vergebens nach ein paar Worten, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, aber nichts war mir gut genug von allem, was mir einfiel, und nie scheuete ich mich mehr, etwas Unbedeutendes zu sagen, als in diesem Augenblick. Die Furcht, er möchte mein Schweigen für Unaufmerksamkeit oder für Mangel an feiner Sitte halten, machte mir es gleichwohl peinlich. Er schien keinen Anspruch auf Unterhaltung zu machen, und sah still nach dem Feuer. Zuweilen streifte sein blick im Zimmer umher, und nur einmal ruhte er auf mir. Es war etwas unaussprechlich anziehendes in seinem dunkelbraunen Auge; mild und still fasste es die Gegenstände, aber zugleich so tiefeindringend, als möchte es das verborgenste im Herzen erspähen. Mein Strickgarn fiel zu Boden, er hob es auf, und gab es mir mit gerader gutmütiger Höflichkeit. Der Faden hatte sich um seine Hand geschlungen, sie ruhete einige Sekunden in der meinen, und ein Ring fiel von seinem Finger. Während ich den Ring aus dem Faden loswickelte, hatte ich Zeit, auf der blauen Emaille den Nahmen A m a l i e zu lesen.
Der Fremde nahm ihn mit einem flüchtigen Erröten zurück. Ob seine gebückte Stellung, oder die Nähe des Feuers es verursacht hatten? oder ob der Ring lebhaftere Gefühle in ihm erregte? oder ob er den Nahmen seiner Schwester, seiner Freundin, oder seiner Frau am Finger trug? Diese fragen kreuzten sich in meinem Kopf, und neben dem bemerkte ich die feingeformte Hand, die so eben in der meinen gelegen hatte. Nun legte mein Vater ein Zeichen in seine Bibel, und nahte sich dem Kamin. Freundlich zog er mit der linken Hand sein ledernes Käppchen vom Haupt, reichte die rechte dem Fremden, und hiess ihn nochmahls willkommen. Sie rauchen vielleicht eine Pfeife Tabak in der kalten Herbstluft? fragte mein Vater. Der Fremde winkte Beifall. Ich trug nun auch den Teetisch zum Feuer, so kam alles in Ordnung, und der kleine Zirkel näherte sich einander vertraulicher, als der blaue Dampf in leichten Gewölken umherzog, und der gute Tee balsamisch duftete. Nach ächt griechischer Sitte schritt man erst zum Gespräch, nachdem der Gast gespeist worden war.
Wahrscheinlich kommen Sie heute von A.? sagte mein Vater. Sie hatten dann eine schlimme Tagreise, es ist eine von unsern schlechtesten Strassen im land. – "So unwegsam und holpericht die Strasse ist," erwiderte der Fremde, "so mild und freundlich scheinen mir die Menschen, die daran wohnen, und mit dem Tausche wäre man wohl gern zufrieden, wenn man es überall so haben könnte."
M e i n V a t e r . Ja brave gute Leute gibt es hier, und gibts überall, hoffe ich. Seit fünf und zwanzig Jahren liegt meine Welt in dem engen Zirkel von wenigen Stunden beschränkt, und wenn es mir in diesem dunkel und verwirrt scheint, so habe ich doch immer ein sicheres Mittel, wieder ins Klare zu kommen.
D e r F r e m d e . Und welches?
M e i n V a t e r . Ich suche mir die individuellsten Verhältnisse des Menschen, der mir grundschief und verdorben scheint, ganz bekannt zu machen. Sein Alter, Stand, Erziehung, Temperament, Vermögen, Freundschaften u.s.w. Dann greife ich in meinen eigenen Busen, und fürwahr violes, vieles in seiner Handlungsweise wird mir da leichter erklärlich, was mir ausser jenen Beziehungen ungeheuer dünkte.
D e r F r e m d e . Glauben Sie an den Saamen des Bösen in der Menschennatur?
M e i n V a t e r (lächelnd). Nicht in dem Sinn, wie Sie vielleicht meinen, mein Herr; aber ich glaube, und fühle den Saamen der Schwachheit in jeder menschlichen Brust; – glaube, dass nicht jeder sich halten kann, in der schönen Freiheit des Herzens, dass er oft das begehrt, was er nicht sollte, und dadurch zum Sklaven wird, weil er aus dem Gleichgewicht seines innren Wesens heraustritt, wo er König und Herr sein könnte.
D e r F r e m d e . So sind wir eins! O wie freut, es mich, wenn ich ein Gemüt finde, das seine Einheit bewahrte, das seine Wahrheit und Liebe lebendig erhielt! Wer in diesem schönen Kreise der Menschheit zu bleiben strebt, kann nicht irren, denn Wahrheit und Liebe sind das Wesen der Religion und Philosophie, und erhalten die Gesundheit und Grazie der Empfindung. Ihr seid nun einmal die privilegirten Seelenärzte – fuhr er freundlich lächelnd fort – und mich dünkt, ich sei bei einem der bescheidensten, mitin der erfahrensten. Wie bewahrt sich die Seele am freiesten im Kampf mit den widerstrebenden Eindrücken von aussen, und der Verdorbenheit um sich her?
M e i n V a t e r . Freund, vor allem möchte' ich Ihnen sagen: Alle gute Gabe kommt von oben herab, vom Vater des Lichts!
D e r F r e m d e . Und wenn es Seelen gibt, die nur die Richtung gegen das Licht kennen? Es windet sich die eingeschlossene Blume nach der Seite, wo ihr der Lichtstrahl entgegendringt, aber die dunklen Schranken weichen nicht, und ihre Farben bleiben matt und bleich. Was sollen diese tun?
M e i n V a t e r . Sich des geahneten Lichtes freuen, bis das Schicksal, oder eine bis jetzt ungeahnete neue Kraft in ihrem