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mir dünkte, Nordheim vermied, sich uns zu nähern, aber er beobachtete mich von fern, und selten, wenn meine Augen ihn suchten, fehlte mir sein lieber blick.

Auch Julius war still und traurig. Ich konnte in dieser Situation nicht ruhig bleiben. Die leiseste schmerzliche Empfindung, die meine Freunde durch mein Betragen erfahren konnten, fiel auf mein eigenes Herz zurück.

Mit Vergnügen sah ich die Pferde des Prinzen vorführen. Die Gräfin und die ganze Gesellschaft mussten dem Prinzen versprechen, in den nächsten Tagen in D. gegenwärtig zu sein, um ihm die Langeweile des Hofes erträglich zu machen. Beim Abschied führte er mich, so sehr es der Anstand litt, bei Seite, und flüsterte mir ins Ohr: Wenden Sie sich nicht von mir, süsses Mädchen, und verzeihen Sie es meiner angebohrnen Raschheit, wenn ich die schöne Blüte im Sturm zu erobern wähnte, die, ich fühl' es, nur durch süsse sorge und Treue zu gewinnen ist.

Es war eine schöne mondhelle Nacht; die Herren begleiteten den Prinzen. Nach einem kleinen Spatziergang mit Elisen und Bettinen, den ich dazu anwendete, um die von Charles bestimmte Gartenhecke genau zu bemerken, eilten wir in unsre Zimmer. Als ich Bettina gute Nacht gab, sagte sie mit einem sanftschwärmenden Ton: Zum erstenmahl sieht mich der Mond und die Sterne als deine Freundin, und sie sollen mich immer so sehen, so lang ich unter ihrem glänzenden Angesicht wandle! Die Neigung des guten Geschöpfs hatte ganz das Mädchenhaftscheue und Geheimnissvolle der ersten Liebe. Ein heftiges, lang verhaltenes Gefühl ihres Wesens fand auf einmal in der Freundschaft für mich einen Ausdruck, in welchem es die ganze Kraft seines ahndungsvollen Verlangens auszuhauchen vermochte.

Unter dem Vorwand, dass ich sehr ermüdet wäre, und mich schlafen zu legen wünsche, hatte ich Elisen aus meinem Zimmer entfernt, um mich zu meiner nächtlichen Wanderschaft vorzubereiten. Die Herren waren gegen elf Uhr zurück gekommen, im ganzen Schloss herrschte tiefe Stille, und ich erwartete die Stunde der Mitternacht, um in den Garten zu eilen.

Unter allen Szenen des vergangenen Tages hatte die Erklärung der Gräfin am tiefsten auf mich gewirkt. Die erste Jugendliebe will ein Ganzes besitzen, wie sie ein Ganzes gibt; sie versteht es nicht, sich mit Verhältnissen abzufinden, die nur einen einseitigen Genuss gewähren. Die Liebe der Gräfin für Nordheim, das Mitleid für sie, und die Unfähigkeit meines Gemüts, durch den Verlust eines andern zu geniessen, dieses alles brachte mich in eine verwirrtere Stimmung, als ich noch je gekannt hatte. Das ununterbrochene Zusammensein mit Nordheim nährte auf der andern Seite die Lebhaftigkeit meiner Neigung. Die Liebenswürdigkeit seines Wesens zeigte sich in jeder veränderten Stellung der äussern Lage, in immer neuer Grazie, und mein ganzes Dasein war Liebe für ihn.

Als die Glocke zwölf schlug, nahm ich eine kleine Handlaterne, und eilte zu der bestimmten Gartenhekke. Ich hatte meine Gestalt so sehr als möglich verhüllt, und hoffte unerkannt zu bleiben, im Fall mir jemand begegnen sollte. Mit Mühe fand ich durch die verworrenen Gänge des alten Gebäudes den Weg zur Gartentüre. Charles erwartete mich schon, nahm meinen Brief in Empfang, und verliess mich schnell, weil er befürchtete überrascht zu werden. Dringend empfahl er mir noch beim Abschied die grösste Vorsichtigkeit im Nahmen meiner Mutter. Der leiseste Verdacht auf unser verhältnis, sagte er, könnte uns aller Freuden der Zukunft berauben, und meine Mutter selbst lege sich die schmerzliche Trennung von mir auf, um unserer künftigen Zufriedenheit willen. Beim Rückwege durch den Garten verlöschte der Wind mein Licht. Mühsam schlich ich mich durch die unerleuchteten Gänge, und suchte die Treppe, welche zu meinem Zimmer führte. Ich half mir mit den Händen an einer Wand fort, und glaubte am Ende der Gallerie die Treppe zu finden. Ich fühlte, dass ich an mehreren Türen vorbei kam, und die Furcht, mich durch irgend ein Geräusch zu verraten, brachte mich in die peinlichste Lage. Innerhalb der Zimmer vernahm ich jedoch keine Bewegungen, und tröstete mich mit dem Gedanken, sie seien unbewohnt, oder ihre Bewohner liegen im tiefen Schlafe. Eben schlich ich an einer tür vorbei, als sie sich heftig gegen mich öfnete, und mich zu Boden schlug. Der Schrecken des Falles und der gefürchteten Entdeckung nahmen mir die Besinnungskraft. Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich auf einem Lehnsessel, und Julius mit einem Licht in der Hand, neben mir stehend.

Wie ist Ihnen, meine Agnes? fragte er besorgt. – O, dass ich die tür so ungestüm öfnen musste! Aber wer konnte auch denken, Sie hier zu finden! Die Furcht, in Julius Zimmer angetroffen zu werden, gab mir schnell meine Kräfte wieder. Ich verirrte mich ... es war ein Irrtum ... stammelte ich verlegen und ungeschickt, zündete meine Laterne an, und eilte mich zu entfernen. Lassen Sie mich Sie nur die Treppe hinauf begleiten, ich fürchte Sie haben durch den Fall gelitten, sagte Julius. Zum erstenmahl sah ich in seinem so reinen liebenden blick eine Spur des Misstrauens, und fürchtete meine Weigerungen möchten eine noch schlimmere wirkung auf ihn haben. Ich duldete also schweigend seine Begleitung, weil die Furcht, einen Freund zu beleidigen, alle andern Rücksichten verdrängte. Eilen Sie, Julius, ich beschwöre Sie, bat ich, dass wir nicht gesehen werden.

Mein geheimnissvolles Wesen schien ihm unbe

greiflich, doch erfüllte er meine Bitte,