blieb an meinem Finger. Es war dasselbe Bild seiner Schwester, welches ich mit so sonderbaren Regungen angesehen hatte.
Als ich wieder ins Gesellschaftszimmer gehen wollte, wickelte sich eine Gestalt aus den Vorhängen des Fensters, welches zunächst an dasjenige stiess, wo ich mit dem Prinzen gestanden. Ich eilte vorbei, aber ich fühlte mich gehalten, und zärtlich umschlungen.
Ich erkannte die Prinzessin. Gutes Kind, sagte sie, ich nehme herzlichen Anteil an Ihnen, kommen Sie, wir schwatzen ein wenig zusammen.
Ihre stimme zitterte, aus Verlegenheit, wie ich es deutete, mich und ihren Bruder vielleicht gegen ihren Willen belauscht zu haben.
Ich musste mich neben sie setzen, und sie fuhr fort.
Ich habe Ihre Unterredung mit meinem Bruder gehört. Ob ich zufrieden mit Ihnen bin, fühlen Sie. Ich beklage ihn, und freue mich zugleich, dass er so wählen konnte. Leicht und beweglich wie die Farben der Iris, Kinder aller Elemente sind unsre Neigungen, und wie sie jenen gleich aus Regen und Sonnenschein entstehen, so verkünden sie doch auch nur, wie sie, aufs neue Regen. Ich wünschte Ihnen ein heiteres Dasein unter einem blauen wolkenlosen Himmel. Darf ich einen Mann nennen, neben welchem Sie dieses finden würden?
Ich schwieg bewegt und verlegen.
Darf ich? fragte sie aufs neue. Darf ich Julius von Alban nennen?
Er ist ein edler, achtungswerter Mann, sagte ich.
Ich habe den rechten Nahmen nicht genannt, erwiderte die Prinzessin. Ich muss Ihr Vertrauen erst verdienen lernen, liebste Agnes. Sie hielt meine Hand, ihr Bild fiel ihr in die Augen.
Das ist der Ring meines Bruders!
Trage ich ihn auch mit Ihrer Genehmigung? fragte ich. Ich leugne nicht, ich würde mich nur mit Schmerzen von diesem lieben Ringe trennen. –
Von welchen Erinnerungen sprach mein Bruder?
O von den heiligsten meines Lebens! sagte ich mit einer Offenheit, die ich mir selbst im nächsten Moment vorwarf.
Wie das? fragte die prinzessin heftig.
Ich war verwirrt, und fuhr fort: Er gibt mir die wunderbarste Reminiscenz durch die Ähnlichkeit mit einer sehr geliebten person.
Lassen Sie uns zur Gesellschaft gehen, sagte sie, indem sie rasch aufstand, und mich mit sich in den Saal zog.
Charles kam den nächsten Morgen zu mir. Er brachte mir einen zärtlichen Gruss von meiner Mutter, und eine Ermunterung unsre für jetzt notwendige Trennung ruhig zu ertragen. Der Inhalt meines Briefes habe sie betrübt, sagte mir Charles, doch werde sie nie nach einem Einfluss in mein Schicksal streben, welcher meiner Neigung Gewalt antun könnte. Ein gesundes Gemüt werde durch sich selbst mit allen Erscheinungen im Leben fertig, und lerne seine Macht kennen, sie zu verwandeln, oder zu ertragen. Ihre Mutter, fuhr Charles fort, vertraut Ihrer guten natur. In einem heftigen allbezwingenden Verlangen lernt unser Wesen seine ganze Kraft empfinden. Die Illusion der leidenschaft ist in der Ökonomie der menschlichen natur, was die Blüte in der Pflanzenwelt ist. Die Schönheit umschleiert den Moment, wo sich die Kraft und Gestalt eines Wesens entscheidet. Ich zweifle nicht, meine Agnes wird in reiner tadelloser Form aus dieser Verwandlung hervorgehen, und mit erhöhter Kraft zum Leben und Wirken gerüstet. Eine Seele, die im Zauber der lebendigen Fantasie ihre entflohenen Freuden und Leiden zurückzurufen vermag, bewahrt leichter das heilige Gesetz der Billigkeit gegen andere, als lebendiges, gegenwärtiges Gefühl in der Seele. Sie werden Ihre Mutter bald wiedersehen, auch in kurzem Ihren Pflegevater in Hohenfels, und wenn Sie selbst wollen, werden Sie an seiner Seite einen Kreis der Tätigkeit finden, der Ihnen das Glück der Liebe ersetzen kann, oder in stäter Dauer bewahren wird.
Charles brachte in jeder Woche einige Morgenstunden bei mir zu. Er liess mich Zeichnungen kopieren, die er selbst nach den besten Meistern entworfen hatte. Ich wählte eine Landschaft nach Poussin, und während dieser Arbeit fielen unsre gespräche auf die wichtigsten Gegenstände.
Charles herzlicher Anteil, und die klarheit seiner Vorstellungen wirkten wohltätig auf mein Gemüt. Ich wurde mir selbst klärer in seinem Umgang. Er fasste meinen Zustand, und suchte die verworrenen Bilder zu zerstreuen, welche meine Fantasie aus den grossen Cirkeln der vergangenen Abende zurückgebracht hatte. Ich heftete mich an ihn, und ehrte ihn wie einen guten Genius, der den Faden meines geistigen Daseins aus dem Gewühl des Sinnlichen zu lösen vermochte.
Meine kleine Kunstarbeit hatte während unsrer gespräche guten Fortgang. In jeder Darstellung eines grossen Sinnes liegt eine gewisse magische Kraft gleich als für immer gefesselt, sie bewegt jeden fühlenden Beobachter, er fühlt eine fremde Gewalt, die seine Kräfte aufregt und emporzieht. So wirkte auch der Geist des grossen Meisters, dessen Dichtung vor uns lag, still und erhebend auf mein Gemüt; und das Andenken an meine Mutter, das mir in Charles Gespräch beinah zu einer geheimnissvollen Gegenwart wurde, stärkte mein Herz in dem zarten süssen Leben der hoffnung.
Ich war heiterer und lebendiger nach jeder Zusammenkunft mit Charles, und hatte manche kleine Spötterei der Gräfin über den Einfluss des Zeichenmeisters auf meine Laune auszustehen.
Bettina war oft gegenwärtig, während Charles bei mir war, sie zeigte viel Freude und Geschicklichkeit zur Kunst, und gewann Charles Neigung sehr bald.
Die Kleine hatte ihre Liebe zu Nordheim so innig mit der Neigung gegen mich vereinigt, dass wir beide gleichsam zu einem Bilde in ihrer Vorstellung zusammengeflossen waren. Je inniger sie uns in sich vereinte, je schärfer trennte sie jede dritte Erscheinung von der