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liess sein Licht zurück, und fasste mich unter dem Arm, mich zu unterstützen. Kaum waren wir einige Schritte von Julius Zimmer entfernt, als Nordheim dicht vor uns stand. Er war die Treppe herab gekommen, und es war unmöglich ihm auszuweichen; er hielt ein Licht, trat ein paar Schritte zurück, als er mich erblickte, und nie erschütterte ein blick so meine Seele, als der seine in diesem Moment. Gern wäre ich zu seinen Füssen gesunken, aber weibliche Verlegenheit hielt mich starr und bewegungslos am Boden gekettet.

Die Furcht verkannt zu werden, und Stolz, der es

seiner unwert fand, sich zu entschuldigen, fesselten alle meine Gedanken und Bewegungen. Ich hatte in diesem Moment eine Ahndung des Zustandes jener Wesen aus der Fabelwelt, die ihre Lebenskraft in einer Felsenmasse erstarren fühlen.

Nordheim hatte schnell seine Besonnenheit wieder, ging an mir vorbei, als bemerkte er mich gar nicht, und sagte zu Julius: Erlauben Sie mir einen Augenblick in Ihrem Zimmer zu verweilen. Es geschieht, um Ihnen die Freiheit zu lassen, mit dieser Dame durch mein Kabinet zu gehen, aus welchem Sie sogleich auf den grossen Saal kommen, und schneller und unbemerkter zu ihrem Zimmer gelangen können. Verweilen Sie nur wenige Minuten in meinem Kabinet, um meinem Kammerdiener nicht auf der Gallerie zu begegnen.

Ich war auf das schmerzlichste bewegt, und konnte Nordheim nichts sagen; er war eilends in Julius Zimmer gegangen, und hatte die tür hinter sich zugemacht. Lassen Sie mich allein gehen! rief ich schmerzlich. Ach Julius, lassen Sie mich, wie kann ich solche Kränkungen ertragen! – Julius selbst schien verwirrt und nachdenklich, aber seine zarte Liebe verläugnete sich keinen Augenblick.

Ich verlasse Sie, sagte er sanft, weil Sie es wollen. Beruhigen Sie sich, beste Agnes, Nordheim soll in keinem Zweifel über Sie bleiben. Sein Sie ruhig, und geniessen des Schlafes. Er drückte meinen Arm sanft an seine Brust, und küsste meine Locken, die über das Gewand zerstreut lagen. Ich eilte davon, so sehr es mir der Schmerz an meinem Fuss erlaubte, der durch den Fall gelitten hatte. Ich war in Nordheims Kabinet, Liebe durchdrang mein ganzes Wesen, goldne Bilder webten sich vor meinen Sinn. Hier wird er ruhen, sagte ich mir. Eine Lampe brannte, mir dünkte die Harmonien unsichtbarer Genien um seine Lagerstatt zu vernehmen. – O möchte ihm ein Traum das reine unentweihte Bild der armen Agnes zeigen! Mit Gewalt musste ich mich dieser Zauberluft entreissen, sie hatte mit einer freundlichen Magie alle Verwirrung in meinem Busen aufgelöst, die in der Einsamkeit meines Zimmers aufs neue erwachte, und den Schlaf von meinen Sinnen verscheuchte. Ich habe die achtung des edelsten, geliebten Mannes verloren, er muss mich für ein leichtsinniges geschöpf halten, das sich selbst vergessend, die zarten Verhältnisse überschreitet, ... das von leidenschaft hingerissen ... Ich wagte es nicht auszudenken, nicht mich selbst anzuschauen mit diesen quälenden Vorstellungen.

Wird nicht jede Ausrede, die ich nehmen könnte, Nordheimen auch nur eine Ausrede dünken? und muss ich nicht die Wahrheit verschweigen, muss ein Opfer der unglücklichen Stellung der Umstände werden, die die Reinheit meines Charakters in seinen Augen beflecken!

Es wird eine Zeit kommen, sagte mir ein milder tröstender Genius, wo du dein Innres entschleiern darfst, wo du von jedem Schatten des Verdachtes gereinigt, vor Nordheim erscheinen wirst.

Die glückliche Spannkraft des Gemüts in der Jugend, wo das volle rege Leben der Einbildungskraft die Bilder der Zukunft mit der Gegenwart leicht und vielfach vermischt, half mir jenen bittern Schmerz, von meinem Geliebten verkannt zu sein, nicht besiegen, aber wohl ertragen. Gleichwohl fühlte ich, es sei etwas in meiner inneren Existenz zerrissen, da ich die erste Ungerechtigkeit des Schicksals erfuhr, indem ich unschuldig litt. Ich scheute mich, mich selbst anzusehen, als der Tag anbrach; mein unbefangenes frohes Dasein fand ich nicht wieder, aber eine Kraft zu leiden durchdrang meinen Busen, die ich noch nicht geahndet hatte. Ich schien mir um zehn Jahre älter an Erfahrung, und ein konzentrirteres Dasein schien mein Wesen auf der einen Seite zu umschränken, auf der andern es in seinem inneren fester und sicherer zu gründen.

Elise kam zu mir zum Frühstück, aber ihre Augen, sonst so lieb und traulich, schienen mir, von meinem eigenen Misstrauen gefärbt, nur forschend, sogar beleidigend.

Ach so gewiss entflieht die Liebe mit der Unschuld, da sie schon vor einem täuschenden Schatten der Schuld entweicht! Ich schützte Geschäfte vor, um allein zu bleiben, und las in einem meiner Lieblingsschriftsteller. Es war mir beruhigend, mich in die Gedankenwelt zu flüchten, da die Welt der Empfindungen mein Herz so tief verwundete! Die ruhige Geschäftigkeit unserer Denkkraft ist dem leidenden Gemüte, was ein stärkendes Bad dem ermüdeten Körper ist. Ein labender Quell spühlet alles Beängstigende aus unsern Vorstellungen hinweg, und wir empfangen, uns selbst unbewusst, mit dieser Stärkung des geistigen Vermögens, auch eine freiere Ansicht unserer äussern Lebensverhältnisse.

Elise kam nach einigen Stunden mit verweinten Augen in mein Zimmer. Sie schloss mich mit ungewohnter Heftigkeit in ihre arme, und rief mit einem süssen Ausdruck der Liebe und Unschuld aus: Nein, das wird mich niemand auf der Welt überreden, dass meine Agnes so fehlen kann! Guter lieber Engel, sagte sie, indem sie ihre Hand sanft an meine Wangen legte, du dich verstellen können, du unwahr und