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, die ich in kurzem antreten werde, die Überzeugung mit mir, dass ich meine Freundin glücklich zurückliess.

Sie wollen verreisen? sagte ich mit zitternder stimme.

Ich muss, erwiderte er. Im Vertrauen auf die Freundschaft Ihres Vaters, wage ich es, vielleicht zudringlich zu werden. Die Wünsche Ihrer Freunde scheinen mir einen Lebensweg für Sie zu bezeichnen, der zur Zufriedenheit führen wird. Der, welchen Sie aus eigner Stimmung für jetzt vielleicht erwählen könnten, würde Sie nur zu Unruhe und sorge führen. Trauen Sie den Blicken eines Freundes, der zärtlichste Anteil macht sie scharfsichtig. Was mich selbst betrifft, so bliebe mir noch einiges zu sagen übrig. Ich wünsche klar vor Ihnen zu stehen, ob ich gleich Ihr Vertrauen nie erwerben konnte. Sie werden mich aus meinen Briefen an Ihren Vater ganz kennen lernen, in kurzem werden diese in Ihren Händen sein. Julius edle Liebe wird Ihr Leben beglücken, meine teure Agnes, und Ihr Glück wird die reine Freude Ihres fernen Freundes sein. Ich gewöhnte mich seit langer Zeit, nur in dem Glück meiner Freunde zu geniessen. Der Moment, wo ich aus diesem Dasein heraustrat, rächte sich durch manche innre Verwirrung.

Nordheim verliess mich hier schnell.

Unendlich ist der Schmerz der Liebe, weil sie selbst ein Verlangen nach dem Unendlichen ist.

Nordheim selbst wünscht dich mit einem andern Mann verbunden! Jeder Wunsch nach dir ist also in seinem Herzen erloschen! Er liebte dich nie! Nur dieses Gefühl klang immer aufs neue in meiner Seele wieder, meine Sinne waren wie erstarrt, und jedem äussern Eindruck verschlossen.

Die Gräfin fasste meine Hand, und diese Berührung erweckte mich durch eine höchst widrige Empfindung. Ich hatte den Sinn ihrer Worte nicht ganz gefasst, und nur eine dunkle Vorstellung dabei gehabt, als entielten sie den Rat, Julius meine Hand zu geben, und meiner Neigung für Nordheim zu entsagen. Ich war schon in der widrigsten Stimmung gegen die Gräfin, als sich Nordheim zu uns gesellte, und jetzt in dem schwersten Moment meines Lebens stand sie vor mir als ein feindseliger Dämon, der sich meines bösen Geschicks erfreute, in welches er mich, so wähnte ich, selbst hineingezogen. Ich hatte keine Worte für solche widrige Gefühle; in Liebe und Stille der Seele erzogen, kannte meine Brust den kalten Hass nicht.

Mit einer unwillkürlichen Bewegung hatte ich den Arm der Gräfin zurückgestossen, und jetzt strebte ich, meinen Schmerz zu verbergen. Julius bemerkte die gewaltsame Anstrengung in meinem Wesen, und äusserte sein Missvergnügen, der Anlass zu einer so unangenehmen Szene für mich gewesen zu sein, der er meinen ganzen Zustand zuschrieb.

Ich hielt die Gesellschaft aus, aber man trug mich halb ohnmächtig aus dem Wagen, so sehr hatte die Gewalt, mit welcher ich mein Herz zurückhielt, meine Nerven zerrüttet. Wie wohltätig kehren sich die Genien unsrer entflohenen guten Stunden in jenen zeiten zu uns, wo uns eine hofnungsleere Finsterniss umgiebt!

Nachdem ich einen Strom erleichternder Tränen vergossen, standen meine lieblichen Wälder von Hohensels mit ihren kühlen Lauben vor meiner Fantasie. Dort, sagte ich mir, wo mir die ersten goldnen Jugendträume blühten, dort wird das Andenken an Nordheim, mein ewig lebendiger Schmerz über seinen Verlust, ungestört wohnen!

Ich rief mir jetzt Nordheims Worte zurück. Ausser ihrem schmerzlichen Sinn, welcher mir eine Verbindung mit einem andern mann anriet, lag noch etwas Rätselhaftes in seiner Äusserung.

Er warnt dich selbst, dich deiner Neigung für ihn zu überlassen! Auf diese Erklärung kam ich endlich zurück, ob sie mir gleich mit seiner Bescheidenheit und Feinheit zu streiten schien.

Wir sind so geneigt, die fehlgeschlagnen Hofnungen unsers Herzens aus der Stellung der äussern Umstände herzuleiten, um die Erscheinung eines geliebten Wesens rein in unsrer Seele zu bewahren. An welchen zarten Fäden hängen oft die wichtigsten begebenheiten unsres Lebens! sagte ich mir. Ein geheimnissvolles Gewebe umspannt uns unsichtbar, aber gewaltsam, und alle Kraft unsers Herzens vermag nicht die eisernen Fäden zu durchbrechen. Hätte die Gräfin heute nicht zwischen uns gestanden, hätten uns statt der steifen Hofwelt, Wälder und Wiesen umgeben, statt des engen Zimmers, das weite blaue Gewölbe des himmels, o! wer weiss, ob nicht das innigste Gefühl der Liebe in meiner Brust ein Wort, einen Ausdruck gefunden hätte, welcher Nordheims Herz mir wieder zugewendet! Alles erinnert uns an Beschränkteit in den Cirkeln der feinen Welt, sie bestehen nur durch dieselbe, und die himmlische Freiheit der Liebe fühlt sich dort gefesselt. Welche unselige Stellung der Umstände musste den entscheidenden Moment meines Lebens umgeben! Ich habe alles verloren! für immer verloren!

Unter diesen Selbstgesprächen nahte der Morgen. Der Entschluss, Nordheim nicht wieder zu sehen, stand hell in meiner Seele. Die Gräfin kam, mich zu besuchen; ich war milder gestimmt, und sie selbst schien mir mehr ein Werkzeug des Schicksals zu meinem Unglück, als die erste Ursache desselben. Gleichwohl blieb ich ungerührt von ihrem gutmütigen Betragen, so sehr ich mich selbst darüber tadelte. Es gibt Menschen, welche uns nie von ihrem guten, und andre, welche uns nie von ihrem bösen Willen überzeugen können. Ausser meiner leidenschaftlichen Stimmung, die eine unreine Farbe in das Bild der Gräfin mischte, lag noch vielleicht in ihrem eignen Wesen ein gewisses Etwas, welches das Vertrauen raubte. Wo die Manier ganz vorherrscht, da scheint zuletzt der Charakter selbst nur Manier.

Der reine Klang des Herzens entlockt einzig hinwiederum dem Herzen Neigung und Vertrauen.

Man rief die