihrem Befehl folgen. – O meine teure Liebe, wie schnell gewöhnt sich doch unser Herz an das Glück! Schon ist mir's, als könnte ich mich nicht für wenige Stunden von dir trennen. In einer süssen Umarmung strebten unsre Herzen sich auf ewig zu vereinigen, und schon schwebt drohend die kalte Hand des Schicksals über uns, die ein menschliches Dasein unaufhaltbar in der Flut der begebenheiten fortdrängt. Unsre Tränen flossen unaufhaltsam. Gute Seelen! sagte Charles bewegt. überlassen Sie mir das Mädchen getrost, Nordheim, sagte er halbscherzend. Sie hörten von Ihrem Vater den Nahmen eines alten unglücklichen Freundes?
Ist es möglich? rief Nordheim freudig. Mit ihm beschäftigte sich mein Vater in seiner Todesstunde, vertraute mir Papiere für ihn, und manches meinem Gedächtniss, was zu gefährlich fürs Papier war. Sonderbare Ahndung, du hast mich also nicht betrogen!
Auch haben Sie etwas, um sich auf das weitere, welches ich Ihnen für morgen verspreche, zu vertrösten, – sagte Charles, und fasste meinen Arm. Leben Sie wohl bis dahin. Wohl mir! rief er aus, ich werde den treuen Sinn meines entschlafenen Freundes noch einmal vernehmen. Die Zeit verstattet für jetzt keine weitere Erklärung.
Er zog mich fort. Nordheims Auge strahlte Freude und Ruhe, und auch aus meiner Brust entflohen die Sorgen in seinem heitern blick. Zwar lag mir ein Schleier über meinen Verhältnissen, aber es war der duftige Rosenschleier eines Frühlingsmorgens, hinter welchem das neusprossende Leben der natur waltet, um den Schooss der Erde mit jungen Blumen zu schmücken.
Ich grübelte nicht über Charles Rede, und genoss die Fülle süsser Ahndungen. Morgen finden wir uns wieder, sagte Nordheim als er mich in den Wagen hob, und ein Kuss auf meine Hand aus dem Wagenfenster goss eine belebende Flamme durch mein Wesen.
Ihre Mutter, sagte Charles als wir im Wagen sassen, muss morgen diese Gegend verlassen. Der Trost, Sie noch einmal zu sehen, war zu ihrer Erhaltung notwendig.
Ich musste Charles von meiner Liebe reden. Wir durchflogen eine goldene Zukunft; Charles hatte eine innige Empfindung meines Glückes, die mich tief rührte.
Ich gäbe die Momente meines Zwistes mit Nordheim nicht um Jahre einer längern Bekanntschaft, sagte er unter andern. Die Art, wie sich ein Mann in solchen Lagen benimmt, ist entscheidend für Charakter und Herz.
Welche Grösse und Festigkeit war in seinem Betragen! Der wahre Mut, der aus Kraft des Charakters entspringt, Besonnenheit und heller blick in der Gefahr, bleibt immer die Krone des Mannes