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, endlich erschien sie mir im Traum, hielt eine Heilige an der Hand, und sagte zu mir: Dieser vertraue!

Ich fühlte mich beruhigt, und wartete mit stillem Geist auf die Deutung dieses Gesichtes. Beim ersten blick, den ich auf Sie warf, als Sie durch den Garten mit Herrn von Nordheim kamen, erkannte ich jene himmlische Traumgestalt. Um so mehr erschienen Sie mir als ein hülfreicher Engel zur schlimmsten Stunde der Not, weil ich die Gräfin neben Ihnen erblickte. Sie werden dieses in der Folge verstehen. Ich sah Sie noch oft lange und genau an, ohne von Ihnen bemerkt zu werden, und überzeugte mich ganz, dass ich mich nicht getäuscht hatte, als ich in Ihnen die versprochne Retterin zuerst erkannte. Die schwere Last fiel von meinem Herzen durch diese augenscheinliche hülfe des himmels. Nun vertraue ich Ihnen mein und meiner Kinder Schicksal in den Papieren an, die dieses Kästchen entält. Schwören Sie mir, dass unser Herr die Gräfin von Wildenfels nicht zum Altar führen soll, bevor Sie es eröfnet, ihr den Inhalt der Papiere verkündigt, und das Versprechen von ihr empfangen haben, dass sie für meine Kinder sorge tragen will. Sind Sie die Braut, so werden Sie die Beschützerin meiner Kinder, und öfnen an Ihrem Hochzeittag das Kästchen. Herr von Nordheim wird dann um Ihrentwillen der Vater meiner Kinder bleiben, wie er es jetzt durch Güte und sorge ist. Oft fühlte ich den Drang, meine Seele vor ihm aufzuschliessen, aber die Ehrfurcht hielt das Vertrauen gebunden.

So glaubte ich mir aus der schmerzlichen Verwirrung geholfen zu haben, fuhr sie fort, nachdem sie wenige Momente in Nachdenken versunken, unbeweglich vor mir stand. Schwören Sie mir nun, sagte sie feierlich, bei allem was Ihnen heilig ist, schwören Sie mir bei dem Allwissenden, meine Bitte zu erfüllen, und geben so einer Unglücklichen die Ruhe wieder!

Ihre Augen waren mit wildem schmerzlichen Verlangen auf mich geheftet, alle ihre Züge blieben wie erstarrt, und der Mund halb geöfnet. Ich gelobte die Erfüllung ihrer Bitte, sofern sie in meinen Kräften stünde, indem ich den Allwissenden zum Zeugen anrief. Jetzt fiel sie mir zu Füssen, benetzte meine hände mit Tränen, und pries sich selig, von dem bängsten Zustande befreit zu sein. Ich suchte sie zu den gesunden wahren Gefühlen der natur zurück zu führen, indem ich von dem Schicksal ihrer Tochter redete, und für sie sorge zu tragen versprach. Mir dünkte, die Einsamkeit sei ihr schädlich, und werde sie am Ende ganz zur Schwärmerei führen, so wie dieses vielleicht bei jedem erfolgen muss, der sich nicht durch Beschäftigung des Verstandes im gehörigen Gleichgewicht zu erhalten weiss. Jeder braucht im gewissen Sinn das Leben mit Andern, um seiner selbst gewiss zu werden, aber Menschen von schwachen Fähigkeiten denken allein mit den Worten und Formen, die sie von Andern empfangen.

Ich sprach von Entwürfen, auch die arme verstimmte Frau, so wie ihre Tochter, wieder in das gesellige Leben zu verflechten, aber sie sagte traurig lächelnd: Nein, die Nachtigallen sind im Winter unansehnliche lästige Tiere, ich will einsam bleiben, bis ich im Chor der Engel wieder singen kann.

Bettina sollte mir noch denselben Abend das geheimnissvolle Kästchen überliefern, ihre Mutter schien keinen vollkommenen Frieden zu finden, bis sie jedes sinnliche Zeichen ihres schmerzlichen Geheimnisses von sich entfernt hatte.

Ich begegnete Nordheim und Julius als ich durch den Garten zurück ging. Sie schienen in einem vertraulichen Gespräch begriffen. Nordheim fasste meine Hand, und fragte: wie ich Madame Barsino gefunden?

Mir dünkt, sagte ich, ihr Gemüt bedürfe eines starken äusseren Anstosses, um die tiefen Spuren der Vergangenheit wieder auf eine leichte Art mit der umgebenden Welt vermischen zu lernen.

Der Rest des Lebens, sagte Nordheim, muss notwendig schaal sein, wenn der Anfang nur der einseitigen Kultur eines Talents gewidmet war, dessen wir uns nur durch Andere erfreuen können. Nur Geist und Liebe tragen Frucht in jeder Region des Lebens.

Wir standen an einer Bank, über welcher sich eine Laube wölbte. Nordheim hiess uns sitzen. Es war etwas zärtlicheres in seinem Betragen, als ich noch je wahrgenommen, und der Ton seiner stimme wurde weicher und zärter, wenn er mit mir sprach.

Ist es der Wunsch, ein angetanes Unrecht vergessend zu machen? Ist es Liebe?

Dieser Zweifel bewegte meine Seele, aber lebendig drang die holde Erscheinung zu meinem Herzen. Julius, Nordheim und ich waren in der lebhaftesten Stimmung, nur abgebrochne Worte hielten den Faden der Unterhaltung zusammen. Etwas Unaussprechliches, Unendliches füllte unsre Busen, glänzte in unsern Blicken, arm und leer schien jedes Wort, wir unterhielten uns von den entferntesten Dingen, um nur das nächste Gefühl unsers Herzens nicht zu verraten. Der Wunsch, mit Nordheim allein zu sein, wechselte mit einer sonderbaren Furcht vor einem entscheidenden Augenblick, in welchem ich das geständnis seiner Liebe empfangen sollte, und Julius schien selbst so nach einer gelegenheit zu suchen, uns mit Anstand zu verlassen, und nur aus Verlegenheit zu bleiben, dass ich nicht unzufrieden mit ihm sein konnte. Ich wünschte auch eigentlich seine Entfernung nur, weil ich fürchtete, es müsse ihn schmerzen, wenn er den vollen Ausdruck meiner Liebe gegen Nordheim als Augenzeuge empfände. Ich hätte ihn mit mir an der Brust meines Geliebten gewünscht, selig mit mir im reinsten Genuss an dem liebeschlagenden Herzen.

Unsre lebhafte Stimmung stieg beinah bis zur schmerzlichen Spannung. Es zog sich gleich einer