O die einzig edle, holde Gestalt wird nicht ganz für mich in das Reich der Schatten verschwunden sein! Ich werde zuweilen ein Zeichen seines Daseins empfangen. Diese Gedanken gaben meiner Neigung für Bettina etwas rührend Zärtliches, welches ich noch nie bei ihr empfunden hatte. Ich sagte ihr manches über ihre innre und äussre Existenz, welches sie mit lebendigem Wahrheitssinn aufnahm, denn ich selbst hatte ein sehr klares Gefühl ihrer ganzen Individualität. Ohne etwas besonders dabei zu denken, brachte ich meine Sachen in Ordnung, und versiegelte meine Papiere. Bettina fiel mir weinend in die arme, und rief: Ach du willst mich verlassen! Ich lachte, und versprach ihr dann ernstaft, sie sollte immer bei mir bleiben.
Bei einbrechender Nacht entfernte ich das Mädchen, verhüllte meine Gestalt so sehr als möglich, und eilte dem Stadttor zu. Charles hatte diese Einrichtung getroffen, er schien mir bedenklicher, ja furchtsamer, als bei unsrer ersten Zusammenkunft mit meiner Mutter.
Es war eine sehr finstre Nacht. Regenwolken umhüllten den Mond und die Sterne, und der Regen fing schon an zu fallen, als ich kaum einige Schritte vom haus der Gräfin entfernt war. Ich eilte so sehr ich konnte, aber ich war schwach von der schlaflosen Nacht und den mancherlei Stürmen, welche in den letzten Tagen auf mein Gemüt eindrangen. Der Wind jagte mir den Regen entgegen, und benahm mir die Luft. Atemlos lehnte ich mich für einen Augenblick an eine Mauer, einem Laden gegenüber, welcher sehr erhellt war. Eine grosse Gestalt ging ganz dicht an mir vorbei, sie hatte den Hut tief in die Augen gedrückt. Aber in dem Moment, wo das Licht aus dem Laden das Profil des Untergesichts stark erhellte, dünkten mir es Nordheims Züge zu sein. Ich bebte vor Furcht und vor Freude. – Ein Wort der Liebe von den geliebten Lippen zu vernehmen, und dann an der Brust der Erde mein Leben auszuhauchen, um in dem Atem des Ewiglebenden neu aufzublühen, dieser Wunsch bewegte mein Innerstes. Wenn uns die Naturkräfte im Sturm aufgeregt erscheinen, und wir selbst dem Sturm in unserm inneren kaum entrannen, dann schmiegt sich ein Gemüt. welches das Vermögen besitzt, sich der ewigwirkenden Kraft nahe zu fühlen, mit unendlichem seligem Verlangen an das Eine, Bleibende, in oder über der natur.
Die grüne Erde dünkt uns wirklich der Schooss der Mutter, über welchem ewig unwandelbares Leben weht, um uns einem neuen Dasein zuzubilden.
Wie sonderbar geht oft eine neue ungewöhnliche Stimmung in unsrer Seele einer Begebenheit zuvor, die unsern Verhältnissen und uns selbst eine neue Gestalt gibt; gleich als gäbe uns unser Genius den Wink, unsre Kraft zu sammlen! Der Wunsch nach der Auflösung unsers Wesens, bildet in gewissen Stimmungen unsrer Seele ein neues Lebensorgan, und die gestaltlose, aber lichte Zukunft, der sich unser Innres entgegendrängt, wirft auf alle Erscheinungen der Erde ein neues milderes Licht. Welcher feine Mensch, der gewöhnt ist in sich selbst zurück zu blicken, kennt nicht jene Momente des reichern höheren Lebens, wo die Seele eine unabsehliche Kette der Gedanken durchfliegt, und die reicher an lebendigen Erscheinungen in seinem inneren sind, als oft Zeiträume von Jahren!
Ich halte solch einen Moment durchlebt, und fand mich gestärkt und erhellt, um jeder Begebenheit zu begegnen. Selbst der geliebten Erscheinung Nordheims ging ich mit Ruhe und stiller Freude, ohne Furcht und sehnsucht entgegen.
Der Regen dauerte fort, und durch die Finsterniss und den Sturm arbeitete ich mich nur mühsam und langsam hindurch, bis zum bestimmten Ort. Als ich bei einigen erleuchteten Häusern vorbeikam, dünkte mir's, als folge mir die Gestalt, die ich zuvor sah; sie stand still, sobald ich mich nach ihr unwendete. Ich dachte nicht mehr, dass es Nordheim wäre, und glaubte mit Recht, meine Einbildung habe mich betrogen.
Auf dem bestimmten Platz fand ich den Wagen. Charles bot mir die Hand zum Einsteigen, und nahm seinen Sitz neben mir. Er schien ungewöhnlich bewegt, und sprach wenig. Wir waren ungefähr eine Viertelstunde gefahren, als der Weg vom Steinpflaster abging. Einige Reiter waren uns bis dahin gefolgt, Charles sah sich oft nach ihnen um. Jetzt verliessen sie uns, und er schien ruhiger.
Wir hatten schon einen weitern Weg gemacht, als bei der ersten Zusammenkunft, als sich die Wolken zerteilten und der Himmel aufhellte. Ich öffnete das Wagenfenster, um des gestirnten himmels zu geniessen. Welch eine schöne Nacht, mein Freund! sagte ich zu Charles, um seinen Trübsinn zu zerstreuen. Ist's Ihnen nicht auch, fuhr ich fort, als ob die klarheit des Äters den innren Sinn umleuchtet, wie die Sonne die Gestalten der Erde? Alles Drückende und Verworrene löst sich auf, mit einem blick in das grenzenlose Blau des himmels, von dem eine Ahndung des Unvergänglichen uns entgegenweht. Dieser Tag soll mir ein merkwürdiger Tag bleiben. Ihr Gespräch diesen Morgen hat mich zu mancherlei Erscheinungen in meinem eignen Wesen vorbereitet. – Charles drückte meine Hand, und sagte mit zitternder stimme: Unser eigenes Dasein ist zu ermessen und zu ertragen, aber die Sorgen der Liebe drücken uns dreifach schwer darnieder. Wer für sich nur fürchtet, fürchtet nichts.
Die Reiter stiessen wieder zu uns. Charles hiess mich ängstlich, mich nicht wieder aus dem Wagenfenster herauszubeugen. Sie folgten unserm Wagen seit einer halben Stunde, Charles wurde immer unruhiger, und als wir durch ein Dorf fuhren, sagte er: Wir müssen