ich Sie in die Stadt begleiten darf! Ich weiss nicht, wie mich Ihr Anschaun so verwandelt hat, meine sonst so geliebte Einsamkeit scheint mir ein Grab. Ich fühle, wie wenig ich bin, aber zugleich den Mut, noch mehr zu werden. In welch kindischer Gedankenlosigkeit verstrichen meine Tage! Jetzt weiss ich, was ich werden möchte. Ein andres Dasein steht mir so klar hier, (sie deutete mit dem Finger auf ihre Stirn) als wie die Gestalt dieser Blume vor mir steht, ob sie gleich jetzt noch in der schwellenden grünen Knospe verborgen liegt. O ziehen Sie mich in Ihr Dasein hinüber!" sagte sie mit dem sanftesten Ton.
Als ich Nordheim das Anliegen des guten Kindes vortrug, sagte er freundlich: Sie kommen meinen Wünschen zuvor. Bettina hat das Alter erreicht, in welchem nur der vertraute Umgang einer schönen weiblichen Seele ihre Bildung vollenden kann, denn sie hat nicht Kraft genug, durch sich selbst das rechte Gleichgewicht zu finden, aus welchem sich eine schöne Form zu entwickeln vermöchte. Die Mutter hat nur einzig in ihrem Talent und in ihren Reizen gelebt: seitdem sie mit der Jugend diese Existenz verloren, ist sie in jene Erschlaffung und Dumpfheit versunken, mit der eine leere Seele immer in sich selbst zurückkehrt. Sie hat sich, in ihrem Wahn, dem Himmel, aber eigentlich den Träumen ihrer frühen Kindereinbildung zugewendet. Die toten Formen blieben in ihr liegen, weil keine Vernunft sie belebte oder hinwegräumte, und geben jetzt einen matten Trost. Beinah scheint mir die Furcht vor jeder Art von Gesellschaft, bei dieser Frau noch auf etwas mehr verschobenes im Gemüt zu deuten, als einzig auf das peinigende Gefühl der kleinen Eitelkeit, eine kleine Existenz überlebt zu haben. Sie sehen aus diesem allen, fuhr er fort, dass Sie mir durch Ihre Güte für Bettina eine sorge vom Herzen nehmen, ich will dem guten Geschöpfe herzlich wohl. Wie gern, beste Agnes, verdanke ich Ihnen dieses! Wie gern verdanke ich Ihnen alles! Er fasste meine Hand heftig, liess sie aber im Augenblick wieder los, und entfernte sich.
Die Gräfin willigte sogleich in unsern Vorschlag wegen Bettina ein, und die Mutter wurde nunmehr befragt.
Nach einer halben Stunde kam Battista gelaufen, und rief: Meine Mutter wünscht die junge fremde Dame zu sprechen, welche so viel Güte gegen ihre Tochter bezeugt.
Das ist höchst sonderbar, sagte Nordheim. Ich folgte Battista durch ein zierliches Blumengärtchen in das kleine Wohnhaus. Eine Frau von grosser Gestalt und sehr feinen Gesichtszügen, in denen aber eine beunruhigende Lebhaftigkeit lag, empfing mich an der Treppe; sie schien verlegen, suchte diess aber hinter einem kalten und steifen Anstand zu verbergen. Schweigend führte sie mich ins Zimmer, welches mit Verzierungen überladen war, und mehr für Nordheims Freigebigkeit, als für den guten Geschmack der Bewohnerin zeugte. Die Mutter befahl Battista, uns zu verlassen. Als wir allein waren, fasste sie meine beiden hände, sah mir starr, doch freudig ins Gesicht, und rief: Ja, das ist sie! das ist die Gestalt, die du mir als meine Beschützerin zeigtest, heilige Jungfrau! so schwebte sie aus goldnen Wolken zu mir hernieder; das sind dieselben blonden Locken, wie sie jenes himmlische Haupt umwallten. Ich erkenne das sanfte Lächeln wieder, welches die Hoheit der verklärten Züge milderte. Ja sie wird, sie muss mir helfen!
Ich war erschrocken, und wusste nichts zu sagen.
Sie fasste sich, sass einige Augenblicke mit beinah geschlossnen Augen neben mir, und fragte dann heftig: Welche von Ihnen beiden ist die Braut unsers guten Herrn, die Gräfin von Wildenfels oder Sie?
Ich antwortete, dass von keiner Heurat des Herrn von Nordheim die Rede sei.
Die Gräfin ist es nicht? rief sie freudig, und Sie können es werden. O schönes gutes Mädchen, wie innig soll es mich freuen, Sie als die Gemahlin meines Beschützers zu verehren! Gewiss Sie machen einen sonderbaren Eindruck auf ihn! Nie sah ich ihn noch so himmlisch heiter, so sanft, so leuchtend möchte ich sagen von Leben und Freude, als wie er gestern neben Ihnen einherging. Innigst freute ich mich dieser Erscheinung, aber man sagte mir diesen Morgen, er werde seine Vermählung mit der Gräfin feiern. Es drang ein kalter Schauer durch meine Adern, Sie fühlen, ich habe mich noch nicht vom Schrecken erhohlen können.
Die Reden des Weibes waren mir ein unbegreifliches Rätsel, aber immer bindet es uns mit einer gewissen magischen Gewalt selbst an das gleichgültigste geschöpf, wenn wir den liebsten Wunsch unsrer Seele auch von seinen Lippen vernehmen.
Jetzt nahm sie ein verschlossnes Kästchen aus ihrem Schreibepult, ihre hände zitterten, mit gegen Himmel gerichteten Augen drückte sie das Kästchen an ihre Brust, und rief: Heilige Jungfrau! du selbst gebotest mir, ich folge deinem Wink, er kann mich nicht irre führen!
Starr richteten sich nun ihre Augen auf mich, indem sie fortfuhr: Seit langen Jahren vertraute ich keinem menschlichen Wesen, und seit ich durch das Bekenntniss meiner Schuld von einem frommen Vater Vergebung empfing, seit dieser Zeit beschloss ich, mein geheimnis auf ewig in meiner Brust zu begraben. Gleichwohl drängten sich mancherlei Umstände, und meiner Kinder Schicksal foderte eine schmerzliche Eröfnung meines Herzens. Auf der andern Seite hiess mich auch manches schweigen. So rang ich mehrere Monate nach einem Entschluss, und lebte im schmerzlichen Kampf. Ich flehte oft zur Mutter Gottes um einen leitenden Wink