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unsern. Jede kleine Vertraulichkeit Nordheims mit der Gräfin schmerzte sie tief, sie kam traurig zu mir, und verweilte mit ihrem kindischen Geschwätz bei jedem kleinen Umstand. Sie machte auch in Charles Gegenwart oft bittre Anmerkungen über die Gräfin, und schwatzte nach und nach so viel, dass Charles den Grund ihres Herzens und des meinen erblickte. Nein, rief sie einmal heftig aus, nein, es ist unmöglich, dass Nordheim ein anderes Weib als meine Agnes lieben sollte! Ich suchte meine Bewegung durch einen Scherz zu verbergen, aber ich fühlte es, Charles hatte mein geheimnis erraten.

Mir selbst blieb Nordheims verhältnis mit Amalien immer ein Rätsel, ich scheute mich bei den Kleinheiten der Eifersucht in meinem Gemüt zu verweilen, und verstattete mir keine genauere Beobachtungen. Es fuhr gleich einem kalten Stahl durch meine Brust, wenn ich die Gräfin mit Nordheim allein fand, meine Lippen bebten, und meine Worte wurden zu unsichern Lauten. Aber ein freundliches Wort von Nordheim, voll einfachen treuen Sinnes, brachte den Frieden in meinem ganzen Wesen zurück. Was willst du? fragte ich mich selbst; nimmt er nicht teil an dir, will dir wohl? ist das nicht schon so viel? ist es nicht genug?

Ein sonderbarer Vorfall zeigte mir auf einmal die ganze Gewalt der leidenschaft über mein Herz, indem er den freundlichen Wahn der Erfüllung zerstörte, welcher sich insgeheim immer an unsern heissesten Wunsch anschmiegt, so sehr unser klarer Verstand ihn auch zurückzuweisen strebt.

Die Hindernisse, welche Elisens Verbindung im Wege standen, waren nunmehr besiegt, der Tag der Hochzeit war festgesetzt, und der Hof nebst der ganzen Gesellschaft versammelte sich bei Elisens Tante, um der Trauung beizuwohnen. Die Gesellschaft verteilte sich bis zum Anfang der Ceremonie in mehrere Zimmer. Elise nahm mich geheimnissvoll bei der Hand, und führte mich in ein Kabinet, wo ich den Prinzen fand.

"Verzeihen Sie das, was ich Ihnen zu sagen habe" redete er mich an: "es ist ein Auftrag meiner Schwester, welche uns seit wenigen Tagen verliess."

Die Prinzessin hatte mich seit der letzten sonderbaren Szene ganz vernachlässiget; ich war durch ihr Betragen gekränkt, weil etwas unaussprechlich Anziehendes für mich in ihrem Wesen lag.

"Meine Schwester und ich," fuhr der Prinz fort, "vereinigen uns mit den Wünschen Ihrer Freundin, heute mit einem liebenden Gemahl zugleich auch eine geliebte Schwester zu besitzen."

Elise lag in meinen Armen. O meine Agnes, gewähre uns allen dieses Glück! rief sie aus. Mein Alban bittet für seinen Bruder, Julius bittet nur mit stiller Liebe und Treue.

geben Sie uns allen die Freude, Sie für immer unter uns zu sehen, sagte der Prinz. Selbst mein Vater ist von dem Zauber Ihres Betragens gerührt, und wünscht, Sie möchten bei uns leben. Er wird Julius in eine Lage setzen, welche Ihnen eine angenehme Existenz versichert.

Der Fürst trat herein, und sein freundliches gütiges Lächeln über den ernsten Zügen, die aus allen ihren gewohnten Falten gerückt waren, ergriff mich auf eine sonderbare Art, und rührte mich bis zu Tränen.

Ein geschäftiges Männchen unter den Hofleuten hatte etwas von der Szene durch die halboffne Tür gesehen, und breitete in den andern Zimmern die Nachricht aus, ich empfinge die Glückwünsche zu meiner Heurat. Das Kabinet füllte sich, Nordheim kam mit den Übrigen, blieb ernstaft an der Tür stehen, ohne ein Wort zu sprechen. Julius erfuhr von Elisen die Veranlassung dieses Auftritts. Er sah mich in der peinigenden Verlegenheit, wagte nicht, sich mir zu nähern, und bat die Gräfin, mich von der lästigen neugierigen Menge zu befreien.

Ich hatte mich unterdessen gefasst, und ersuchte den Prinzen, seinem Herrn Vater meinen Dank auszudrükken, nebst dem Wunsch, für jetzt noch unverheuratet zu bleiben. Der Fürst sah verdriesslich aus, und sagte halb laut: Er hätte von mir solch eine Ziererei nicht erwartet. Der Tadel des alten Mannes schmerzte mich, wie mich sein Anteil bei seiner sonstigen gewohnten Kälte rührte. Die Gräfin zog mich in ein Fenster, und sagte nach einigen Minuten: Welch eine eigne Gestalt nehmen doch alle gewöhnlichen menschlichen Verhältnisse für Seelen gewisser Art an! Die Liebe für Dich, meine Agnes, scheidet sich von jedem eigennützigen Begehren, sie will nicht sowohl b e s i t z e n , als Dein Wesen gleich einer schönen Kunstgestalt in reiner Anschauung geniessen. Dein holdes Gemüt wirkt geheimnissvoll, aber mächtig auf alles, was sich Dir nähert, und bildet eine Welt feinerer zärterer Verhältnisse um Dich her. Doch jeden, fuhr sie fort, jeden, mein bestes Kind, ergreift früh oder spät das unbezwingliche Schicksal, und versetzt ihn in den Kreis des Bedürfnisses und der Not, in welchen unser Dasein gebannt ist. Nichts bleibt rein und ungemischt in diesem, und jedem Genuss folgt bittres Entbehren. Besser ist es, freiwillig den Göttinnen des Schicksals ein Opfer zu bringen, einem Gut zu entsagen, um ein andres zu gewinnen. Doch ich fühle, sagte sie mehr sanft und betrübt, als unmutig, ich fühle, dass ich Ihr Vertrauen nicht besitze, ob ich gleich wähne, es zu verdienen. Wir waren allein im Kabinet geblieben, Nordheim näherte sich uns. Vertraulicher als ich es in der letzten Zeit gewohnt war, fasste er meine Hand, seine ernsten Blicke ruhten mit zärtlicher Teilnahme auf mir, indem er sagte: Wie gern, beste Agnes, nähme ich noch auf eine weite Reise