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alle es durch Sie sind? Ach Sie müssten es sein! Sprechen Sie, bestes Mädchen.

Das redliche Bemühen der gutmütigen feinen Seele rührte mich innig, aber je zärter ich diese Seele empfand, je mehr fühlte ich, dass ich ihr nicht alles geben könnte, und nichts halbes geben dürfe.

O beste Agnes, Sie sind bewegt, rief Julius. Reden Sie! – Aber Sie schweigen; o ich verstand Sie unrecht, ich habe Sie beleidigt! rief er schmerzlich aus, und verbarg sein Gesicht in seinen Händen. – Nein, beste Seele, sagte ich, nein, wie wäre es möglich! – Juliuswenn ich könnteach wenn ich Sie so über alles lieben könnte, wie Sie es verdienen!

Über alles? meine Agnes, wie könnte ich das verlangen! Täuschen wir uns nicht, meine Beste; ein Herz wie das Ihrige, in dem sich so mannichfache Kräfte früh entwickelten, dieses kann keinen Mann über alles lieben.

Sein Sie mir nur gut; lassen Sie mich Sie so glücklich machen, als ich kann. Ihr Gutsein ist tausendmahl mehr, ist inniger, zärter, als das was andere Frauen Liebe nennen.

Es war ein entscheidender Augenblick; das schwankende, vielleicht nur in meiner Einbildung gewebte verhältnis mit Nordheim, schwebte mir vor, Julius reine zarte Liebe drang zu meinem Herzen; ich drückte seine Hand fester, und mein tränenschweres Auge verbarg sich an seinem Arm. Ein Geräusch unterbrach uns, ich erhob meine Augen Nordheim stand unter der tür, zog sich aber augenblicklich zurück. Werde ich nicht das Bild dieses einzig Liebenswürdigen immer mit verlangender sehnsucht umfassen, selbst an Julius treuem Herzen? Diese Frage bewegte meine ganze Seele. Meine Lippen zitterten, und ich hatte keine Worte, so wie keine klare Empfindung.

Julius sass mit dem rücken gegen die tür, und hatte Nordheim nicht gesehen, er wähnte, Liebe für ihn bewege mein Herz so heftig. O beste Agnes, fuhr er fort, nur ein holdes Wort von Ihren Lippen, welches die süssen Ahndungen, die ich aus diesem Schweigen nehme, zur hoffnung erhebt! Nie sah ich Sie so bewegt: – ist es für mich? – Ja, es ist ein sanftes Neigen Ihrer Seele gegen die meine.

Der Wahn, in dem Julius meine verwirrte Empfindungen zu seinem Vorteil auslegte, war mir innig schmerzlich. Ich fühlte, dass ich ihm ganz wahr sein, ihm mit Aufopferung aller Weiblichkeit den Zustand meines Gemüts rein darlegen müsse. Er hielt noch immer meine Hand, und sagte sanft: Warum wenden Sie Ihr liebes Auge von mir? O Agnes, können Sie mich lieben? – Liebte ich nicht schon, so könnte ichs, erwiderte ich mit weggewendetem Gesicht, während meine Hand die seine drückte. Ach Gott! rief er mit einem Ton des tiefsten Schmerzens. Nicht für mich! Nach einigen Momenten der lebhaftesten Bewegung, wo seine Brust einen tiefen Kummer zu verarbeiten schien, und sein Auge mit hervorstürzenden Tränen kämpfte, wendete er sich wieder gegen mich, indem er ausrief: Und doch für mich! Wer kann mir die zarte Neigung rauben, die mich belebt? Wer die innige treue sorge, die mit meinem ganzen Dasein verwebt ist? Fühlte ich nicht erst die ganze Tiefe meines Wesens, seit die Gewalt dieser Liebe deiner allbesiegenden Schönheit alle Kräfte in mir aufregte! Ja, für dich will ich leben, du sollst meine zärteste sorge sein, wie du meine süsseste Freude hättest werden können.

Sie sollen alles wissen, mein werter Freund, sagte ich ihm, meine Liebe, meinen Schmerz. Ach Julius! Warum musste ein früherer Eindruck mein Herz für Ihre Neigung verschliessen! – ein Eindruck, der mich schwerlich zur Glückseligkeit leiten wird.

Als mich Julius entschlossen sah, ihn zum Vertrauten zu machen, half er mir mit jener schonenden Feinheit, ihm mein geständnis abzulegen, welche die Gedanken errät, bevor sie sich noch Worte gebildet haben. Da ich endlich Nordheims Nahmen aussprechen musste, erschrack er, als hätte er etwas ganz Unerwartetes vernommen.

Ihre Liebe, meine Agnes, wird mit Leiden verbunden sein, sagte er. Die hülfe der Freundschaft kann vielleicht den Kummer Ihres Herzens erleichtern. Heilig gelobe ich, Ihr Freund, und nur I h r F r e u n d zu sein. Ich verspreche nicht wenig, aber ich will und werde es halten.

Wie wert war mir Julius in diesem Moment! Ich gelobte mir selbst im Stillen sein Glück an meinem Herzen zu tragen, und ihm immer mit unverbrüchlicher Treue und Wahrheit zu begegnen.

Wir müssen jetzt zur Gesellschaft, sagte Julius; ich sehe, man versammelt sich im Garten. Wenn Sie nicht mein werden können, beste Agnes, so muss ich künftig vorsichtiger in meinem Betragen sein, um die Welt in keiner Täuschung über unser verhältnis zu lassen. Verzeihen Sie, dass ich meine Empfindungen bis jetzt zu laut sprechen liess; es soll nicht mehr geschehen. Nur wenn wir allein sind, werden Sie immer mein offenes, ganz von Ihnen erfülltes Herz auf meinen Lippen finden.

Die Gesellschaft war in einem kleinen Pavillon versammelt. Nordheim sah mich nur flüchtig an, als ich mich ihm näherte, gleich als wollte er meiner Verlegenheit schonen. Er begegnete mir mit derselben feinen achtung als zuvor, aber doch hatte sich eine gewisse kalte Höflichkeit als eine fremde Farbe in sein Betragen gemischt, und die sanfte Vertraulichkeit war verschwunden. Mein Herz war gepresst. Er schien