1798_Wolzogen_113_31.txt

mir unaussprechlich liebenswürdig. Selbst die Entfernung, welche er gegen mich beobachtete, deutete auf einen zärteren Anteil seines Herzens an mir, der durch die Situation, in welcher er mich mit Julius gefunden, notwendig beleidigt werden musste. Wie gern hätte ich meine ganze Seele offen vor ihm dargelegt! Battista und seine Schwester waren eingeladen, uns mit ihrer versprochenen Musik zu ergötzen. Beide waren zierlich gekleidet, und die blühenden Gestalten voll jugendlichen Lebens, die unter einem Blütenbaume sassen, und den Zauber ihrer einfachen herzlichen Melodien um sich her verbreiteten, teilten uns allen eine beinahe idealische Stimmung mit. Die Kinder spielten ein welsches Liedchen, und das Mädchen legte den ganzen Sinn hinschmelzender Zärtlichkeit in die süsse Melodie. Unter dem Schatten der breiten Augenlieder und der langen Wimpern blitzte zuweilen ein feuriger blick hervor; immer traf er auf denselben Gegenstand, auf Nordheim.

Bravo, Bettina! sagte Nordheim, indem er die Kleine bei der Hand fasste, und die schwarzen Locken zurückschlug, die in der Glut des Gesangs über ihre Stirne herabgefallen waren. Seit wann lehrte dich deine Mutter dies Liedchen?

Auf meine Bitte, erwiderte Bettina, lehrte Sie mich's vor einigen Tagen, da wir hörten, dass Sie zurückkommen würden.

Ich danke dir, mein Kind! sagte Nordheim freundlich. Bettina drückte seine Hand an ihre Lippen, und eilte hinweg.

arme Bettina! rief die Gräfin aus, indem sie ihr mit einem traurigen blick nachsah.

Warum beklagen Sie Bettina, liebe Gräfin? fragte Nordheim. Ich rechne selbst auf Ihre Güte, um dem anmutsvollen kleinen geschöpf ein glückliches Schicksal zu bereiten.

Ich dachte nicht an Bettina's äussere Lage, als ich sie beklagte, sagte die Gräfin. Aber wohl schmerzte es mich, das junge Gemüt schon in der vollen Glut der leidenschaft auflodern zu sehen, die sie mit so rührender Wahrheit in ihrem Gesang aushauchte. Nordheim erwiderte: Sollen wir den grossen Anlagen der natur misstrauen, meine Freundin? An der Glut der Leidenschaften reift das Edelste in uns. Gewiss, mein Freund, sagte die Gräfin. Aber wenn ein hoher stolzer Baum vom Blitz zerschmettert vor unsern Augen hinstürzt, oder ein holdes Gemüt der Gewalt einer leidenschaft unterliegend, in seinen besten Lebenskräften dahin stirbt, fühlt sich unser Herz nicht von allen Schmerzen der Zerstörung ergriffen? Zumahl, setzte sie hinzu, wenn ein eigenes schmerzliches Schicksal uns das innere Gefühl des Wesens in seiner geheimsten Tiefe erkennen lehrt?

Die Damen gingen nach ihrem Zimmer, um sich anzukleiden; ich nahm Bettina mit mir. Das holde geschöpf, voll Jugend und Leben, zog mich an sich, und die innigen wahren Laute der natur in ihrer Neigung zu Nordheim trugen vielleicht nicht wenig bei, den Reiz zu vermehren, welchen ihr ganzes Wesen für mich hatte.

Anfänglich war sie still und verlegen, aber als sie fühlte, dass ich es wohl und treu mit ihr meinte, schwatzte sie lieblich und unbefangen über ihr häusliches Leben, ihre Beschäftigungen und Verhältnisse. Meine Mutter, sagte sie unter andern, spricht davon, mich in der Stadt in einem guten haus unterzubringen, wo ich dann vielleicht mit der Zeit einen braven Mann fände, und so unserm Wohltäter die sorge für uns erleichtert würde. Es sei unbescheiden, sagt sie, ihn mit unsrer ganzen Existenz zu belästigen.

Ich fühle, dass sie Recht hat, aber ... Die arme Kleine brach in einen Strom von Tränen aus. Ich sprach ihr zu, ruhig zu sein, Nordheim sei zu gütig, um sie zu irgend einem Schritt zu nötigen, welcher nicht mit ihrer Neigung geschähe; er selbst würde es nicht zugeben, dass ihre Mutter sich der Freude, sie zu sehen, beraubte. Ach welchen Trost Sie mir geben! rief sie lebhaft aus; ihr schönes schwarzes Auge kehrte sich gegen Himmel, sie legte ihre arme übers Kreuz und drückte sie fest an ihre Brust. Mein ganzes Leben soll im Gebet für das Glück des edelsten liebenswürdigsten Mannes hinfliessen, fuhr sie fort, o ihm verdanke ich ja alles! was kann ich sonst für ihn tun! Wär' ich wie mein Bruder, hätte ich Stärke in meinen Armen, um ein Ross zu bändigen, könnte ich schiessen und mit Waffen umgehen, dann wiche ich nie von seiner Seite, ich folgte ihm auf Reisen als Knappe, in allen Gefahren blieb' ich bei ihm, und kein Unfall sollte ihm nahen; würde' er verwundet oder krank, dann wollt' ich nicht von seinem Bett gehen: meine Mutter lehrte mich Wunden verbinden und Kranke pflegen. Ach und wie vorsichtig wollte ich sein! Niemand als ich sollte ihn anrühren, und niemand sonst an seinem Bette wachen, damit der Schlaf durch keine unvorsichtige Bewegung von den lieben Augenliedern verscheucht würde.

Eine glühende Röte überzog ihr Gesicht; sie fühlte erst jetzt, dass sie mir ihr innerstes Dasein entüllt hatte.

Die schönen Anlagen eines starker tiefer Eindrücke fähigen Gemüts, die sich so lieblich in ihrer Rede entfalteten, flössten mir herzliche Zuneigung ein. Ich versprach ihr Liebe und sorge für ihr künftiges Leben, und sie freute sich der hoffnung, mir oft schreiben zu dürfen.

Durch einen Boten aus der Stadt empfing ich folgenden Brief: Eine Ihnen sehr werte person wünscht einige Zeilen von Ihrer Hand; vorzüglich wünscht sie eine Antwort auf die letzte Frage, die sie an Sie getan, ehe die Glocke des Abschieds schlug. In der Stunde der Mitternacht werden Sie einen treuen Boten bereit finden. Gerade