der grössten Anstrengung vor den Augen der Gesellschaft. Der Prinz, welcher mir am nächsten stand, suchte mich mit seinem forschenden blick zu durchschauen. Solche sanfte liebliche Formen, wie auf diesem Bildniss der Prinzessin, dichtete sich meine Fantasie zu dem zarten feurigen blick meiner Mutter, der mir immer vor der Seele schwebte, so wie die reinen Verhältnisse ihrer Gestalt.
Nordheim gab bei seiner jedesmahligen Ankunft den Landleuten ein kleines fest. Dieser Abend war dazu bestimmt, und der Prinz wünschte ein Zuschauer zu sein. In der Mitte des Dorfes war ein Rasenplatz für die Tänzer, hohe Linden überschatteten ihn, an beiden Seiten waren Tische mit speisen und Getränke bereitet, und rings herum Bänke für die Zuschauer. Die fröhlichen selbstgenügsamen Gesichter der Eltern, und die starke markige Jugend, die sich gleichsam der Fülle ihrer Kräfte im raschen Tanz entlastete; alles zeugte von einem sichern ruhigen Wohlstand. Das bescheidne Betragen des grösseren Teils und seine Mässigkeit in der Freude bewies, dass diese Göttin hier keine seltene Erscheinung sei. Wir mischten uns in den kunstlosen Tanz. Nordheim bot mir die Hand. In welchen süssen einzigen Klang der Liebe löste sich gleichsam mein ganzes Wesen auf, als ich von seinen Armen umschlossen, unter dem klaren weiten Himmel dahin flog. Als der Schwindel des Tanzes meine Sinnen ergriff, und Bäume und Menschen um mich her anfingen sich zu drehen und zu schwanken, dann war mir es nicht anders, als trügen uns die lauen lieblichen Frühlingslüfte empor ins gränzenlose Blau des himmels, wo irgend eine schöne Insel sich niedersenken und uns aufnehmen werde. Ich bebte als wir aufhörten zu drehen; er setzte sich neben mich; Himmel, Luft und Menschen, alles war so heilig und liebevoll um mich her, und sein blick so voll göttlicher Reinheit auf mich gerichtet.
Julius näherte sich uns, und er stieg auf, um ihm Platz zu machen. Ein Schatten der Trauer schien über das himmlische Bild zu schweben, während sein blick mit einem Ausdruck süsser Neigung sich von mir losriss, als wollte er mir sagen: "Und du willst nicht die Freude deines Lebens an meinem Herzen suchen?" Mir dünkte, ich könne dem Drang meines Herzens nicht mehr widerstehen, müsste dem Geliebten nacheilen, und ihm sagen: "Du bist meine süsseste heiligste Liebe!" Als ich mich durch Schaam und Anstand gebunden fühlte, zuckte ein verwundender Schmerz gleich einem schneidenden Stahl durch meinen Busen.
Ich musste mit dem Prinzen walzen, und es war mir erwünscht, meine Gefühle im Tanz zu zerstreuen, wenigstens zu verbergen. Ich geriet in eine andere Verlegenheit. Als wir einigemahl rasch um die Linden herum geflogen waren, und in dem Zirkel der Tänzer nun langsam mit fortgingen, fasste der Prinz meine Hand, die in der seinen lag, fester, und sagte: Darf ich eine Frage an Sie tun, liebes Mädchen? Woher entstand die sonderbare Bewegung, mit welcher Sie heute das Portrait meiner Schwester betrachteten?
Ich war in quälender Verlegenheit, und suchte vergebens nach einer passenden Antwort.
Der Prinz fühlte es, und fuhr fort: Ich schweige, meine Beste; ich habe Ihr Vertrauen noch nicht verdient, und war unbescheiden mit meiner Zudringlichkeit. Verzeihen Sie, ich hoffe wir lernen uns besser kennen.
In Wahrheit, gnädigster Herr, sagte ich etwas gefasst, es gibt so manche Dinge, die wichtig für ein Mädchen wie mich sind, und die nur Kleinigkeiten für Sie sein könnten, dass ich mich schämen würde, Sie damit zu belästigen.
Alles, was in so einem holden guten Herzen vorgeht, wird nie unbedeutend für mich sein, sagte der Prinz lebhaft. Glücklich wäre der Bruder, wenn der zarte Anteil, welchen Sie der Schwester schenkten, auch auf eine günstige Stimmung für ihn deutete!
Wir wurden aufs neue in den Wirbel des Tanzes mit fortgerissen, und ich konnte nichts antworten. Ich fühlte, dass er meine Bewegung beim Anblick des Bildes für sich auslegte. Durch meine einfache Erziehung, und durch frühe ernste Geistesbeschäftigungen war ich beinahe ganz unbekannt mit dem System der weiblichen Eroberungssucht geblieben, und der Ausdruck des Wohlwollens für Männer und Weiber hatte bei mir dieselbe Farbe, um so mehr seit meine zärtliche Neigung ausschliessend für einen Einzigen sprach.
Ich dachte mir also keinen andern Sinn in den Worten des Prinzen, als dass er mir wohlwolle, und meine Freundschaft wünsche.
Während des Tanzes fiel mir die grosse Ähnlichkeit seiner eignen Züge mit dem Bildnisse seiner Schwester erst recht auf, und das Andenken meiner geliebten Mutter, welches sich auf eine sonderbare geheimnissvolle Art mit jenem Bildniss verwebt hatte, gab meinem ganzen Wesen eine Stimmung zur Zärtlichkeit, welche den Prinzen in seinem Irrtum unterhielt. Er schloss mich während des Tanzes fest an seine Brust, seine Augen und sein ganzes Betragen verrieten eine Glut der aufgeregten Sinne, die mich scheu und' verschlossen machte, und mein Gemüt endlich in Widerwillen von ihm abwendete.
Das Nachtessen wurde in einer Laube von frischen Tannenzweigen aufgetragen, welche zierlich erleuchtet war. Die Tafel war mit den schönsten Blumen des Frühjahrs geschmückt. Der Abend war lieblich. In dem ganzen Ton des kleinen Festes herrschte eine schöne Einfalt. Die ländliche Musik, oft von den frohen Jubeltönen kunstloser Freude begleitet, stimmte das Herz zu reiner Fröhlichkeit, weil es rings um sich her mitgeniessende Wesen wahrnahm.
In allen Anordnungen fand ich das wohlwollende Herz meines Geliebten. Er selbst war nicht heiter. Der Prinz ging den ganzen Abend hindurch nicht von meiner Seite, und