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der kleinen Pforte, die in den Garten führt, gegenüber, wird er Sie an der Gartenhecke, so lange Sie noch in diesem Aufentalt sind, alle Nächte hindurch erwarten. Warten Sie Zeit und Umstände wohl ab, bis sich der günstigste Augenblick zeigt.

Johannes Ch.

Ich eilte sogleich meiner Mutter zu schreiben, und benutzte jeden Moment des Tages dazu, wo ich mich unbemerkt von der Gesellschaft hinwegstehlen konnte. Auf die Frage: ob ich schon eine lebhaftere Neigung für irgend einen Mann empfunden? sagte ich ihr: An e i n e geliebte Gestalt ist die Freude und die hoffnung meines Lebens in der Liebe geheftet; und trennt mich das Schicksal von dieser, so wünsche ich unverheuratet einzig für meine teure Mutter und meinen Vater in Hohenfels zu leben.

Nordheim erhielt einen unerwarteten Besuch des Prinzen, welcher sich wegen einer Zusammenkunft mit seiner Schwester, für einige Tage auf einem Lustschloss in der Gegend aufhielt.

Der Prinz verband eine schöne Gestalt mit einem einnehmenden Betragen. Durch seinen langen Aufentalt in fremden Ländern hatten sich die scharfen Ecken abgeschliffen, welche Gewalt und Schmeichelei notwendig in einem Charakter erzeugen. Sein Betragen war einfach und fein, doch zeigte es sich bei manchen kleinen Veranlassungen nur als erworbene Manier. Man näherte sich ihm, ohne jenes Vertrauen zu empfinden, welches nur eine schöne natur, nur eine wohlwollende Seele einzuflössen im Stand ist. Die Neigung des Prinzen für Nordheim äusserte sich lebhaft; man fühlte, wie er nach seiner achtung rang, und Beifall oder Tadel in seinen Augen zu lesen strebte.

Während die Herren sich in den entfernteren Gartenanlagen umsahen, ging die Gräfin auf ihr Zimmer, und bat mich, sie zu begleiten. Sobald wir allein waren, sagte sie: liebes Mädchen, unter Menschen, die sich nicht fremdartig, vielmehr durch gleiche Liebe zum Schönen und Guten mit einander verschwistert sind, kommt früh oder spät ein Moment der innigeren Annäherung, wenn sich nicht feindselige Verhältnisse dazwischen legen. Ich wollte jenen Moment unter uns erwarten, denn es ist mit der Neigung wie mit gewissen Früchten, die, wenn sie auf den rechten Punkt der Reise gekommen sind, uns von selbst am schönsten zufallen. Das Gewebe sonderbarer Missverständnisse, welches zwischen uns zu entstehen droht, änderte meinen Entschluss. Ich fühle es, bestes Kind, meine geübtere Hand muss diese verworrnen Fäden trennen, und unsern Gemütern die schöne Lauterkeit und klarheit erhalten, für die wir beide gebohren sind. O Agnes, das Leben ist kurz, und wir verlieren den grössten teil desselben durch Missverständnisse. Nicht nur wünschte ich mir, jeden Vorwurf über dein Schicksal zu ersparen, holdes Kind, sondern vielmehr die süsse Beruhigung in der Seele zu tragen, dass ich ein liebenswürdiges Gemüt vor dem Unfrieden mit sich selbst bewahrte. Ich forsche nicht nach den Geheimnissen des Herzens, aber von mir nimm die Versicherung, dass ich Nordheim nie besitzen kann.

In ungünstigen Verhältnissen verblühte die Jugend meines Lebensmeines Herzens; ich rettete nur Trümmer, und diese können das volle Glück eines Mannes nicht machen, der selbst die schöne Grazie eines jugendlichen Empfindens bewahrte. Ich läugne es nicht, ich halte es für ein beneidenswertes los, in der innigsten ruhigsten Verbindung mit dem liebenswürdigsten mann zu leben; – aber die Offenherzigkeit dieses Geständnisses kann dir auch, wenn du und ich anders dessen bedürfen sollten, die Wahrheit meiner Zusicherung verbürgen. Liebe Seele, sagte sie sanft, und zog mich an ihre Brust, bleibe dir selbst klar, du hast ihn geliebt; und wenn man ihn einmal geliebt hat, – kann man sein Herz von ihm wieder losreissen? Meine Lage war unglücklich und sonderbar, und meine Gemütsstimmung wurde es auch. Der freie schöne blick ins Leben ging früh für mich verloren; ich habe meinem eigenen Herzen Schulden abzubüssen, und nur in strenger Wachsamkeit auf mich selbst bewahre ich meinen innren Frieden. Mein Dasein ist Kampf und Arbeit. Jetzt genug, Liebe, verlass mich, und glaube sicher, dass i c h deinem Glücke nicht im Wege stehe.

Ich sank stumm in Amaliens arme; ihre Worte hatten mein Innres ergriffen, und achtung und Mitleid füllten meine Brust.

Mehr noch als ihre Worte, hatte ein unaussprechlicher Ausdruck des tiefen Leidens, der mir in ihren Zügen zum erstenmahl erschien, meine Seele in inniger Neigung gegen sie eröfnet. Unter der herrschaft der Weltsitte hatte sie sich gewöhnt, einen Schleier des leichten Mutes um ihren Gram zu ziehen, der ihr in diesem Augenblick der herzlichen Vertraulichkeit entfiel.

arme Amalia! sagte ich in dem tiefsten Herzen, aus welcher schmerzlichen Verwirrung sich unser Schicksal lösen soll, fasse ich noch nicht!

Die Herren kamen bald von ihrem Spatziergang zurück, und die Gesellschaft versammelte sich zum Tee. Der Prinz sprach mit Offenheit über seine gegenwärtigen und künftigen Verhältnisse. Ich hoffe, sagte er, in solch einem geistvollen Cirkel ein guter Mensch zu bleiben, und Erhohlung und Lebensgenuss nach erfülltem Beruf unter Ihnen zu finden. Ich hoffe, fuhr er fort, auch meine Schwester wird von Ihnen wert gefunden werden, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft zu teilen. Sie ist ein gutes liebenswürdiges geschöpf, und mein Hof wird, durch die Grazie ihres Umgangs belebt, eine lieblichere Gestalt gewinnen. Er zeigte der Gräfin ein Portrait der Prinzessin, und hernach auch Elisen und mir. Mit welcher Gewalt ergriffen mich diese Züge! Eine dunkle Rückerinnerung an die Gestalt meiner Mutter erwachte in meiner Seele; – ich bebte, errötete, und verbarg meine Bewegung nur mit