1798_Wolzogen_113_48.txt

ich weiss, Sie selbst werden es mir in einer ruhigen Stimmung danken.

Die reine Güte in diesen Worten zog mein Herz unaussprechlich zu Nordheim, so sehr mich auch ihr Sinn schmerzte, der ein Herzensverhältniss mit Charles durchaus voraussetzte, und auch in meiner glühenden Besorgniss um ihn selbst nur Liebe für seinen Gegner sah.

Ach Nordheim, sagte ich, wie sind Sie so gütig, und so grausam zugleich! Meine Tränen flossen unaufhaltsam.

Sein Sie überzeugt, meine Agnes, ich wünsche nur Ihr dauerhaftes Glück, sagte Nordheim sanft. Ich verspreche alles für Ihre Liebe zu tun, aber für jetzt folgen Sie mir!

Ich fühlte, wir verwirrten uns unauflöslich. Meine vorhergegangene Stimmung hatte mich über alles konventionelle erhoben, und ich glaubte mich wirklich in diesem Moment jugendlicher Selbsttäuschung über alle Leiden und Freuden des Lebens emporgerückt.

Charles stand in stummer Betäubung mit dem Rükken an die tür gestemmt, und schien entschlossen, alles zu wagen. Die Spannung zwischen ihm und Nordheim musste aufgelöst werden. Nur der unendliche Himmel mit seinen glänzenden Sternen lag vor meinem Auge. Ich fühlte eine Kraft der Wahrheit, des Vertrauens, in meinem Busen, und den Mut, als könne und müsse ich diese verworrene Lage auflösen.

hören Sie mich an, Nordheim, sagte ich. Es sind die letzten Worte, die Sie von meinen Lippen vernehmen werden. Nach diesem Augenblick werden Sie mich nie wieder sehen. Nicht Liebe führte mich hierher mit diesem mann. Ein geheimnis, welches nicht mein gehört, und ich Ihnen also verbergen muss, hiess mich diesen und alle andere Schritte tun, welche Ihnen von jeher Verdacht gegen mich einflössten. Was Liebe und Zärtlichkeit in meinem Wesen heisst, fand längst einen Gegenstand, den es fest und einzig umsasste, – aber seit gestern mit tiefen Schmerz verlässt. Leben Sie wohl, sagte ich mit tiefer Bewegung, und bewahren Sie das Bild eines Wesens, welches Ihnen angehörte, rein im Andenken. Jetzt lassen Sie mich meinen Verhältnissen, meinen Pflichten ruhig folgen. – Nordheim lag zu meinen Füssen. Ist es möglich! xief er, bin ich der glückliche! von Ihnen geliebt! Verzeihung, beste Seele, – ich wagte dieses Glück nur vor wenig Augenblicken zu träumen. Von nun an lebe ich nur für Sie. Können Sie mir verzeihen? – Süsser einziger Moment unsers Lebens, wo unsre heiligste hoffnung unser Herz als Wirklichkeit ergreift, und mit jenen süssen geheimnissvollen Schauern eines neuen Daseins überströmt!

Ich hatte keine Worte, meine Sinne waren verwirrt, ich zog Nordheim zu mir auf, seine arme umfassten mich, und unsre Lippen berührten sich.

Jene süssen Augenblicke bewahrt sich selbst die Zauberkraft der Erinnerung nur in geheimnissvollen Zeichen, und wagt es nicht, sie in eine Sprache zu übersetzen. Schwindelnd entwand ich mich Nordheims Umarmung, und da mein Herz in seinem beschränkten Dasein seine Vergangenheit wieder fand, schwankte Amaliens Bild vor meinen Sinnen. Auch sie ruhte an dieser Brust! sagte ich mir. Vergebens wollte ich dieses Bild zurückweisen, ein tiefes schmerzliches Mitleiden, bald mit ihr, bald mit mir selbst, bewegte meine Seele. Nordheims Blicke sprachen nur Liebe und hingebende Zärtlichkeit, unter süssen Tränen bat er aufs neue um meine Verzeihung. Auch ihm schien die Vergangenheit lebendig vorzuschweben, aber nur sein schwankendes Betragen gegen mich schien ihn schmerzlich zu bewegen. O wie viel, rief er aus, nimmt uns das Leben mit der Welt, indem es das holde Vermögen zerstört, der sichern stimme unsers Herzens zu folgen. Wir müssen uns des Glaubens entwöhnen, wenn wir für andere handeln und leben, und können ihn dann für uns selbst oft nicht wieder finden. Misstrauen konnte ich der heiligen Einfalt und Wahrheit deines Herzens nie, über jede Vergleichung erhaben stand dein schönes Wesen vor mir. Oft fühlte ich deine Liebe, – hätte ich meinem Herzen gefolgt. – Doch so süss ist es auch, all mein Glück Ihrer Güte zu danken, meine Agnes.

Himmlische Ruhe, klarheit und Treue leuchteten aus Nordheims Augen; – ich fühlte mich unaussprechlich s e i n . Von diesem heiligen Herzen kann mir nichts Böses kommen, von dem Anschaun dieser teuern Gestalt kann ich nicht scheiden, – unter den verworrensten Lagen wird mich dieses Gefühl empor halten. Der stille Entschluss, um seinetwegen alles zu tragen, überglänzte wie ein leuchtender Schild Amaliens Bild, so stark es auch hervordrang.

Mein Freund, sagte ich jetzt zu Charles, ich bin bereit Ihnen zu folgen. Sie werden Herrn von Nordheim künftig näher kennen lernen.

Charles hatte wie in einem tiefen Traum gestanden. Es ist ein Nahme, den die Welt mit Ehrfurcht nennt, sagte er, ein mir unaussprechlich teurer Nahme! Aber ein finstres Schicksal hält mich gebunden. Ich muss die liebsten und schönsten Erscheinungen als düstre kalte Schatten vor mir vorbei schweben sehen. Meine Hand darf nichts Lebendiges mit Mut und Freude ergreifen. Alles Misstrauen schwindet vor solch einer edlen Gestalt, sagte er freundlicher und indem er sich Nordheim näherte; ob Sie gleich ein Freund des Fürsten von ** sind, der mich verfolgt, so fühle ich doch, Sie können mir gerecht sein.

Ich folgte Ihnen nur, erwiderte Nordheim, um das Herz meiner Agnes zu ergründen, um sie vor einem Fehltritt jugendlicher Übereilung zu beschützen. Jede andre Beweggründe sind fern von mir. Ohne irgend ein bestimmtes verhältnis in D., diene ich nur zu Übungen der Güte. Ich weiss, dass der Fürst aufmerksam auf Ihren Aufentalt in der