1798_Wolzogen_113_40.txt

drückenden Gewitterwolke um uns her, die sich nur in Blitzen entlasten konnte.

Julius stand auf, und war im Begriff sich zu entfernen. Die lieblichste heiligste Ahndung einer glücklichen völlig einverstandenen Liebe bebte durch mein Wesen; – aber in dem Augenblick verliess uns Nordheim mit einer flüchtigen Entschuldigung von Geschäften.

Meine arme erhoben sich unwillkührlich, die geliebte Gestalt fest zu halten, mein Herz schlug gewaltig gegen meine Brust, und ein lauter Seufzer verriet Julius meinen Zustand.

Was habe ich getan, rief er schmerzlich aus. Warum zögerte ich, mich zu entfernen? Warum muss ich Unseliger! immer der Glückseligkeit des liebsten Wesens im Wege stehen?

Seine Verwirrung gab mir meine Fassung wieder.

Lieber Freund, sagte ich ihm, dar Schicksal lässt sich die schönsten Blumen des Lebens nicht entreissen, sondern reicht sie nur freiwillig dar. Sollte mir noch gewährt sein, Nordheims Liebe zu gewinnen? Alles beinahe heisst mich zweifeln.

Ich empfand in diesem Augenblick, wie ich sprach; Furcht und Verlangen erhalten unser Gemüt notwendig im Irrtum. Nordheim konnte selbst wünschen, mich mit einem andern mann zu verbinden; wie kann er mich lieben? So schloss ich natürlich in dem Moment einer getäuschten hoffnung.

Julius Blicke ruhten mit der zärtesten Teilnahme auf mir. Vertrauen Sie m e i n e n Augen, liebste Agnes, sagte er sanft. Sie werden geliebt. Einfacher, klärer fasst eine weibliche Seele das Gefühl der Liebe; mit mannichfachen oft streitenden Gestalten vermischt es sich in der Brust des Mannes. In einer so reichen natur wie Nordheim, wo so hohe Kräfte wirken, muss die Liebe eine ganz eigne, neue Gestalt annehmen, die zu mancher Täuschung Anlass geben kann.

Ich fühlte mich gestärkt und beruhigt, mehr durch das Anschaun von Julius schönem Wesen, das seine Freiheit bei dem lebhaftesten Empfinden so rein zu bewahren vermochte, als durch die Hofnungen, welche er mir einzuflössen strebte.

Wir kehrten noch denselben Abend nach der Stadt zurück. Der Prinz hatte die ganze Gesellschaft dringend eingeladen, sich bei einem fest einzufinden, welches er seiner Schwester zu Ehren veranstaltet hatte.

Ungern trennte ich mich von dem Wohnort meines Geliebten. Die Gärten, das Haus, die Zimmer und alles was sie entielten, schienen mir als sein Eigentum von seiner Gegenwart belebt und verschönert zu sein. Ein freundlicher Schimmer erleuchtete alles was mich umgab; so wie ein heitrer Sonnenblick uns alle Formen einer wohlbekannten Gegend gleichsam erneut, und näher an die Seele bringt.

Die nächsten Tage waren geräuschvoll. Mir war nie wohl unter dem Gewühl einer bunten Menge, sie brachte mich immer in eine Art von Betäubung, in welcher ich den Mangel an innrer klarheit schmerzlich empfand.

Die Gestalt der Prinzessin ergriff mich mit sonderbarer Gewalt. Sie sass in einem Zirkel von Damen, als ich mich ihr näherte. Ihr Anstand war edel, ihr Putz einfach und geschmackvoll. Ich musste den Zirkel vermehren, und als ich ihre Gesichtszüge genauer betrachten konnte, fand ich sie alle von dem Ausdruck unaussprechlicher Lieblichkeit belebt.

Nur wenig, und sehr leise wurde von den Damen gesprochen; die Prinzessin schwieg, oder sagte ihren Nachbarinnen ein paar Worte, von denen ich nichts vernehmen konnte. Endlich wendete sie sich mit einer Frage an mich. Der Ton ihrer stimme durchdrang mein Innres. Meine Nerven bebten. Die Verzierungen der Zimmers, die Personen der Gesellschaft schwankten vor meinen Blicken, mit Mühe hielt ich mich auf meinem stuhl. Ich sass neben einer gutmütigen geschäftigen Alten, sie fasste mich bei der Hand, und wiederholte mir leise die Frage der Prinzessin. Ich stammelte einige Worte gegen diese. Die gute Alte hielt meinen Zustand für Verlegenheit, und suchte dem armen Landmädchen zu hülfe zu kommen. Der Prinz näherte sich uns, die Prinzessin sprach viel und lebhaft, ich bekam nach und nach meine Fassung wieder, und schalt mich töricht, einem ersten Eindruck der Macht eines Tones solche Gewalt über mich gestattet zu haben.

Der Prinz begegnete mir im Angesicht der Gesellschaft, und vorzüglich unter den Augen seines Vaters mit zurückgehaltener Aufmerksamkeit. Dennoch fanden die Hofleute, deren Scharfsinn nur ein einziges Feld, die Schwachheiten ihres Herrn kennt, sehr bald etwas Auszeichnendes in dem Betragen des Prinzen gegen mich. Ich musste manches Lob und manchen Tadel ertragen, ohne beides zu verdienen.

Ich fühlte, dass Nordheim und Julius über mein verhältnis mit dem Prinzen wachten; ihre gegenseitige Vertraulichkeit schien täglich inniger zu werden. So sehr es mich freute, zwei mir so werte Menschen vereinigt zu sehen, so schmerzlich fühlte ich doch die Veränderung in Nordheims Ton gegen mich. Die Güte eines zärtlichen Vaters lag in seinem blick, so wie in dem Sinn seiner Rede. Täglich sah ich ihn, täglich entfaltete sich sein Wesen in neuer Liebenswürdigkeit, und gerade in einer Art der Liebenswürdigkeit, die unsre ganze Weiblichkeit mit Verlangen befängt.

Der Wunsch, Liebe zu gewinnen, anzugehören, ergreift unser Wesen nie stärker und inniger, als wenn wir eine hohe Kraft in Tätigkeit erblicken. In den leichten Verhältnissen der Gesellschaft war Nordheim hingebend, wohlwollend, voll hinreissender Grazie, aber sobald es ein ernstes verhältnis galt, stand er mit unerschütterlicher Festigkeit bei seinen grundsätzen. Voll Mut und Würde glich er einem kräftigen Löwen, der die Insekten grossmütig in seinen Mähnen spielen lässt. Selbst die sinnloseste Menge hat die Ahndung einer unüberwindlichen Kraft, und fühlt ihre ganze dumpfe Beschränkteit in ihrer Nähe. Des Prinzen allgemein bekannte Freundschaft für Nordheim gab ihm Einfluss auf den Zirkel der Geschäftsleute, sein