1798_Wolzogen_113_47.txt

diese Leute von unsrer Spur entfernen; und bat mich, am wirtshaus auszusteigen. Man führte uns in ein kleines Zimmer, dessen Fenster gegen den Garten geöfnet waren. Die Düfte der vom Regen erfrischten Pflanzen wallten uns durch die helle Mondnacht entgegen. Mir war wohl und sonderbar klar in meinem Gemüt. Ich sprach mit Charles von der Freude, meine Mutter zu sehen, und von der hoffnung, dass die geheimnissvollen drückenden Verhältnisse sich endlich einmal auflösen würden.

Hoffe nichts und fürchte nichts, liebes Kind, sagte Charles, so hat das Schicksal keine Gewalt über dich. Er stand trübsinnig neben mir, und gab nur unzusammenhängende Antworten.

Ein wilder Lärm drang an unsre Tür. Charles verwahrte sie von innen, so gut er konnte, stellte sich mit blossem Degen davor, und bat mich, in einer Ecke des Zimmers ruhig zu bleiben.

Unter einem wilden Getöse von mancherlei Stimmen erkannte ich Nordheims stimme. Mit festem gebietendem Ton befahl er dem Wirt, die Tür unsres Zimmers zu öffnen. Der Wirt entschuldigte sich, es sei ein Herr mit einer Dame darinnen, welche gewiss nichts weniger als einen Überfall erwarteten.

Nichtswürdiger! sagte Nordheim zornig, eben das Mädchen fodere ich, sie ist mit Gewalt geraubt.

Wie belebend fühlte ich in meinem ganzen Wesen Nordheims Anteil an mir! Die ganze peinigende Verworrenheit dieser Szene vermochte nicht dieses Gefühl niederzuschlagen. Ich bat Charles, die Tür zu öfnen, und sich gegen Nordheim frei zu erklären. Er sah mich wild an, und sagte: Du weisst nicht, was du begehrst. Du bist deiner Mutter für immer entrissen, wenn du in die hände des Fürsten kommst, Nordheim ist sein Freund. O er ist edel, Charles! rief ich. Lassen Sie uns ihm alles vertrauen. Er kann nie ein in ihn gesetztes Vertrauen beleidigen.

Armes, hingebendes, leichtgläubiges geschöpf! sagte Charles. Du kennst das Leben noch nicht, und welche doppelte Gestalt es dem menschlichen Gemüt aufdrückt. Lass dich zu keiner Unvorsichtigkeit verleiten, die du ewig bereuen müsstest.

Nordheims wiederholter Befehl, die Tür zu öfnen, machte unserm Wortwechsel ein Ende. Er befahl seinen Leuten, sie aufzuschlagen. Der Wirt gab wahrscheinlich nach. Die Tür öffnete sich, Nordheim trat herein, und eine Menge von Leuten des Wirts und von seinen eigenen drangen ihm nach.

Es wage sich keiner über diese Schwelle! rief Nordheim. Alles entfernte sich, bis auf einen von seinen Leuten, der bittend rief, indem er auf Charles wilde Gestalt deutete: Bester Herr, lassen Sie mich bleiben! Geh augenblicklich! sagte Nordheim, und schloss die Tür hinter ihm ab.

Jetzt, redete er Charles an, jetzt sagen Sie, was berechtigt Sie zu diesem Betragen? Nur die Neigung dieser Dame für Sie kann es entschuldigen, aber nie rechtfertigen, Im Nahmen Ihres väterlichen Freundes bitte ich Sie, sogleich nach dem haus der Gräfin zurückzufahren, sagte er mir sehr ernstaft. Mein Wagen erwartet Ihren Befehl. Er fasste meine Hand, legte sie in seinen Arm, und eilte der tür zu. Ich vermochte es nicht, der süssen Gewalt zu widerstehen; ich folgte, beinah unwillkührlich, denn der Gedanke an meine Mutter hielt mich nicht weniger mächtig zurück. Nun schrie Charles: Ich behalte das Mädchen, oder den Tod für einen von uns beiden! Verteidigen Sie sich. Er hatte Pistolen aus dem Gürtel gezogen, reichte die eine Nordheimen, und behielt die andre, nach ihm zielend, in der Hand.

Waffen können nur zwischen Menschen von gleichen Rechten und gleicher Kraft entscheiden, sagte Nordheim. Ich schlage mich mit keinem Unbekannten. Wer sind Sie? Und was treibt Sie an, die Ruhe eines edlen Mädchens und ihrer Freunde zu kränken?

Ich hatte einst einen Nahmen, der mir das Recht gab, mich mit den Edelsten zu messen, sagte Charles, aber er ist aus dem Reich der Lebendigen verlöscht; – ich bin nichts mehr, – ein Schatten, der kraft- und tatenlos umherschwebt.

Die Hand mit dem Pistol sank, und er blieb starr und unbeweglich. Es war ein Ausdruck dumpfer Verzweiflung in seinem Ton. Nordheim näherte sich ihm edel und gütig, ohne Waffen, und sagte: Was zwingt Sie, Unglücklicher, solch eine Rolle zu übernehmen? Ist es eine unbezwingliche leidenschaft, so werde ich Ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Handeln Sie zur Beförderung fremder Zwecke, unter fremdem Einfluss, so kann nur ein offenherziges geständnis Ihnen meine Verzeihung erwerben. Dringt Sie die Not, ein unedles Geschäft zu übernehmen, so erwarten Sie von mir eine grössere Belohnung, wenn Sie sich davon lossagen. Reden Sie, aber widersetzen Sie sich nicht, dass ich das fräulein zurückführe, oder Sie bezahlen es mit Ihrem Leben, denn in jedem Fall bin ich entschlossen, sie nicht hier zu lassen.

Bittres Schicksal, zwingst du mich, auch noch ein Mörder zu werden! rief Charles, und richtete das Pistol gegen Nordheim.

Ich hatte mich von Nordheim losgemacht, und fiel Charles in den Arm, ihn zurück zu halten. Nordheim war mir schon zuvor gekommen, und hatte ihm das Pistol mit einer geschickten Bewegung und überlegener Stärke aus den Händen gewunden.

Wie rasch, bestes Kind! sagte mir Nordheim. Wie leicht hätten Sie sich verwunden können! Beruhigen Sie sich, ich werde keine Waffen gegen einen Mann führen, der Ihnen wert ist. Aber folgen Sie mir jetzt. Verzeihen Sie, ich muss es fordern, und